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Niedriglohn verdirbt die Rente

Der DGB Sachsen-Anhalt warnt in einer Studie vor gravierender Altersarmut

  • Von Hendrik Lasch, Magdeburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Auf dem Papier gibt es zunächst einmal ein Plus. Ein Mann, der in Sachsen-Anhalt im Jahr 2015 in Rente ging, durfte mit monatlichen Bezügen von durchschnittlich 1115 Euro rechnen - 81 Euro mehr, als man 15 Jahre zuvor am Ende des Arbeitslebens erwarten durfte. Leisten allerdings konnte er sich für das Geld viel weniger. Der Kaufkraftverlust habe 26 Prozent betragen, geht aus einem »Rentenreport« des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für das Bundesland hervor - was rechnerisch einem Minus von 187 Euro entspreche.

Das Auskommen künftiger Rentner wird freilich nicht nur durch steigende Mieten, Heizkosten oder Preise für Lebensmittel geschmälert; vielmehr werden viele von vornherein deutlich weniger Rente erhalten als heutige Senioren. »Ein Großteil der neuen Altersrentner ist von Armut gefährdet«, sagt Susanne Wiedemeyer, Landeschefin des DGB in Sachsen-Anhalt. Schon jetzt erhielten 43 Prozent der Männer und zwei von drei Frauen nur bis zu 900 Euro aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 942 Euro. Aus der gesetzlichen Rentenkasse kommen im Osten 97 Prozent der Altersbezüge, im Westen nur drei Viertel. Dort spielen auch Betriebsrenten und Beamtenpensionen eine wichtige Rolle.

Dass Rentner zunehmend mit niedrigeren Renten und nicht selten auch mit Armut rechnen müssen, hat mehrere Gründe, darunter niedrige Löhne, die in Sachsen-Anhalt nach Angaben Wiedemeyers verbreitet sind. So erhalte jeder dritte Beschäftigte nur den Mindestlohn. Nahezu ein Viertel der Werktätigen arbeitet zudem Teilzeit. Auch wiederholte Brüche in den Erwerbsbiografien und die Absenkung des Rentenniveaus spielten eine Rolle. Letzteres lag im Jahr 1990 noch bei 55 Prozent der durchschnittlichen Einkommen, beträgt heute 47,6 Prozent und wird weiter abgesenkt.

Fatal wirken sich zudem ein vorzeitiger Eintritt in die Rente und die gleichzeitige Anhebung des gesetzlichen Rentenalters aus. Derzeit gehen Männer in Sachsen-Anhalt im Durchschnitt mit 63,6 Jahren in Rente, Frauen mit 63,4. Das Eintrittsalter liegt damit 1,8 Jahre höher als 2005. Allerdings arbeiten nur die wenigsten wirklich bis zum offiziellen Rentenalter: Von den 64-Jährigen geht der Studie des DGB zufolge nur noch jeder Zehnte einem Vollzeitjob nach; noch einmal etwa halb so viele arbeiten Teilzeit. Wiedemeyer appelliert an Arbeitgeber, verstärkt Arbeitsplätze zu schaffen, auf denen Menschen tatsächlich bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten können - was derzeit schwer sei, »nicht nur für Dachdecker, sondern auch für Lehrer und andere«. Die Landeschefin geht indes davon aus, dass dies gar nicht Anliegen der Rente mit 67 sei: »Wir haben die große Befürchtung, dass es sich um ein reines Rentenkürzungsprogramm handelt, und nichts anderes«, sagt sie.

Wirklich neu ist diese Einschätzung nicht, und auch die Erkenntnisse zur Entwicklung der Renten hätten sie nicht völlig überrascht, räumt Wiedemeyer ein: »Wir warnen vor Altersarmut ja schon seit zehn Jahren.« Allerdings ist der Zeitpunkt für die Veröffentlichung der Studie, die es in dieser Form nach Angaben des DGB nur in Sachsen-Anhalt gibt, nicht zufällig gewählt. Rentner sind Wähler - und zwischen Altmark und Burgenland fallen ihre Stimmen besonders ins Gewicht: Ihr Anteil an der Wählerschaft liegt bei der anstehenden Bundestagswahl bei 30 Prozent. »Das Thema wird mit wahlentscheidend«, glaubt die DGB-Chefin. Sie betont, dass sich die meisten Parteien zur Zukunft der Rente äußern: »Nur die CDU verweigert sich und setzt auf eine Kommission.« So aber gehe wertvolle Zeit verloren, um auf die Besorgnis erregende Entwicklung zu reagieren. »Es muss jetzt schnell gehen«, sagt Wiedemeyer, »noch einmal zehn Jahre zu warten, können wir uns nicht leisten.«

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