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Manchmal wie beim Boxenstopp

Julia Frommhold zaubert Hexenberg-Schauspielern die passende Maske ins Gesicht

»Manche Männer sind wirklich nicht so einfach in Frauen zu verwandeln.« Das meint Julia Frommhold natürlich nur für die Bühne. Sie arbeitet als Maskenbildnerin beim Hexenberg-Ensemble auf dem Pfefferberg und erwähnt andere Metamorphosen, wenn es darum geht, die Darsteller optisch in eine fremde Zeit zu holen. Die Schauspieler grundieren ihre Maske vorbereitend selbst. »Ich bin dann für Feinheiten und die Haare da. Na, eben Finessen, für die man auf mich zurückgreifen muss.« Wer bei den Aufführungen gut hinsieht, erkennt die Sorgfalt, mit der sie arbeitet.

Zum Theater wollte Julia Frommhold immer. Sie spielte als Jugendliche selbst am Deutschen Nationaltheater Weimar. Das war es aber nicht, was sie letztlich faszinierte. Es war die Kreativität des Maskenbildnerberufs. Die wenigen Studienplätze in Dresden waren vergeben. Also ging sie nach dem Abitur zum Praktikum wieder ans Weimarer Theater, wo sie schließlich ihre Ausbildung zur staatlich anerkannten Maskenbildnerin absolvieren konnte. Zudem arbeitete sie eine Zeit am Meininger Theater.

Zu ihren interessanten beruflichen Erfahrungen gehörte der Kontakt über das Goethe-Institut zu einer Lehrerin an einer deutschen Schule in Helsinki und ihrer Klasse. Julia Frommhold gab dort einen Workshop, danach ein Skype-Interview mit Schülern aus Finnland. Die Jugendlichen drehten einen Film und fertigten dafür vorgetäuschte Blessuren an sich an, die die Fachfrau staunen ließen.

»Ich wollte unbedingt nach Berlin. Es ist die tollste Stadt der Welt. Sie hält so vieles bereit. Man kann sich nie sattsehen und auch für kleines Geld viel machen.« Das sagt sie jetzt als Neuköllnerin mit vielen Freunden dort und in Kreuzberg. »Ich bleibe hier, bin nicht mehr bereit, umherzuziehen.« Als Selbstständige musste sie viele Klinken putzen. Das gehört dazu, das sieht sie entspannt. Manchmal hilft sie an der Schaubühne aus.

Doch angekommen ist sie vor einem Jahr auf dem Pfefferberg an der Schönhauser Allee, an der Barnimkante. Kante passt, denkt man an die finanzielle Situation des Theaters, das nach wie vor tapfer durchhält. Entsprechend bescheiden ist ihr »Reich« im Keller des Theaters. In einem Regal verstaut sind die notwendigen Utensilien. Sie hadert nicht mit der Einfachheit. Entscheidend ist für sie anderes. Sie erzählt von ihrer Mitarbeit an einem Gefängnisfilmprojekt vor längerer Zeit. »Dornenkronen« hieß es, für das sie acht »Königinnen« schminkte. Später kam dort noch ein Theaterprojekt hinzu. Von Würde und Respekt handelte beides.

Respekt voreinander zu zeigen, ist ihr wichtig. »Ich fühle mich hier gleichgestellt. Es ist ein tolles Team.« Zahlreiche Künstler lernte sie in ihren Berufsjahren kennen, auch Diven mit all ihren Ängsten - und ihren unterschiedlichen Strategien, diese zu kompensieren. »Du musst zu fünfzig Prozent Therapeut sein, sagte mir mein Ausbilder in Weimar.« Sie lernte, wie wichtig klare Grenzen sind. »Ich bin kein Sklave. Ich bringe keinen Kaffee. Aber ich bin da, wenn jemand reden möchte. Und die meisten wollen reden.«

Allürenalarm droht ihr im Hexenberg-Ensemble nicht. Hier geht es kollegial zu. Das ist gut, denn dieser Beruf bedingt Nähe. »Ich berühre Gesichter, habe fremdes Haar in meinen Händen.« In Ruhe kann das nicht immer geschehen. Die Maskenbildnerin wird bei Vorstellungen auch hinter der Bühne gebraucht. Und zwar mit Tempo. Das Adrenalin schießt ihr dann ins Blut. »Das ist wie zum Boxenstopp bei Formel 1, wenn beispielsweise in ›Der eingebildete Kranke‹ Carsta Zimmermann blitzschnell von der Rolle der Hausangestellten in die des Arztes wechseln muss und später rasant wieder zurück.« Solche Herausforderungen spornen Julia Frommhold an.

Eine aufwendige Maske reizt die Fachfrau ungeheuer. »Naja, ich werde aber den Regisseur hier wohl kaum zu Horrorszenarien überreden können.« Wer weiß das schon. Zuzutrauen wäre ihr das. Warten wir mal die kommende Hexenberg-Märchensaison im Winter ab.

Was auch immer Julia Frommhold kunstvoll in Gesichtern gestaltet, die Schauspieler waschen es sich befreiend nach der Vorstellung ab. Das versteht sie gut. Selbst schminkt sie sich sparsam und eben dadurch effektvoll. »Als ich zum Theater ging, drehte ich mir die schärfsten Tollen. Das ließ ich schon nach kurzer Zeit bleiben«, sagt sie und lacht.

Während unseres Gesprächs auf dem Pfefferberg strahlt sie aus, wie wohl sie sich dort fühlt. »Ich will hier nicht mehr weg!«

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