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Ehre für die »Fremdenfreunde«

Schweriner Landtagsfraktion der Linkspartei verleiht Parchimer Initiative für Flüchtlingshilfe ihren Courage-Preis

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 4 Min.

Man werde alles dafür tun, dass sich das nicht wiederholt, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) in der vergangenen Woche, in der der rassistischen Randale in Rostock vor 25 Jahren gedacht wurde. Und tatsächlich gibt es nun im Nordosten, was damals weitgehend fehlte: Nicht nur staatliche Verantwortlichkeit im Umgang mit Geflüchteten, sondern vor allem auch individuelle Zuneigung und organisierte Solidarität.

»Fremdenfreunde« steht etwa auf der Fotomontage, mit dem eine Facebookseite aus Parchim aufgemacht ist. Darauf werden Gesichter, die augenscheinlich eingesessenen Landeskindern zuzuordnen sind, mit solchen »verschmolzen«, bei denen man das nicht auf den ersten Blick annehmen würde. »Unser Zuhause Parchim«, steht jeweils unter diesen Doppelporträts. Die visuelle Botschaft ist pointiert: Wir sind im Grunde doch alle gleich.

Das Profil gehört der Initiative »Netzwerk für Flüchtlinge in Parchim«, die sich seit 2015 in der westmecklenburgischen Stadt engagiert. Und dass solches Engagement dort notwendig ist und durchaus auch etwas Zivilcourage erfordert, zeigt bereits ein erster Blick.

Denn gleich neben dem Internetauftritt des Helfernetzwerks findet sich eine Plattform namens »Parchim wehrt sich gegen Asylmissbrauch«, die hauptsächlich aus einer bundesweiten Nachrichtensammlung über mal vermeintliche und mal tatsächliche Straftaten, Ordnungswidrigkeiten oder sonstige gefühlte Verstöße besteht, die Flüchtlingen, Einwanderern oder auch deutschen Bürgern mit Migrationshintergrund zugeschrieben oder nachgesagt werden. Und zumindest in der Währung von »Likes« und »Abonnenten« auf Facebook liegen die Fremdenfeinde klar vor den Fremdenfreunden: Erstere bringen es auf rund 9000 virtuelle Anhänger, letztere auf gerade einmal gute 700. Und auch die Gegner der Gegner, die sich unter »Parchim wehrt sich gegen Intoleranz, Dummheit und Fremdenhass« versammeln, liegen im Internet bei nur knapp 1500 Unterstützern.

Dass sich dieses virtuelle Kräfteverhältnis nicht eins zu eins in die gelebte Wirklichkeit übersetzt, ist der Verdienst, für den das Parchimer Flüchtlingsnetzwerk nun ausgezeichnet wird. Am Samstag wird Simone Oldenburg, die Linkspartei-Fraktionschefin im Schweriner Landtag, der Initiative im Rahmen des Friedensfestes in Graal-Müritz den mit 2500 Euro dotierten Courage-Preis der Fraktion verleihen. Mit diesem werden in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal »Einzelpersonen, Initiativen oder Projekte« geehrt, die »sich mutig und ehrenamtlich in besonderer Weise gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass und Diskriminierung engagieren«, heißt es bei der Fraktion zu der Entscheidung. »Das Netzwerk ist ein Preisträger, der den Zielen unserer Auslobung außerordentlich gerecht wird«, sagt Simone Oldenburg. Dem Netzwerk sei es »beispielhaft gelungen, die einheimische Bevölkerung für ein friedliches und tolerantes Miteinander zu gewinnen«.

Seit Ende August 2015 setzt sich die Initiative unermüdlich für geflüchtete Menschen ein - sie hilft bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln, mit Kleidung sowie anderen Dingen des täglichen Bedarfs - und wenn es nur um ein paar Gummistiefel geht, die aktuell gebraucht werden. Das Netzwerk hilft aber auch bei der Bürokratie, die Neuankömmlinge oft überfordert, begleitet sie etwa zu Ämtern oder Ärzten. Auch Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache werden organisiert.

Würdigungswert findet die Linksfraktion auch, dass die Betroffenen selbst an der Arbeit des Netzwerks aktiv mitwirkten. Wenn Flüchtlinge etwa über ihre Lebensgeschichten und auch die Gründe und Umstände ihrer Flucht berichten, werden aus einer anonymen Gruppe Individuen mit eigenem Gesicht. So trügen auch die Betroffenen selbst maßgeblich dazu bei, Vorurteile abzubauen. »Die Bereitschaft, sich kennenzulernen und voneinander zu lernen, ist unerlässlich für ein harmonisches Zusammenleben, das beide Seiten bereichert«, heißt es in der Begründung der Landtagsfraktion für die diesjährige Preisverleihung.

Nicht zuletzt will die Fraktion aber auch das politische Wirken des Netzwerkes würdigen, das sich »in vielfältigen Aktivitäten gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass« wende, aber auch positive Akzente setze - etwa durch die Ausstellung »Wenn Fremde Freunde werden« mit jenen »gemorphten Porträts«, mit denen das Netzwerk heute im Internet Besucher begrüßt.

In gewisser Weise werden mit den Parchimern auf dieser Art auch viele anderen Initiativen und Personen geehrt, die sich auch im Nordosten für Geflüchtete einsetzen und gegen Rassismus eintreten.

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