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Die vielen Sprachen der Musik

Young Euro Classic: Osteuropäisch-asiatisches Orchester gab kuriosen Bilderbogen

Das Orchester heißt individualistisch »I, Culture Orchestra«. Es gründete sich 2011, als die Republik Polen die EU-Präsidentschaft übernahm. Es besteht zu 90 Prozent aus jungen Frauen, hauptsächlich Polinnen. Sieben Sprachen sprechen seine Mitglieder. Sie kommen zudem aus Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Georgien, Moldau und der Ukraine. Russinnen und Russen sind nicht dabei. Die Prügelstrafe schlägt sichtlich auch in der Kultur durch, obwohl diese doch, so die ewige Predigt, plural, integrierend, weltoffen und völkerverbindend sein würde. Alles kalter Kaffee, wenn ein Riesengebilde von Staat, bewundert wegen seiner überreichen Musiktradition und seines entwickelten Gegenwartsschaffens, zum Feind Nr. 1 erklärt wird. Lediglich in der »Baltic Sea Philharmonic«, welche Spielerinnen und Spieler aus sämtlichen Ostsee-Anliegerstaaten versammelt, ließ sich russische Beteiligung offenbar nicht vermeiden.

Unbestritten sind die Verdienste des alljährlich während der Saisonferien im Konzerthaus stattfindenden Festivals. Zur Auswahl stehen die besten Jugend-Sinfonieorchester des Kontinents und logischerweise der Welt, denn Europa einschließlich des europäischen Teils Russlands ist ja von dieser nicht abgekoppelt. Schon gelaufen ist das Programm des Bundesjugendorchesters und -Balletts. Letzteres bot unter Choreograf John Neumeier eine fantastische Kür auf Musik von Olivier Messiaen (»Turangalila-Symphonie«). Die Ehre gaben sich junge Orchester aus Portugal, Frankreich, der Türkei, der Republik Moldau. Von Ferne kamen oder kommen Gäste aus Kolumbien und Kuba. Breit vertreten der asiatische Raum, allein mit dem »Asian Youth Orchestra«. Das Gustav-Mahler-Jugendorchester unter Ingo Metzmacher wird gegen Ende des Jahrgangs 2017 seine hohe Kunst unter Beweis stellen, worüber in dieser Zeitung noch zu reden sein wird.

Erstaunlich der Zuspruch. Jedes der Konzerte sei nahezu ausverkauft, sagen die Veranstalter. Durchgängig steht zu Beginn eine Intrada, die Konzerthausorchester-Chef Ivan Fischer aufs Blatt geworfen hat. Eine kleine Blechband kreiert oben neben der Orgel verwegene, jazzige Klänge zur Einstimmung. Für jeden Abend steht sodann ein Pate oder eine Patin bereit, einige nette Sätze über die Musiker und gegebenenfalls zur Werkfolge zu sagen. Im zur Rede stehenden Konzert war es die Schauspielerin Gesine Cukrowski.

Qualitativ sehr gemischt, was »I, Culture Orchestra« unter Andrey Boreyko zum Besten gab. Boreyko, 1957 in Leningrad geboren, bot sich offenkundig wegen seiner polnisch-russischen Abstammung als Stabführer an. Er, musikalischer Internationalist, hat viele Stationen berufsmäßig durchlaufen: Uljanowsk, Jekaterinburg, Poznan, Jena, Vancouver, Moskau, Hamburg, Stuttgart, zuletzt Bern, Düsseldorf und Brüssel. Er ist gleichsam westlichen Maßgaben und Maßstäben anverwandelt. Im Übrigen in Teilen auch das Programm des »I, Culture Orchestra«. Die beiden neueren Werke schielten nach rückwärts. »Der Bote« für Synthesizer, Klavier und Streichorchester von Valentin Silvestrow, 80-jähriger Ukrainer, ist ein Paradebeispiel, wie man »Papa Haydn« beerbt, nicht den kühnen Haydn, sondern den fälschlich so genannten »Papa«. Den führt der »Bote« schlechter als die gewöhnlichsten Neoklassizisten mit. Da haucht lauer Wind aus den Lautsprechern in das unerträglich zarte Streichergezwirn hinein, das seicht zu melodisieren nicht aufhöret. Obendrein winseln noch selige Klaviermelodien à la Mozart mit Albertibässen untersetzt dazu. Musik, so schön, dass sie den Raum verunschönte und die Ohren misslaunig sich abwenden ließ. Zu guter Letzt fahren Wind und das ganze Nachgeäffte unter erhobenen Händen des Andrey Boreyko in den Himmel.

Um galaktische Entfernungen besser, authentischer Beethovens Violinkonzert mit dem jungen, aus Litauen stammenden Julian Rachlin als Solist. Eine ansprechende Aufführung kam zustande. Rachlins Kadenzen bestachen vor allem, ein toller Musiker, er spielt auch die Bratsche. Genial seine Zugabe. Die geriet wahrlich zur großen Nummer. Dauer: etwa 12 Minuten. Offenbar eine frei Fantasie, in der alle denkbaren Clownerien, alle Tugenden und Untugenden virtuosen Geigenspiels ihren Ausdruck finden.

Nach der Pause dann Nikolai Korndorfs »The Emile of Maud Lewis« für Sinfonieorchester ohne tiefes Blech (Posaunen, Tuba), aber mit komplettem Holz, zwei Hörnern, Celesta, Klavier und zwei Schlagzeugern. Korndorf gehörte ursprünglich zur russischen Avantgarde. Er härtete und serialisierte von Stück zu Stück seine Sprache. 1991 wanderte er nach Kanada aus und wurde kanadischer Staatsbürger. Er ist also auch integrierbar. Dort war es mit der konstruktiven Härte augenscheinlich vorbei. Sein Stück bringt im Stile romantischer Minimal Music Klänge, als wären sie der Natur abgelauscht. Insektenschwärme flirren, fortbewegt ohne jegliche Taktwechsel. Die Hörner klingen ähnlich denen in Richard Strauss' »Alpensinfonie«. Häufig verlustiert sich die Piccoloflöte. Allmählich ufert die Faktur aus, wird dichter und dichter, schwillt an, erreicht Gipfel, um hernach das angesammelte Material verkürzt wieder zurückzufahren. Vom Stuhl rissen Gebilde und Wiedergabe nicht. Groß abschließend die Aufführung des vielteiligen, unerhört abwechslungsreichen Konzerts für Orchester von Witold Lutoslawski von 1954, mit dem der polnische Meister berühmt geworden ist. Echte Herausforderung für Dirigent und Klangkörper. Meisterlich wurde sie angenommen und mit viel Beifall belohnt.

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