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Ein vermeintlich vernichtetes biblisches Volk lebt fort

Genetische Untersuchung beweist Verwandtschaft der Kanaaniter aus dem Alten Testament mit heutigen Libanesen. Von Andreas Knudsen

  • Von Andreas Knudsen
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Kanaaniter kommen nicht gut weg in der Bibel: Sie werden als Erzfeinde der frühen Israeliten geschildert, als diese das Land nach ihrer Flucht aus Ägypten eroberten. Nimmt man die Bibel wörtlich, deren älterer Teil zu einem großen Teil in der Zeit nach der Flucht, Landnahme und neuerlichen Unterwerfung der Israeliten entstand, wurden die Kanaaniter in dieser Phase völlig vernichtet und verschwanden aus der Geschichte. Diese Überlieferung machte eine Gruppe Forscher um Marc Haber vom britischen Wellcome Trust Sanger Institute neugierig. Verstärkt wurde der Wunsch, mehr über die Kanaaniter herauszufinden, durch den Umstand, dass über das tägliche Leben dieses nahöstlichen Volkes weit weniger bekannt ist als etwa über die Ägypter oder Griechen jener Zeit. Sie schrieben vermutlich auf Papyrus, das dem Klima und den zahlreichen Kriegen biblischer und späterer Zeiten zum Opfer fiel. Aus anderen Quellen und unter anderem Namen weiß man aber weitaus mehr über die Kanaaniter: Die mit ihnen um den Handel im Mittelmeer konkurrierenden antiken Griechen nannten sie nämlich Phönizier. Die phönizischen Seeleute und Händler befuhren von ihren Stadtstaaten aus an den heutigen Küsten von Libanon und Israel entlang durchs Mittelmeer und umrundeten sogar Afrika.

Einer dieser Staaten war die Stadt Sidon, die auch heute noch in Libanon existiert. Hier untersuchen Archäologen seit über 30 Jahren einen Grabplatz, aus dem sie rund 160 Skelette bergen konnten. Aus diesem an sich reichhaltigen Material konnte jedoch lediglich von fünf Individuen DNA-Material entnommen werden. Der Grund dafür ist in den Fundumständen zu suchen, denn der Friedhof liegt in einer feucht-heißen Gegend. Diese Kombination zerstört effektiv organisches Material wie weichere Knochenteile, aber auch Bekleidung und Papyrus. Umso erfreuter waren die Forscher, dass die Sequenzierung des Erbgutes gelang und einen Vergleich mit den heute lebenden Völkerschaften der Region erlaubte. Die Ergebnisse überraschten. Wie die Autoren im Fachblatt »The American Journal of Human Genetics« Bd. 101, S. 274) erstaunt berichten, stimmt das Erbgut der heute lebenden Libanesen ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit zu 90 Prozent mit dem der Kanaaniter der Bibel überein. Die Forscher um Haber konnten damit eine Siedlungskontinuität über wenigstens 4000 Jahre nachweisen. Die Daten belegen zudem, dass das Kanaanitische Genom eine Mischung von Volksgruppen ist, die hier schon seit der Jungsteinzeit lebten, und Einwanderern aus dem Mittleren Osten, die sich in der Zeit vor 6600 bis 3550 Jahren ansiedelten.

Die übrigen zehn Prozent der DNA heutiger Libanesen weisen auf die Vermischung mit anderen Völkerschaften des Nahen Ostens hin. Darunter sind Perser, Assyrer, aber auch Mazedonier, also all jene Völker, deren Herrscher zu verschiedenen Zeiten die Städte der Kanaaniter-Phönizier eroberten, um teilzuhaben an ihrem Reichtum. Alexander der Große ließ die Städte dann weitgehend zerstören, um Konkurrenz zu seinen Städtegründungen zu verhindern. Aber weder diese Eroberer noch die Israeliten, die laut der Bibel durch ihren Gott Jahwe aufgefordert worden waren, die Kanaaniter vom Erdkreis zu tilgen, haben diesen biblischen Fluch tatsächlich Wirklichkeit werden lassen. Die Überlieferung belegt einmal mehr, dass Geschichte zumeist von den Siegern geschrieben wird.

In Wirklichkeit verschmolzen beide Volksgruppen allmählich zu einer. Baal, der Gott der Kanaaniter, wurde dabei von Jahwe verdrängt.

Auch wenn die britische Forschergruppe nicht unbedingt Bibelforschung betreiben wollte, bestätigt sie die Bibel zumindest darin, dass die Jahrhunderte des Überganges von der Bronze- zur Eisenzeit um etwa 1200 v.u.Z. eine turbulente Periode waren. Eroberer kamen und gingen und hinterließen ihre genetischen Spuren in der Bevölkerung. Das Ausmaß der genetischen Kontinuität überraschte die Wissenschaftler dennoch. Die Studie zeigt erneut das Potenzial der Molekulargenetik für die Untersuchung der Populationsgeschichte. Sie belegt aber auch die Notwendigkeit der Einbindung in kulturgeschichtliche Untersuchungen, denn die Kulturen genetisch gleicher oder verwandter Menschengruppen können sehr unterschiedlich sein, während genetisch weiter entfernte Populationen Träger der gleichen Kultur sein können.

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