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Parallele Geschichten

Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution im Museum für Fotografie

Bei einer Lektion im Geschichtsunterricht zur chinesischen Kulturrevolution (1966-1976) denkt man nicht zuerst an einen Museumsbesuch. Doch vielleicht sollte man das. Denn für die Ausstellung »Arbeiten in Geschichte: Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution« im Kaisersaal des Berliner Museums für Fotografie haben die Kuratoren Ludger Derenthal, Wang Huangsheng und Guo Xiaoyan Werke von insgesamt 18 Fotokünstlern ausgewählt. Die Mehrzahl von ihnen wurde während oder nach der Kulturrevolution geboren und hat die Ereignisse wohl kaum bewusst erlebt, ist aber von den bis heute andauernden Auswirkungen betroffen.

Die Schau beginnt mit einem historischen Kapitel, in dem zumeist anonyme Bilddokumente gezeigt werden, die unmittelbar aus der Zeit der Kulturrevolution stammen. Der einführende Teil soll an die Thematik heranführen, mit der sich die zeitgenössischen Künstler aus drei Generationen seit Anfang der 1990er Jahre auf ganz unterschiedliche Art und Weise befassen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass die Auseinandersetzung zeitlich unmittelbar nach den Ereignissen auf dem Tian’anmen-Platz 1989 einsetzt. Die blutige Niederschlagung der regimekritischen Massenproteste führte bei vielen Künstlern zu einer Desillusionierung gegenüber Formen des Idealismus und zu einer Hinwendung zu persönlichen Themen sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit den schmerzhaften Kapiteln der Geschichte. Die Frage nach der eigenen Identität stand dabei im Mittelpunkt.

In China waren im Jahrzehnt der Kulturrevolution selbst private Fotos von der rigorosen Vorgehensweise von Rotgardisten bei Säuberungswellen und Vernichtungsexzessen betroffen. Im Kampf gegen innere Feinde der Revolution wurden nicht nur Schulen und Universitäten geschlossen, Intellektuelle verspottet, inhaftiert oder zu langjährigen Landeinsätzen verschickt, sondern auch die öffentliche und private Bildproduktion dem kollektiven Engagement für die Staatsideologie untergeordnet.

Ein großer Teil der ausgestellten historischen Fundstücke stammt aus der Privatsammlung von Günter Karl Bose, Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, der seit Jahren »vergessene« Amateurfotografien sammelt. Auch der Künstler Cai Dongdong, 1978 in der Provinz Gansu geboren, heute in Peking lebend, verfügt über ein umfangreiches privates Fotoarchiv mit über 500 000 Fotos aus den Jahren 1949 bis 1976. Sie dienen ihm wiederum als Fundus für die Umsetzung eigener Fotoinstallationen. Er schafft ungewöhnliche Rahmen für vergrößerte Reproduktionen einzelner Originalfotos, auf denen man zum Beispiel Schießübungen junger Rotgardisten sieht. Die Fotoskulpturen wirken wie zweckentfremdete Mobiliare und sind mit einer kritisch-ironischen Note versehen. Der Künstler Maleonn aus Shanghai, Jahrgang 1972, sammelt ebenso alte anonyme Familienfotos, die er auf Flohmärkten oder Abfallhaufen findet, und verarbeitet sie in eigenen Fotoobjekten. In der Ausstellung sind drei Arbeiten der Serie »Weiß auf Weiß« (2010) zu sehen. Maleonn hat winzig kleine, historische Schwarz-Weiß-Porträts als poetisch-dekorative Materialcollagen mit Federn, Knochen oder Steinen in weißen Emaille-Entwicklerschalen kombiniert.

Eingeleitet werden die zeitgenössischen Positionen der Ausstellung durch die zentral angeordnete, raumgreifende Installation »Waschen« (2017) von Wang Youshen. Paradoxerweise lässt der Pekinger Künstler in dieser Neuinszenierung seiner seit 1999 weltweit in verschiedenen Versionen ausgestellten Installation chinesische und hier auch deutsche Privataufnahmen und Pressefotos aus den vergangenen vierzig Jahren in knallroten Entwicklerschalen in Wasser eingeweicht langsam verschwinden.

Im Hintergrund der Installation hängt der monumentale Fotodruck »Konkurrenz« (2004) von Wang Qingsong. Die Arbeit des 1966 geborenen Künstlers war in Deutschland bereits mehrfach ausgestellt. Sie erinnert an die riesigen Wandzeitungen, mit denen Mao Zedong 1966 die Kulturrevolution einleitete und die zu einem ihrer prägnantesten Merkmale wurden. Statt erbauenden Parolen und politischer Propaganda konkurrieren in Wang Qingsongs inszenierter Szene von ihm selbst gemalte Reklametafeln für Konsumprodukte um die Aufmerksamkeit der Betrachter. Mit dem Foto übt er nicht nur Kritik an der aggressiven Konsumkultur im heutigen China, sondern auch an einer Kommerzialisierung des Politischen.

Dem Medium Fotografie entsprechend sind es vor allem Spielarten des Dokumentarischen, denen die Besucher der Ausstellung begegnen. Einige seriell angelegte Werke geben Einblick in die unterschiedlichen Formen der Aufarbeitung des historischen Ereignisses, das die chinesische Gesellschaft bis heute prägt. Das Künstlerduo Shao Yinong & Mu Chen fotografierte zwischen 2002 und 2004 in konzeptueller Manier riesige leer stehende Versammlungshallen. Qu Yans Aufnahmen von »Räumen der Macht« (2005) zeigen den kläglichen Zustand abgelegener ländlicher Büros der Kommunistischen Partei, in denen die Zeit stillzustehen scheint. So eines im Dorf Wuzhuang in der Provinz Jiangsu, das eine illustre Porträtreihe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao ziert. Von aktuellen Machthabern hingegen fehlt jede Spur. Zhan Dali hat die akribischste Recherche für seine Serie »Eine zweite Geschichte« (2005) unternommen. Aus dem 130 Werke umfassenden Bilderzyklus sind elf Arbeiten zu sehen, in denen systematisch Formen der Manipulation von analogen Fotografien für Propagandazwecke durch Retusche, Collage oder Übermalungen untersucht werden. Originalvorlage und überarbeitetes Bild werden jeweils einander gegenübergestellt und durch genaue Information zum Kontext der Veröffentlichung ergänzt.

Bis 7. Januar, Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Charlottenburg

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