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Der Himmel über Pankow

Bürgerinitiativen werben im Bürgerpark für die Schließung des Flughafens Tegel

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es herrscht Ostwind. Das bedeutet: Die Gegend ist am Sonnabend nicht bloß Einflugschneise für den Flughafen Berlin-Tegel. Die Passagiermaschinen starten über die Dächer von Reinickendorf hinweg und gewinnen über dem Bürgerpark Pankow schnell an Höhe, bevor sie später einschwenken und Kurs auf ihr Ziel nehmen. Das alles geschieht mit dröhnenden Turbinen. Es ist laut, extrem laut.

Am Boden lässt sich stellenweise das eigene Wort nicht verstehen. Doch diese Bedingungen helfen den Grünen, am Rande des Bürgerparks Wahlkampf zu machen. Ihr Fest gegenüber vom Kinderbauernhof »Pinke Panke« haben die Kreisverbände Pankow, Reinickendorf und Mitte diesmal unter das Motto »Tegel endlich schließen!« gestellt.

Die gleichnamige Bürgerinitiative ist vor Ort und hat Mitstreiter und Material von gleich gesinnten Initiativen mitgebracht: »Himmel über Berlin«, »Gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen«, »Danke Tegel. Es reicht!«, »Good bye Tegel« und »Pankow sagt Nein zum Flughafen TXL«. Am 24. September gibt es parallel zur Bundestagswahl einen Volksentscheid zur Offenhaltung des Flughafens. Eigentlich muss Tegel schließen, wenn der neue Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld fertig wird. Doch mit dem Volksentscheid versucht die FDP, daran herumzudeuteln. Die CDU ist auf den Zug aufgesprungen.

Martina Scherf, die sich in einer Bürgerinitiative engagiert, ist sauer auf FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja, der den Volksentscheid angeschoben hat. Damit habe Czaja die Stadt gespalten, schimpft sie. Diesmal nicht in Ost und West, sondern in Nord und Süd. Im Norden sind die Einwohner vom Fluglärm betroffen, der durch den Airport Tegel entsteht. Im Süden hoffen etliche Bürger, sie würden weniger Fluglärm vom BER abbekommen, wenn Tegel weiter betrieben würde. Bei einigen Befürwortern von Tegel schwingt auch eine gehörige Portion Nostalgie mit.

Im Moment liegen die Befürworter einer Offenhaltung in den Umfragen vorn. Martina Scherf aus Pankow kann das kaum fassen. »Es ist wie beim Brexit«, beklagt sie. Die Leute informieren sich nicht richtig - und hinterher gibt es dann vielleicht das böse Erwachen. Allein 100 Millionen Euro jährlich würde es extra kosten, Tegel neben dem BER zu betreiben, rechnete die Flughafengesellschaft vor. Zudem müssten Unsummen in die Sanierung von Tegel gesteckt werden.

Das Argument, bei einer Schließung von Tegel würden in Reinickendorf und Pankow die Mieten explodieren, lässt Scherf nicht gelten. Die Mieten seien wegen der Wohnungsnot auch so schon gestiegen und werden weiter steigen - mit oder ohne den Flughafen.

Ein Anwohner läuft auf dem Fest herum und fragt, ob die Grünen im Falle einer Regierungsbildung mit der CDU dafür sorgen würden, die Offenhaltung von Tegel per Koalitionsvertrag auszuschließen. Der Mann trägt ein blaues Jacket und sagt von sich, er sei liberal eingestellt. Die FDP wird er am 24. September nun nicht ankreuzen. Wenn er auf seiner Terrasse sitzt, ärgert ihn der Fluglärm. Er zieht in Betracht, die Grünen zu wählen, wenn sie ihm glaubhaft zusichern, in seinem Interesse zu handeln. Doch die Antworten, die er auf dem Fest bekommt, stellen ihn nicht zufrieden. Nach seinem Eindruck will ihm niemand etwas in die Hand versprechen. Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne), der sich gerade seinen Fahrradhelm aufsetzt und davonstrampeln will, vermutet, dass Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) gar nicht verlangen würde, dass die Offenhaltung Tegels in den Koalitionsvertrag aufgenommen wird. »Wenn aber doch?«, hakt der Herr im blauen Jacket nach. Trittin versichert: »Ich würde die Offenhaltung von Tegel nicht akzeptieren. Ich wohne doch in Pankow.« Doch der Anwohner bleibt misstrauisch.

Misstrauisch sind auch Mitglieder der Bürgerinitiativen wie Martina Scherf. Sie haben gelesen, dass Kultursenator Klaus Lederer (LINKE) gesagt habe, seine Partei nehme den Volksentscheid ernst. Für Sozialisten, die mehr direkte Demokratie begrüßen, ist dies ein selbstverständlicher Standardsatz. Doch Scherf und die anderen haben die Sorge, dass sich hier eine Absetzbewegung andeutet. Scherf ist sowieso schon verschnupft nach einem Treffen der Initiativen mit dem Bundestagsabgeordneten Stefan Liebich (LINKE) auf dem Anger von Pankow. Sie fühlte sich als Kulisse für ein Interview missbraucht, dass Liebich dem Sender rbb gegeben habe. Mit den Initiativen habe der Abgeordnete nur kurz gesprochen, kritisiert Scherf. Dabei hat sich Liebich immerhin klar für die Schließung von Tegel positioniert. Die letzten Worte von Scherf sind kaum noch zu hören. Die Trommelgruppe »Green Igelz« hat zu spielen begonnen und übertönt alles, sogar den Fluglärm.

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