In gutem und edlem Geschmack

Johann Joachim Winckelmann war nie in Wörlitz - und hinterließ dort doch seine Spuren

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Anton von Marons Bildnis Johann Joachim Winckelmanns, Öl auf Leinwand, 1768/69
Anton von Marons Bildnis Johann Joachim Winckelmanns, Öl auf Leinwand, 1768/69

Er lebte und erfüllte sich seinen Traum - nicht den vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vom armen Schustersohn zum international geachteten Gelehrten: Johann Joachim Winckelmann, Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstgeschichte, Wegbereiter des deutschen Klassizismus und Antiquar, der seine homoerotischen Neigungen nicht verheimlichte - und dies im prüden 18. Jahrhundert.

Am 9. Dezember 1717 in Stendal geboren, konnte er durch - seinerzeit nicht selbstverständliche - Förderung das Gymnasium besuchen. Er studierte in Halle Theologie und in Jena Medizin und arbeitete zunächst als Hauslehrer und Konrektor, danach als Bibliothekar auf Schloss Nöthnitz bei Dresden. In der riesigen Bibliothek des Grafen Heinrich von Bünau konnte er seinen Wissenshunger weiter stillen. Und in den Königlichen Kunstsammlungen der Elbmetropole studierte er antike Kunstwerke. Erstes beachtliches Resultat seiner mehrjährigen Studien war die antibarocke Streitschrift »Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst«, in der er die Kunst der Antike in ihrer »edlen Einfalt« und »stillen Größe« als Vorbild und ästhetischen Maßstab für eine kulturelle Erneuerung pries - womit er den Klassizismus begründete.

Im Herbst 1755 siedelte Winckelmann, ausgestattet mit einem Stipendium des sächsischen Hofes, nach Rom über. »Hier ist nunmehro meine Hütte aufgeschlagen«, schrieb er in einem Brief an Johann Jacob Volkmann. Beim Kardinal Alessandro Albani als Bibliothekar angestellt, arbeitete er auch an der Ausgestaltung der Villa seines Brötchengebers mit, antike Villen wie die Hadrians-Villa bei Tivoli bewusst nachahmend. 1763 wurde Winckelmann von Papst Clemens XIII. zum Oberaufseher der Altertümer (Commissario delle Antichità) in und um Rom und zum Unterbibliothekar der Bibliotheca Vaticana berufen. Damit hatte er freien Zugang nicht nur zu Bücherweisheit, sondern auch zu den reich bestückten archäologischen Sammlungen. Hervorragende Arbeitsbedingungen also, die sich 1764 in seinem Hauptwerk »Geschichte der Kunst des Alterthums« niederschlugen, in der er erstmals ein Entwicklungsschema - Entstehung, Blüte, Verfall, Erneuerung - antiker Kunst beschrieb und diese nach Stilstufen ordnete.

Dank seines ausgezeichneten Rufes als führender Antikenkenner wurde Winckelmann von zahlreichen jungen Adelssöhnen aufgesucht, die während ihrer Bildungsreise durch Europa stets auch in der Ewigen Stadt Station machten, darunter Prinz Georg August von Mecklenburg-Strelitz und der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel. Der folgenreichste Besuch ereignete sich am 25. Dezember 1765. Friedrich Franz, Fürst von Anhalt-Dessau, klopfte, begleitet vom Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, bei ihm in Rom an: »Ich bin von Dessau, mein lieber Winckelmann; ich komme nach Rom, zu lernen, und ich habe Sie nöthig.« Der lernbegierige und antikenbegeisterte Fürst machte großen Eindruck auf den Gelehrten: »Er gieng in die geringste Mythologische Kleinigkeiten hinein, und erhob sich bis zum Erhabenen der Kunst.« Die beiden verband alsbald eine enge Freundschaft.

Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz nahm den 300. Geburtstag Winckelmanns und den 200. Todestag von Franz zum Anlass, um im Haus der Fürstin, dem sogenannten Grauen Haus im Wörlitzer Park, die Früchte dieser Freundschaft zu zeigen.

Nach der Rückkehr der fürstlichen Reisegesellschaft aus Rom erarbeitete Erdmannsdorff erste Entwürfe zu Grundriss und Fassadengestaltung eines neuen »Landhauses«. In der Ausstellung präsentierte Zeichnungen zeigen von Winckelmanns Lehren inspirierte und Vorbildern in Palmyra folgende strenge klassizistische Formen, die sowohl das Wörlitzer Schloss sowie den umliegenden Park ein einzigartiges Aussehen verleihen sollten. 954 rote Gemmenabdrücke (geschliffene Edelsteine), die der Fürst in Rom erworben hatte, dienten als Schmuck an Türen und Fenstern der Schlossbibliothek. An der Decke des Großen Saals sieht man Faun, der Nymphe verfolgt, Apoll und Amor, Herkules und Iole sowie Venus mit Cupido, auch nach antiken Gemmen gearbeitet. Die Ausstellung offeriert Briefe, die den Romaufenthalt des Fürsten dokumentieren. Radierungen des Kupferstechers Giovanni Battista Piranesi vom Kolosseum, von Pantheon und von der Maxentius-Basilika in Rom sind als großformatige farbige Wandbilder im Obergeschoss des Schlosses zu bewundern.

Im Schlafzimmer des Fürsten hängt an der Fensterseite über einem Spiegel ein ovales Gipsrelief: Der junge Ganymed reicht Jupiter (in Gestalt eines Adlers) eine Trinkschale. es handelt sich hier um einen Abguss aus der Villa Albani. Vor dem Spiegel steht auf einer Kommode eine Marmorstatuette, die den trunkenen Herakles beim Wasserlassen zeigt. Die Skulptur war ein Abschiedsgeschenk des Kardinals Albani für den deutschen Fürsten. In der Ausstellung ist auch ein Faun zu sehen, den Winckelmann 1765 für seine Sammlung gekauft und über den er verzückt schrieb: »Ich glaube nicht, daß je ein schöneres Modell von menschlichem Blut gemacht worden ist.« Und im Schlossgarten schließlich, vor dem Küchengebäude, trifft man auf ein Relief der Mondgöttin Selene zwischen Abend- und Morgenstern. Vorlage hierfür war ein antiker Altar aus der Villa Borghese in Rom. Die sogenannte »Knöchelspielerin« am Ufer des Sees wiederum ist eine Kopie einer 1765 in Rom gefundenen Skulptur, die Winckelmann ebenfalls sehr liebte.

1768 wollte der Gelehrte den Fürsten in Dessau besuchen. Doch er brach die Reise ab. Auf dem Rückweg nach Rom machte er Halt in Triest, wo er im Hotel Locanda Grande ein Zimmer nahm. Leichtsinnigerweise zeigte er dem dortigen Koch Gold- und Silbermedaillen, die er von der österreichischen Kaiserin Maria Theresia für seine wissenschaftlichen Verdienste erhalten hatte. Als Francesco Arcangeli die Münzen rauben wollte, leistete Winckelmann heftige Gegenwehr. Vom Angreifer mit mehreren Messerstichen attackiert, verblutete der Archäologe und Antiquar am 8. Juni 1768.

Das Anhalt-Dessauische Landhaus, das er so so stark beeinflusst hatte, wurde fünf Jahre später mit einem großen Fest eingeweiht. In der Ausstellung sind nun zwei Gemälde vereint: Anton von Maron schuf 1768 das berühmte Bildnis Winckelmanns, das sich seit 1806 in Weimar befindet. Daneben hängt eine Kopie, die der Fürst für sein Schloss in Dessau in Auftrag gab. Auf dem Gemälde sieht man Winckelmann mit einer Zeichnung, die ein Relief aus der Villa Albani festhielt und Antinous verewigt, einen schönen Jüngling, Günstling und Geliebter von Kaiser Hadrian. Winckelmann feierte das Relief enthusiastisch als »die Ehre und die Krone der Kunst dieser sowohl als aller Zeiten«.

Die Offenheit, mit der sich der Wissenschaftler zu seiner sexuellen Vorliebe für Männer bekannte, dokumentiert noch bis Oktober das Schwulen Museum in Berlin. Beide Ausstellungen ergänzen einander und sind gleichermaßen sehenswert. Unverständlich bleibt, warum das Winckelmann-Museum in Stendal erst im Sommer kommenden Jahres mit einer Ausstellung den berühmten Sohn der Stadt huldigen will und ausgerechnet in dessen Geburtsjahr wegen Umbau geschlossen ist. Winckelmann-Fans können sich schon jetzt auf zwei weitere Ausstellungen 2018 freuen: »ideale. moderne kunst seit winckelmanns antike« im Kunstmuseum Moritzburg Halle (ab März) und »Tod in Triest. Auf den Spuren Johann Joachim Winckelmanns« in den Staatlichen Antikensammlungen München (ab 8. Juni).

Winckelmann war nie in Wörlitz, hat das Schloss nie gesehen, das ohne seine kunstästhetischen Arbeiten undenkbar gewesen wäre und schon von Zeitgenossen gerühmt wurde. »Sanssouci, deucht mir, ist von Werlitz übertroffen«, schrieb der Humanist und Pädagoge Gotthilf Sebastian Rötger 1776. Und der Freimauerer und Förderer der schönen Künste Joseph Friedrich Freiherr von Racknitz urteilte 1796: »Auch das in jeder Rücksicht in gutem und edlem Geschmack durch dem Hr. von Erdmannsdorf daselbst erbaute und innerlich verzierte fürstliche Lustschloss war eines der ersten, das frey von Französischen Schnörkeln und groteskem Geschmack, als Muster eines reinern und edlern Geschmacks in den Arabesken und andern innern Verzierungen diente.«

Davon kann man sich noch heute vor Ort prächtig überzeugen. Einen Unterschied gibt es zu damals. Fürst Franz öffnete Schloss und Garten dem allgemeinen Publikum - kostenlos. Heute wird Eintritt verlangt.

Revolution des guten Geschmacks. Winckelmann, Fürst Franz und das Schloss zu Wörlitz. Bis 17. September im »Grauen Haus« und im Schloss Wörlitz. Di-So 10-18 Uhr, Katalog (Mitteldeutscher Verlag, 128 S., geb., 17,95 €)

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