Die Hugendubelisierung

Großbuchhändler soll Zentral- und Landesbibliothek Berlin fast komplett bestücken / LINKE hatte im Wahlprogramm noch Auslagerung kritisiert

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 3 Min.
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Nächste Woche feiert die ZLB den Tag der Bestandserhaltung. Der Bestand wird flacher, fürchten die Kritiker.
Nächste Woche feiert die ZLB den Tag der Bestandserhaltung. Der Bestand wird flacher, fürchten die Kritiker.

Wie erst jetzt bekannt wurde, hat der Vorstand der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) dem Großbuchhändler Hugendubel am 10. August den Zuschlag erteilt, in Zukunft den Großteil der Medien der Bibliothek auszuwählen. Vertragsbeginn ist bereits am Freitag, die ersten Bücher sollen im Januar geliefert werden. Damit hatte sich der Großbuchhändler mit seinem Tochterunternehmen Hugendubel Fachinformation in sechs von sieben Fachgebieten gegen seine Konkurrenten durchgesetzt.

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di kritisierte am Dienstag, dass so die Auswahl der Bücher »nahezu komplett an die Privatwirtschaft übergeben« werde. Sie rechnet vor, dass Hugendubel jährlich rund 31 700 Buchexemplare liefern soll, zusätzlich 2400 Filme und CDs. Der Vertrag habe ein Volumen von 2,22 Millionen Euro und kann bis 2022 verlängert werden. Bis dato waren für die Buchauswahl hausinterne Lektoren zuständig, die nun lediglich Vorgaben machen können und ansonsten Aufgaben im Besucherservice erhalten sollen.

Jana Seppelt, Gewerkschaftssekretärin für Bildung bei ver.di in Berlin, schlägt einen scharfen Ton an: »Der Kultursenat unter Klaus Lederer (LINKE) versäumt es, ein solch neoliberales Projekt von vorgestern kulturpolitisch zu verhindert. Das ist ein kulturpolitischer Skandal.« Sie fordert Lederer auf, die Unterzeichnung des Vertrages zu verhindern.

Das wird er wohl nicht tun. Lederers Sprecher Daniel Bartsch sagt dem »nd«, er könne die Argumente der Gewerkschaft »nicht nachvollziehen«. Es komme zu keiner Verflachung der Buchauswahl, da die Lektoren die Profile erstellten, nach denen Hugendubel liefere.

Fast identisch die Reaktion der ZLB: »Nur dadurch, dass man etwas oft sagt, wird es nicht weniger verkehrt«, sagt Sprecherin Anna Jacobi. »Die Lektoren erstellen Profile, nach denen Hugendubel die Bücher auswählt - das ist für mich eine viel stärkere Steuerung.«

Das sieht der Personalratsvorsitzende Lothar Brendel anders: »Wenn bei Hugendubel nur noch zwei Menschen für 16 Fachgebiete Bücher auswählen, dann können die keine Expertise ausweisen. Die packen dann halt die Bücher ein, die sie haben.« Darin liege letztendlich auch die Ersparnis, die sich das Land Berlin erhoffe. »Zunächst ist es aber die Verlagerung der Kompetenz der Lektoren mit Steuergeldern an die Wirtschaft.«

Tatsächlich rüstet Hugendubel derweil auf. Die Niederlassung in Steglitz sucht zurzeit per Stellenausschreibung eine Leitung und einen buchhändlerischen Mitarbeiter.

Brendel versucht, dem noch einen letzten Stein in den Weg zu legen: Laut Satzung müsste der Stiftungsrat nämlich über den Vertragsabschluss abstimmen. Käme es dazu, hätte seine Position auch keine Mehrheit, doch der Stiftungsrat wird derzeit neu besetzt. Vier der sieben neuen Mitglieder kann der Kultursenator berufen, das fünfte Mitglied wäre der Personalrat: Wollte Lederer das Outsourcing verhindern, so die Argumentation, könne er das über die Berufung verwirklichen. Bartsch will jedoch noch keine Namen nennen, er beruft sich auf »laufende Entscheidungsprozesse«.

Die Fronten verlaufen derweil auch durch die Linkspartei. Nicht zuletzt, weil die Partei im Wahlprogramm versprochen hatte, die Auslagerung nicht nur zu verhindern, sondern die bereits vollzogene Auslagerung rückgängig zu machen.

Franziska Brychcy, stellvertretende Landesvorsitzende, ist dabei in der Minderheit: »Ich finde das sehr kritisch, dass wir es nicht geschafft haben, zu verhindern, dass Hugendubel die Bücherauswahl macht.« Dafür trage nicht zuletzt der Landesvorstand die Verantwortung, der in seiner großen Mehrheit nicht dafür eingetreten sei, dass es kein Outsourcing gibt. »Es gab einen Entscheidungsspielraum - der wurde nicht genutzt«, so Brychcy.

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