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Keine Angst mehr vor den Warlords

Kunstfest Weimar: »Malalai - die afghanische Jungfrau von Orléans« nach Friedrich Schiller im E-Werk uraufgeführt

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Prolog im Tempel, so ließe sich der Anfang benennen. Nur wo sind die Herren? Flohen sie? Trieb Jesus sie aus? Der heilige Ort scheint verlassen. Weiß die Landschaft und leer. Nichts, das sich rührte. Zeit verrinnt. Metallene spanische Wände strukturieren den Raum (Bühne und Kostüm: Eva-Maria van Acker). Die junge Frau rechts schabt mit einem Gerät so langsam daran, wie eine Raupe geht, was Computer und Lautsprecher in Funktion setzt. Es bedarf einer Berührung am Blech, um Klänge zu erzeugen und mit ihnen Angstgefühle. Was dann geschieht, lässt den Raum fast explodieren. Feudale Herren wie niedere Gestalten kehren nun ein, doch ein Frauentrio dominiert den weiteren Verlauf.

»Malalai« ist ein internationalistisches, vielsprachiges Spektakel. »Freiheit« zu erlangen, steht auf seiner Fahne, und deren Tuch ist weiß. Eines der Symbole hierfür ist die Geschichte der Malalai von Maiwand. Sie, Sanitäterin im afghanischen Widerstand, gilt dort als die Jungfrau von Orléans, da sie im Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Kolonialmacht um 1880 ihren Brüdern zum Sieg verholfen hat. Als diese glaubten, die Briten würden sie besiegen, habe sie ihren Schleier heruntergerissen, eine Flagge daraus gemacht und sei dem Feinde entgegengerannt. Worauf die Afghanen umkehrten, ihr folgten und die Schlacht gewannen. Dies zusammen mit der Unbeugsamkeit der Schillerschen Jeanne d’Arc ist der gedankliche Kern der Aufführung, woraus sich vielerlei Beziehungen und Konflikte herleiten ließen.

Den Text schrieb Julie Paucker, die auch die Dramaturgie besorgte. Robert Schuster - er hob 2016 die Produktion »KULA - nach Europa« aus der Taufe, Vorläufer der jetzigen Aufführung - realisierte das Projekt mit dem Choreografen Martin Gruber, dem Komponisten Max Bauer, der KULA Compagnie und dem AZDAR Theatre, bestehend aus afghanischen Schauspielerinnen und Schauspielern. Ende 2014 erschütterte die Meldung, dass eine vollbesetzte Vorstellung des AZDAR Theatre in Kabul Ziel eines Selbstmordanschlags wurde, der einen Menschen tötete und zwanzig weitere verletzte. Seither durfte die Truppe in Afghanistan nicht mehr auftreten. Dass sie hier ihr Talent nun wieder zeigen konnte, ist großes Verdienst von Kunstfest und dem Deutschen Nationaltheater Weimar.

Was gewesen war und jetzt ist, steht in »Malalai« zur Rede und verwandelt sich in geistige wie körperliche Aktion. Antifeudale wie antikoloniale Auseinandersetzungen erhalten Gewicht. Frauen sind die Hauptakteure. Jeanne d’Arc dreifach, als Französin, als Deutsche, als Israelin. Was deren je eigene Widerstandskräfte bündelt und ihre Denkweisen und Handlungen gegeneinander differenziert. Eine jede - mutig, hartnäckig, zärtlich, anmutig, kämpferisch, in vielem auch streitbar gegen die anderen - trat an, die Schleier niederzureißen, die sie klein und dunkel machten. Ein Streitpunkt unter den drei Frauen ist die Frage: Soll ich vergeben, darf ich es, angesichts der Untaten, die begangen? Der israelischen Jüdin will Vergebung nicht recht von der Zunge.

Fünf Sprachen sprechen die Darsteller: Deutsch, Englisch, Französisch, Farsi, Hebräisch. Ihr Hintergrund ist muslimisch, jüdisch, christlich, atheistisch. Ihre Kostüme wechseln bisweilen geschwind. Klar die Abgrenzungen zwischen der britischen und afghanischen Seite. Der Brite, Kolonist wie im er Buche steht, arrogant, selbstsicher, machtbewusst, solange er die Afghanen unterm Stiefel hat, ängstlich wie ein Kind im Zeichen der Niederlage. Plastisch das Bild des sterbenden Europa. Dem bleichen Mann am Boden, der den Kontinent verkörpert, entströmt Angst und Entsetzen, bevor er endgültig die Augen schließt. Der Sieg indes geht als große lauffreudige Feier ab. Die drei Jeanne d’Arcs rennen im Kreise so schnell wie die Jagdhunde, sie bestürmen die Bühne und ihr Publikum, und die flatternde Fahne der Freiheit in den Händen der wildesten von ihnen dreht mit.

In weißen, bis zu den Füßen reichenden Umhängen zieht die afghanische Seite ihre Kreise. Rituale scheinen auf und münden in wilde Tänze. Für Choreograf Martin Gruber - seine Erfindungen gehören zum Besten der Aufführung - spielen Herkunft und Sprache eine große Rolle für die rhythmisch-musikalische Umsetzung der Tanzpartien. Gruber: »Das Fremde macht keine Angst mehr, sondern steigert die Lust und das Vertrauen am eigenen Ausdruck. Es wird zu einer Quelle der Spielfreude.« Dieser Eindruck stellte sich insgesamt her.

Ein Makel: In rasenden Obertiteln erscheinen die deutschen Übersetzungen, kaum wirklich nachvollziehbar für die Zuschauer. Las man sie, ging darüber optisch häufig die Szenerie verloren. Ob hörspielartige Einspielungen besser gewesen wären? Vielleicht.

Mit erhellender Agitatorik endet das Robert-Schuster-Spektakel. Ein Schauspieler bringt Teile der Antrittsrede, die Malalai Joya als jüngste Politikerin im afghanischen Parlament gehalten hat. Joya wuchs im Iran und in Pakistan auf. Nach der Rückkehr ihrer Familie nach Afghanistan, noch während der Herrschaft der Taliban, gründete sie ein Waisenhaus und ein Spital. Jene Rede attackiert die Kräfte, die Unfrieden stiften, die freie individuelle und gesellschaftliche Entfaltung unmöglich machen, die aber alle vergänglich seien, so Malalai Joya. Und sie meint die Politik der USA in und gegen Afghanistan, sie meint die Gauner von Warlords, sie meint die islamischen Fundamentalisten, die Besatzer, die feigen Behörden im Land. Eine furchtlose Rede, die jeder lesen oder anhören sollte. Diese Haltung trug ihr zahllose Morddrohungen ein und vier Attentate, die sie alle überlebte. »Malalai Joya«, so hätte das Stück auch heißen können. Ehre dem gesamten Ensemble für diese bedeutende Aufführung.

Nächste Aufführungen: 3., 6. und 7. September, Nationaltheater Weimar.

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