Werbung

Verfolgung und antisemitische Beschwörung

In »Ein Prozess in Prag« analysiert Jan Gerber die stalinistische Repression in der Tschechoslowakei vor 65 Jahren

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Derzeit sind »Fake News«, die sich mehr oder minder offen antisemitischer Verschwörungstheorien bedienen, überwiegend eine Domäne der populistischen und extremen Rechten. Doch bereits Mitte der dreißiger Jahre bediente sich Stalin dieser Methode. Die Moskauer Prozesse und die »Säuberungen« beruhten auf erfundenen Beschuldigungen, Standard war der Vorwurf der Arbeit für ausländische Geheimdienste. Anfangs in Andeutungen, später immer deutlicher wurde an antisemitische Ressentiments appelliert. Der angebliche »Kosmopolitismus« - nach der israelischen Staatsgründung zudem der »Zionismus« - jüdischer Funktionäre war ein zentraler Anklagepunkt.

Die Bedeutung der stalinistischen »Fake News«, der mit ihrer Durchsetzung als Dogma verbundenen Veränderungen in Geschichtsschreibung, Propaganda und Politik für die Entwicklung der Linken kann kaum überschätzt werden. Stalin stellte hohe Anforderungen an die Glaubens- und Selbstverleugnungsbereitschaft der Parteikommunisten, die zu erfüllen nicht zuletzt für jüdische bzw. als jüdisch deklarierte Intellektuelle nicht leicht war. Zwei von ihnen, F. C. Weiskopf und Louis Fürnberg, stellt Jan Gerber in den Mittelpunkt seines Buches »Ein Prozess in Prag«.

Schauprozesse fanden nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den nun im sowjetischen Machtbereich liegenden osteuropäischen Staaten statt. Ende 1952 wurden in der Tschechoslowakei Rudolf Slánský, ehemals Generalsekretär der KPC, und 13 weitere Funktionäre für schuldig befunden, ein »trotzkistisch-titoistisches, zionistisches, bürgerlich-nationalistisches« Verschwörerzentrum gebildet zu haben; elf der Angeklagten wurden hingerichtet. Die Sowjetunion, wo zu dieser Zeit ein Prozess gegen eine erfundene Verschwörung jüdischer Ärzte vorbereitet wurde, näherte sich nach anfänglicher Unterstützung Israels den arabischen Staaten an. Da ein Urteil meist weitere Prozesse nach sich zog, waren insbesondere jüdische Kommunisten wie Weiskopf und Fürnberg gefährdet. Überraschenderweise »erschien die DDR den beiden als ein zumindest im Vergleich zur Tschechoslowakei halbwegs sicheres Refugium«.

Hier setzt Gerber an, um die besonderen Bedingungen in der Tschechoslowakei herauszuarbeiten, und legt überzeugend dar, dass die Schauprozesse, obwohl ohne den Einfluss des sowjetischen Stalinismus undenkbar, in jedem osteuropäischen Land eigene Charakteristika hatten. In der Tschechoslowakei ging es auch um Nationalitätenkonflikte. Der Begriff der Volksdemokratie sei »weniger tautologisch, als gelegentlich behauptet wird«, denn in dieser Zeit wurden »demos und ethnos, Staatsvolk und Nominalnation, weitgehend identisch«.

Deutschsprachige Juden brachte das in die bizarre Lage, einerseits als »national unzuverlässig« und »kosmopolitisch« zu gelten, andererseits aber als Agenten der »Germanisierung« verdächtigt zu werden, wie es der Tradition des tschechischen Nationalismus entsprach. Auch ihre bürgerliche Herkunft wurde ihnen zur Last gelegt. »So sahen sich viele jüdische Parteimitglieder in der Zeit der Slánský-Affäre wieder in jene dreifache Minderheitenstellung zurückgeworfen, die sie durch den Eintritt in die kommunistische Partei hinter sich lassen wollten.«

Dass die DDR als relativ sicherer Ort für Weiskopf und Fürnberg gelten konnte, führt Gerber auf die »Dominanz der sozialen Semantik« zurück. Von Nationalitätenfragen nicht betroffen, lehnte die SED als vorgebliche Vertretung der Arbeiterklasse jegliche Entschädigungsleistungen für NS-Verbrechen ab, schreckte aber auch davor zurück, einen Schauprozess gegen Juden zu führen.

Obwohl spezifisch, ist Gerbers Buch auch von allgemeinerem Interesse in der Debatte um Stalinismus sowie Antisemitismus und Nationalismus in der Linken. Nicht Thema der Untersuchung, aber immer wieder hervortretend, ist der persönliche Umgang der Betroffenen mit den stalinistischen Zumutungen. Fürnberg schrieb 1949 das Lied »Die Partei« (»… die hat immer recht«) - nicht allein, um seinen Gehorsam zu demonstrieren, sondern auch, so Gerber, als »Beschwörung«.

Jan Gerber: Ein Prozess in Prag. Das Volk gegen Rudolf Slánský und Genossen. Schriften des Simon-Dubnow- Instituts, Band 26. Vandenhoeck & Ruprecht, 296 S., 45 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!