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Nicht noch mal zu zaghaft sein

Volleyballnationalspieler Lukas Kampa will nach ersten Erfolgen in Polen nun auch eine EM-Medaille

Den direkten Viertelfinaleinzug hatten Ihnen nicht viele zugetraut. Sind Sie überrascht, dass die EM-Vorrunde so gut gelaufen ist?
Nein. Wir hatten uns intensiv auf das Auftaktspiel gegen Italien vorbereitet, weil es richtungsweisend war. Natürlich haben wir nicht fest damit gerechnet, dass wir es gewinnen, aber doch eine gute Chance gesehen. Nach dem Sieg waren wir in den anderen beiden Spielen Favorit und haben uns den Gruppensieg gesichert. Das kann man zwar nicht planen, aber überrascht hat es uns eben auch nicht.

Katowice, der Spielort der Finalrunde, ist Ihnen nicht unbekannt.
Ja, da kommen gute Erinnerungen hoch. Hier haben wir bei der WM 2014 Bronze gewonnen. Da ich mit meinem polnischen Verein in der Saison schon ein paar Mal dort gespielt habe, wird es nicht meine erste Rückkehr. Aber für ein paar andere wird das schon emotional. Hoffentlich bringt es ein Lächeln auf ihre Gesichter. Das könnte uns noch mal einen Extraschub Energie geben.

Die Halle liegt auch nicht weit weg von Ihrem Klub in Jastrzębie-Zdrój. Schauen Sie mal kurz zu Hause vorbei, ob alles in Ordnung ist?
Nee, es sind zwar nur 25 Minuten, aber dafür bleibt keine Zeit. Ich weiß, dass beim Spiel am Donnerstag viele aus meiner Mannschaft zugucken kommen, so dass die lokale Unterstützung da ist. Vielleicht kommen auch noch ein paar Fans rüber.

Volleyball ist in Polen ein Zuschauermagnet. Das wurde bei der WM 2014 deutlich. Ebbt der Zuspruch mittlerweile wieder ab?
Nein. Das Eröffnungsspiel im ausverkauften Warschauer Nationalstadion vor 65 000 Zuschauern war wieder sensationell. Die Euphorie ist nach wie vor groß, und das Turnier wird extrem professionell aufgezogen. In Szczecin waren auch mehr Fans bei unseren Spielen, als ich erwartet hatte. Die polnische Mannschaft hat da ja gar nicht gespielt, und trotzdem war die Stimmung wirklich gut. Das war vor drei Jahren noch anders. Da ist sogar noch ein Fortschritt erkennbar.

Favoriten wie Italien, Polen und Frankreich konnten sich nicht als Gruppensieger direkt für das Viertelfinale qualifizieren. Verschieben sich gerade die Verhältnisse?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich hatte schon vorher das Gefühl, dass nicht unbedingt der Favorit Europameister wird, und dass kleinere Nationen für Überraschungen sorgen können. Sicherlich sieht man in den Topmannschaften neue Gesichter, was dazu führen kann, dass die Stabilität verloren geht, die sich über Jahre aufgebaut hat. Dazu fehlen ein paar Stars wie bei Italien. Auf der anderen Seite haben die Außenseiter einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht. Bei Estland, Finnland oder Tschechien spielen Leute, die in ihren Ligen auf höchstem Niveau agieren. So steigt auch das Niveau in ihren Nationalmannschaften. Ich begrüße das sehr. Viele Journalisten und Fans erzählen mir, dass die Spiele extrem spannend sind. Vorher war oft klar, wer gewinnen wird. Das ist jetzt nicht mehr so.

Ihren nächsten Gegner spielen Frankreich und Tschechien aus. Gegen die Franzosen verloren Sie klar in der WM-Qualifikation, die Tschechen haben Sie hier bei der EM dominiert. Da ist doch klar, wen Sie sich wünschen, oder?
Wünschen hilft leider nichts. Natürlich werden wir uns das Spiel ansehen, und wenn Tschechien gewinnt, sagen wir nicht nein. Ich gehe aber nicht davon aus, auch wenn Frankreich Probleme in der Vorrunde hatte. Das Wichtigste wird sein, dass wir diesen Extratag, den wir uns durch den Gruppensieg erarbeitet haben, gut zur Erholung und Vorbereitung nutzen. Dann haben wir gute Chancen. Dass es nicht einfach wird, ist aber auch klar. Das ist ein EM-Viertelfinale - da kommt keine Laufkundschaft vorbei, und es wäre keine Schande auszuscheiden.

So wie 2013, als Sie in der Vorrunde Russland und Bulgarien schlugen, dann im Viertelfinale aber an Bulgarien scheiterten. Welche Fehler von damals wollen Sie diesmal unbedingt vermeiden?
Wir waren damals zu zaghaft, haben zu lange abgewartet. Diesmal müssen wir von Anfang an rangehen und das als Riesenchance begreifen, die uns nicht hemmen sollte. Ich bin da recht zuversichtlich, weil wir in der Gruppenphase bewiesen haben, dass wir gegen eine Spitzenmannschaft bestehen können und auch mit der Favoritenrolle umgehen können.

Der 18-jährige Tobias Krick und der 20-jährige Julian Zenger stehen bei der EM schon in der Startformation. Sind Sie überrascht von deren Leistungen?
Von ihrem Können nicht. Ich habe beide schon letztes Jahr gesehen und ihr unglaubliches Potenzial erkannt. Natürlich ist immer die Frage, wie man das dann bei der ersten EM abrufen kann. Und die machen das unglaublich gut, mit großer Ruhe. Bei der ersten WM-Quali sind sie noch mit großen Augen rumgelaufen, jetzt spielen sie mit einer Selbstverständlichkeit, die für das Alter dann doch ungewöhnlich ist.

Warum lief es zu Beginn dieses Sommers mit dem verpassten Aufstieg in der World League und dem zweifachen Scheitern bei der WM-Qualifikation so schlecht, jetzt aber viel besser?
Wir haben einfach einen Monat mehr zusammen verbracht, hatten mehr Trainingseinheiten. Ich sagte schon früh, dass wir in diesem Sommer Geduld mit dem neuen Bundestrainer Andrea Giani brauchen, bis wir uns gegenseitig verstehen. Jedes gute Training stärkt dann das Vertrauen in sich selbst und sein neues System. Wir werden da auch noch weiter Zeit brauchen, wir spielen bei dieser EM ja auch nicht perfekt. Und natürlich hilft auch Georg Grozer, der uns in vielen Spielen im Sommer gefehlt hat. Ohne ihn war nicht so richtig klar, wer wann die Verantwortung übernimmt. Georg bringt das von sich aus mit, fordert die Bälle und geht vorneweg. Daran können sich die anderen wieder orientieren. Das sind Erfahrungen, die sie machen müssen, um das nächste Mal besser zu sein.

Wie weit wird es denn jetzt noch gehen bei der EM?
Ich hoffe bis zum Sonntag (Spiele um die Medaillen, Anmerkung des Redakteurs). Wir denken aber erst mal nur bis zum Donnerstag.

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