Bürgersinn und Bürgerwehr

Der malische Aktivist Ras Bath hat Tausende vor allem junge Anhänger im Kampf gegen Korruption

  • Von Bettina Rühl, Bamako
  • Lesedauer: 7 Min.

Eine feine Schicht aus Zementstaub liegt auf den Möbeln und Unterlagen in Mohamed Youssouf Bathilys Büro. Der malische Jurist hat seinen Schreibtisch auf einer Baustelle stehen, nicht anders kann man die große Halle mit dem kleinen Nebenraum bezeichnen, auch wenn die Regierung das Gebäude großzügig »Maison des Jeunes« nennt, Haus der Jugend. An dessen Zustand lässt sich ablesen, wie wichtig die malische Regierung unter Präsident Ibrahim Boubacar Keïta die Jugend des Landes nimmt - immerhin zwei Drittel der malischen Bevölkerung sind jünger als 24 Jahre. Das »Haus der Jugend« in der Hauptstadt Bamako ist eine Bauruine, Schutt und Abfall liegen auf dem Boden des zentralen Versammlungssaals, die fahlgelb gestrichenen Wände sind dunkel von staubigen Spinnenweben, Graffiti und Dreck. Offenbar wurde ein Umbau begonnen und schon vor langer Zeit aufgegeben.

Bathily sieht darin nicht nur ein Versäumnis der Regierung. »Wir müssen uns fragen, wo unsere Verantwortung liegt«, sagt der Anwalt hinter dem staubigen Stapel Papiere auf seinem staubigen Schreibtisch. »Die Regierung darf Steuern einnehmen und verwalten. Wir Bürger haben die Pflicht, sie dabei zu kontrollieren.« Damit das endlich tatsächlich geschieht, hat er schon 2012 das »Kollektiv für die Verteidigung der Republik« ins Leben gerufen. Damit hat er in der analogen und der digitalen Welt inzwischen Tausende Anhänger. Denen ist der Bürgerrechtler unter dem Namen »Ras Bath« bekannt, der Kurzform von »Rasta Ba-thily«. Der Künstlername stammt noch aus seiner Zeit als Moderator beim malischen Rundfunk. Dort hatte der begeisterte Reggae-Fan eine wöchentliche Musiksendung und moderierte sehr kritische politische Programme. Aber im August 2016 bekam er wegen seiner politischen Aktionen eine Art Berufsverbot und darf bis auf Weiteres in Radio und Fernsehen nicht mehr auftreten. Daraufhin wurde er in den sozialen Netzwerken umso aktiver.

Seine gut 40 Jahre sieht man dem Aktivisten nicht an. Er trägt kurze Rastalocken, eine schwarz gerahmte Brille und eine kurze Kette um den Hals. Der Malier ist einer von immer mehr Afrikanern, die nicht länger bereit sind, Armut, Unterdrückung, Korruption und Misswirtschaft kampflos hinzunehmen. Stattdessen begehren sie gegen ihre Regierungen auf, klagen ihre demokratischen Rechte ein, verlangen ihren Anteil am Reichtum ihrer Staaten. In den vergangenen Jahren sind unter anderem in Burkina Faso, der Demokratischen Republik Kongo, der Republik Kongo und Senegal, in Simbabwe und Tansania Widerstandsbewegungen von meist jungen und oft akademisch gebildeten Aktivistinnen und Aktivisten entstanden.

Ras Bath beschloss Anfang 2012, dass es in seiner Heimat politisch so nicht weitergehen kann. In Mali hatte gerade die schwere politische Krise begonnen, die bis heute anhält. Im Januar 2012 rebellierten im Norden die Tuareg, im März putschte das Militär, wenig später marschierten radikale Islamisten auf die Hauptstadt zu. Die französische Armee griff kurzfristig ein und schlug den Vormarsch der Islamisten gemeinsam mit afrikanischen Truppen zurück. Inzwischen hat Mali eine neue Regierung unter Präsident Keïta und eine große UN-Mission versucht, bei der Stabilisierung des Landes zu helfen. Trotzdem wird die Sicherheitslage im Norden und im Zentrum des Landes immer schlechter. Islamisten verüben Attentate auf UN-Soldaten und die malische Armee, Kriminelle rauben die Bevölkerung aus. Und Präsident Keïta, der bei seiner Wahl 2013 als Hoffnungsträger galt, hat seitdem vor allem durch Misswirtschaft, Korruption und die Begünstigung seiner Familie von sich reden gemacht.

Nach dem Putsch stellten Ras Bath und einige seiner Freunde ihre Stühle zwischen den Schutt im »Maison des Jeunes« und berieten, was zu tun sei. »Die meisten Menschen machten nur den gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Touré und seine Entourage für den Putsch und das Scheitern des Staates verantwortlich«, erzählt Ras Bath im Rückblick. »Wir sagten uns dagegen, dass wir die Regierung offensichtlich nicht ausreichend kontrolliert haben. Wir haben sie jedenfalls nicht gestoppt und das Schlimmste nicht verhindert.«

Das soll nicht wieder passieren. Deshalb berät Ras Bath seitdem in dem kleinen, halbwegs benutzbaren Raum im »Maison des Jeunes« Rat suchende Bürger oder bereitet sich auf öffentliche Versammlungen vor, zu denen er regelmäßig einlädt. Auch jetzt ist er angespannt, drängt zur Eile: Er ist schon über eine Stunde zu spät, seine Anhänger warten heute in einem der Viertel am Rande von Bamako.

Eine halbe Stunde später wird er dort mit Applaus und Jubel empfangen. Die Luft ist heiß und voller Staub, Müll liegt herum, aber die Menge ist begeistert. Ras Bath nimmt die Ovationen der rund 200 überwiegend jungen Menschen mit einem kaum sichtbaren Lächeln entgegen und greift zum Mikrofon. »Wir haben die moralische und verfassungsmäßige Pflicht, die Regierung zu überwachen.« Die Menge applaudiert. »Wir müssen dafür sorgen, dass die Regierung unsere Forderungen nicht vergessen kann!« Erneuter Applaus. »Er hat recht mit dem, was er sagt«, sagt Abdoulaye Keita mit leuchtenden Augen. Der 22-Jährige studiert in Bamako Literaturwissenschaft und weiß: Wenn sich in Mali nichts ändert, führt sein Weg von der Universität direkt in den informellen Sektor. Er kann dann auf der Straße kleine Tütchen mit sauberem Wasser verkaufen, Parkplätze anweisen oder Analphabeten ihre Briefe an Behörden schreiben. Einen regulären Job wird er vermutlich ebenso wenig finden wie die meisten anderen Akademiker.

Ras Bath beruft jede Woche eine öffentliche Versammlung ein, immer in einem anderen Viertel von Bamako, in einer anderen Stadt. An diesem Sonntag steht er in dem Viertel Kanadjiguila auf einer Brachfläche in rötlichem Staub. Er redet in einer Mischung aus Französisch und Bambara, der wichtigsten Nationalsprache in Mali. Im Publikum stehen überwiegend junge Menschen. Viele haben ihre Handys gezückt, filmen Ras Baths Rede, um sie anschließend zu posten. Ras Bath hat sich vorbereitet und rechnet vor. In diesem Viertel gibt es 5000 Geschäftsinhaber, sagt er, jeder zahlt jeden Tag 100 afrikanische Francs als Steuer an die Kommune. Das macht umgerechnet 760 Euro an Einnahmen täglich. »Was spürt ihr davon«, fragt Ras Bath. »Wo ist das Geld?« Jedenfalls nicht da, wo er und seine Zuhörer stehen, auf dieser zugemüllten Brachfläche am Stadtrand.

Dann spricht er über die jüngste Regierungsumbildung, enthüllt die Vorgeschichte jedes Ministers: wer wo schon einmal durch Korruption aufgefallen ist, wer wie lange auf Posten saß, die für Veruntreuung besonders berüchtigt sind. Der Literaturstudent Abdoulaye Keita hört Ras Bath aufmerksam zu. »Seine Aktionen werden etwas verändern«, sagt er fast beschwörend. »Durch ihn wird den Regierenden klar werden, dass die Bevölkerung jeden ihrer Schritte genau verfolgt.« Das zu erreichen ist Ras Baths Ziel. Er kämpft durch Recherchen und Analysen, deren Ergebnisse er über das Internet, bei öffentlichen Versammlungen wie dieser, bei Konferenzen und Sit-ins unter das Volk bringt. Die Bürgerinnen und Bürger müssten mehr wissen, sagt er, damit sie sich selbst eine Meinung bilden und kritisch urteilen könnten. »Nur auf diesem Weg werden wir zu einer guten Regierungsführung kommen, zu öffentlicher Moral.«

Vor Ras Baths Popularität weichen sogar die malischen Behörden zurück. Im August 2016 erzwangen wütende Demonstranten zwei Tage nach seiner Verhaftung seine Freilassung. Der Vorwurf der Behörden: Er habe das Nationalgefühl und das nationale Schamgefühl verletzt. Erst kürzlich, also ein knappes Jahr später, verurteilte ein Gericht in Bamako den Aktivsten zu zwölf Jahren Haft und einer Strafe von umgerechnet 150 Euro. Zum Zeitpunkt des Urteils war Ras Bath gerade auf Europatournee, versammelte auch in Frankreich und Spanien Tausende Anhänger und streute seine Botschaft weiter: »Wir sind selbst dafür verantwortlich, was für eine Regierung wir haben. Wir können die Verhältnisse ändern, unter denen wir leiden.« Bei seiner Rückkehr nach Bamako wurde er am Flughafen von einer jubelnden Menge wie ein Popstar empfangen. Trotz des Urteils ist er vorerst weiterhin auf freiem Fuß. Sein Schutz ist der Rückhalt bei den Massen.

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