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Der kalte Schauer der Gentrifizierung

Verkauf der Uferhallen beschleunigt Verdrängung in Wedding - eine Besichtigungstour

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Für Gentrifizierungsgegner war die Nachricht wie ein kalter Schauer. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass das Land aus dem Bieterwettstreit aussteigt und eine Investorengruppe das Gelände, welches von vielen Künstlern genutzt wird, nun kauft. Im Wedding läuft bereits länger der Prozess der Aufwertung. Das Projekt könnte den Weg für neue »Coworking«-Büros und teure Studentenwohnungen ebnen. Ein Albtraum für die Bewohner von Sozialwohnungen und billigem Wohnraum. Die Straßen sind so früh am Morgen leer. Cafébetreiber putzen ihre Tische, und erste Kreative trinken ihren Kaffee auf dem Künstlergelände an der Uferstraße. Gegenüber liegen die Uferstudios - direkt an der Panke. Auch sie gehören zum Komplex der Uferhallen, sind allerdings von dem Verkauf weniger betroffen, da die betreibende Gesellschaft mit der UferHallen AG einen Erbpachtvertrag über das Grundstück abgeschlossen hat. In dem Zentrum für zeitgenössischen Tanz treffen sich seit 2009 Choreografen und Tänzer, Studierende und Dozenten des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz Berlin. Sie können hier Ateliers mieten, proben und Aufführungen veranstalten.

»Wir sind ein offener Ort«, sagt Geschäftsführerin Simone Willeit. Die Menschen, die im Kiez wohnen, sollen über das Gelände gehen und an der Kunst teilnehmen können. In den ehemaligen Werkstätten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) finden neben der choreografischen Arbeit auch verschiedene Projekte einen Platz, die Kinder und Bewohner mit einbeziehen. Das nimmt ganz verschiedene Formen an: Ein Aushang der Gruppe »Wedding 2000« sucht nach Jugendlichen. Künstler wollen sie über das Leben und Aufwachsen im Kiez befragen. Andere Kinder erarbeiten mit der schwedischen Choreografin Milla Koistinen gerade ein Bühnenstück, das sie am kommenden Wochenende im Rahmen der Programmserie »AUSUFERN« präsentieren. Obwohl die Künstler nicht durch den Verkauf gefährdet sind, befürchten sie den Verlust des Kiezcharakters durch die drohende Kommerzialisierung der anderen Hallen. »Es wird eine Veränderung in der Nachbarschaft geben«, sagt Willeit.

Dass dies keine Zukunftsmusik, sondern schon bittere Realität, zeigen Manfred Schmitt und Chris Müller am frühen Abend. Die Aktivisten vom Bündnis »Hände weg vom Wedding« möchten ihren richtigen Namen nicht veröffentlichen. Sie arbeiten schon seit einigen Jahren zu dem Thema und haben viele Fälle von Zwangsräumungen und Verdrängung begleitet und sich solidarisch mit den Betroffenen gezeigt. »Der Wedding hat momentan die höchste Mietsteigerung in Berlin«, sagt Manfred auf dem Weg in Richtung Koloniestraße.

2015 sind dort Sozialwohnungen verkauft worden. Der neue Besitzer wollte sanieren und hat Mietsteigerungen von 100 Prozent angekündigt. »Es könnten eigentlich alle klagen«, erklärt Chris. Die Investoren hätten allerdings ihre Methoden, um unbequeme Mieter zu bekämpfen.

Im Innenhof des ehemaligen Sozialbaus steht nun der Container eines Sicherheitsunternehmens. Spielende Kinder umkreisen ihn auf Fahrrädern. Neben dem Hauseingang steht die Tür zum Müllraum offen. Oft wurde dort bereits Sperrmüll abgeladen, der dann wieder entsorgt werden muss. Die Kosten für die Entsorgung werden auf die Mieter umgelegt, erzählen die Aktivisten. Viele haben aufgegeben, sich zu wehren. Neben der Verdrängung durch Sanierung sind auch Neubauprojekte wie Campus Viva ein Problem. In dem Projekt werden teure Studentenwohnungen gebaut, nur wenige Häuser weiter - ebenfalls in der Koloniestraße. Betroffen sind allerdings nicht nur die Bewohner der Gegend. Auch die Struktur der Gast-ronomie passt sich der neuen Klientel an. »Erst kommen die Künstler, dann kommt das Geld«, sagt Olivia. Ihren Nachnamen möchte sie ebenfalls nicht in der Zeitung lesen. Sie arbeitet in der »Barrikade«, einer linken Kiezkneipe, die nur eine Straße von den Uferhallen entfernt liegt. Seit 20 Jahren kehrt hier die gleiche Stammkundschaft ein, doch an diesem Abend ist nicht viel los. Die Gegend verändert sich, bemerken die Betreiber schon länger. Mehr Hipster sind auf den Straßen, die Polizei wird häufiger wegen Lärmbeschwerden gerufen, und natürlich werden Menschen verdrängt.

»Wir waren das erste besetzte Café«, erklärt Olivia. Damals in den Achtzigern hätte es noch Straßenschlachten gegeben und Häuser seien besetzt worden. Davon sei heute nicht mehr die Rede, meint die Kneipenbetreiberin. Vor ein paar Jahren musste die Kneipe schließen, weil die Miete nicht mehr bezahlt werden konnte. Nach einer Pause fand man neue Räumlichkeiten. Doch vor Kurzem wurde auch ein Gerüst vor dem neuen Haus aufgebaut. Nebenan wurde schon renoviert. »Lange können wir nicht mehr bleiben«, sagt die Barkeeperin. 2019 läuft der Vertrag der Kneipe aus. Was dann passiert, ist unklar. »Wir fühlen uns verdrängt.«

Die Uferhallen sollen für eine unbekannte Summe von einer Investorengruppe gekauft werden. Laut Medienberichten soll dabei auch mindestens ein Samwer-Bruder involviert sein. Die drei bekannten Samwer-Brüder - Oliver, Alexander und Marc - sind Teilhaber von Zalando und seit einiger Zeit auch mit Gesellschaften in der Immobilienbranche aktiv. Ihr Vorgehen ist umstritten. Diskussionen gab es etwa über das Haus der Gesundheit. Die laut Gerüchten auch bei den Uferhallen beteiligte Augustus Capital GmbH möchte dazu keine Fragen beantworten. »Kein Kommentar« , heißt es lapidar auf nd-Nachfrage.

Am 1. September findet um 15 Uhr ein Kiezspaziergang mit Tobias Schulze (LINKE) statt. Titel: »Der Wedding verschwindet!«

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