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Kleinplastik im Großatelier

Das Kunsthaus Dahlem zeigt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die während der Nazi-Zeit vertrieben wurden

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Emigriert, das hieß zwischen 1933 und 1945 verjagt und vertrieben. Künstlerisch Tätige, politisch missliebig und/oder rassistisch gebrandmarkt, mussten auf Leben und Tod weichen. Zunächst im Ausland gerettet - da stellt sich die Frage: Was wurde aus ihnen? Ungewiss blieb ihr Schicksal sowohl vor wie nach 1945 allemal. Im bundesdeutschen Sprachgebrauch waren »Heimatvertriebene« immer nur die nach 1945 durch Flucht aus dem Osten ins Kernland Gekommenen. Wieso benennt eine gegenwärtige Ausstellung eine »R/emigration von Künstlerinnen und Künstlern nach 1945« mit dem Titel »Neue/Alte Heimat«? Was hier in der Benennung einer Werkauswahl von Kleinplastik so künstlich kompliziert wird, ist doch eine aller Ehren werte Aktivität! Das seit zwei Jahren neu etablierte »Kunsthaus Dahlem« und seine junge Chefin Dorothea Schöne machen damit der künstlerischen Öffentlichkeit ein Angebot, eine Wissenslücke zu schließen.

Es gelingt leider nur halb. Das hat objektive Gründe. Da wurde von der Forschung in den letzten Jahrzehnten einfach zu wenig getan. Ad hoc schnell nachzuholen ist das nicht. Was bewirkt die Schirmherrschaft von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die Begrüßung durch den Berliner Kultursenator Lederer (Linkspartei)? Zunächst gar nichts. Junge Kräfte forschen nun. Gut so. Im Metier Unerfahrene spüren Nachlässe auf und erschließen private Sammlungen. Begrüßenswert. Wieso dann der Eindruck von Zufall bei Zahl und Bedeutung der Exponate? Was ruht in den Depots unserer Museen? Wenn Theo Balden und Max Lingner, Emy Roeder und Rudolf Belling zu schmal vertreten sind und Ruth Vollmer und Franz Bernheimer im Katalog besprochen, aber gar nicht gezeigt werden, so ist das wenig überzeugend. René Graetz ist als Bildhauer nicht existent.

Ein Privatsammler wie Gerd Gruber in Wittenberg hat jahrzehntelang die Kleinarbeit auf sich genommen, all dem nachzuspüren. Ein einsames Beispiel. Er könnte zum Thema allein ein ganzes Museum füllen. Hier zeigt er für die ersten drei Monate der Ausstellung auf der Galerie an der Rückwand einen Ausschnitt davon. Zeichnungen etwa der unvergesslichen Tisa von der Schulenburg. Andere Namen. Sie vermitteln Eindrücke von Internierungslagern. Auf Papier Gezeichnetes oder Gedrucktes ergänzt das Plastische. Bis 18. September eine wichtige Zugabe. Die gigantisch überhöhte Raumsituation hält damit in halber Höhe etwas bereit, was das Projekt besonders lobenswert macht. Die plastischen Kleinformate unten verlieren sich da fast im einst als Großraumatelier gebauten Ausstellungsraum.

Seit zwei Jahren dient es dem »Kunsthaus Dahlem« mit neuer Topadresse neben dem Brücke-Museum als Domizil. Dass dieses für Hitlers Vorzeigemodelleur Arno Breker 1943 entworfen und errichtet wurde, aber von diesem infolge Bombenschadens nie wirklich genutzt wurde, ist eine zusätzliche Petitesse. Es geschah dem anschließend im rheinischen Adenauer-Milieu weiterhin Wohlgelittenen recht: Erst mit seinem der Demokratie dienenden Meisterschüler Bernhard Heiliger erlangte das Atelier eine gesellschaftlich relevante Bedeutung. Dieser arbeitete hier Westberliner Staatsaufträge ab und steigerte sie zu nobler Abstraktion. Eine Bildhauer-Legende der Sonderklasse! Sie verleiht bis heute dem weitläufigen Areal am Käuzchensteig schon durch die im Freiraum erhaltenen Skulpturen eine Aura.

Und der spürbare Antifaschismus der Exponate der Emigrierten konterkariert durchaus die grassierende Ehrfurcht vor dem Mega-Architekten Albert Speer und dessen künstlerischem Spießgesellen. Die vor jener mörderischen Allmacht geflohenen Künstlerexistenzen, wie geschunden und geplagt nehmen sie sich hier aus! Eloquenten Erfolgsmenschen von der Sorte Speer und Breker waren sie nie gewachsen. Zartfühlende Menschenliebe. Intime Einfühlung in Gesichter und Körper. In bescheidener Größe in Bronze gegossen, begegnet uns das nun.

Vor und nach dem Exil unbeirrt dieselbe Formensprache. Wer kennt heute noch ihre Namen? Zweimal der Name Rosenbaum. Ohne verwandt zu sein, Julius nach London, Peter nach Paris entkommen. Der eine geistvoll karikierend, der andere plastisch gestaltend. Allgemein ist feststellbar: Das jeweilige Lebenswerk wird hier nur andeutungsweise sichtbar.

Der Leidensweg dieser stets unterprivilegiert Gebliebenen setzt sich fort. Sie kamen in der Kunstgeschichte der Bundesrepublik nie an. Einige kehrten gar nicht zurück. Im Gastland blieben sie verloren: Jussuf Abbo und Paul Hamann - tragisch genug ihr Schicksal als in London bis 1953 bzw. 1972 unter allzu kümmerlichen Umständen Weiterexistierende. Moissey Kogan wurde schon 1943 von der Gestapo in Paris aufgespürt. Er beendete seinen Lebensweg in Auschwitz. Rudolf Belling wechselte erst 1966 aus Istanbul für die letzten Lebensjahre nach München. Margarete Klopfleisch fand 1960 in Dresden eine Bleibe, während Erich Buchholz und Christian Theunert am Ende den Westen der DDR vorzogen.

Genau das Gegenteil taten Theo Balden, René Graetz, Ruthild Hahne, Eugen Hoffmann, Will Lammert und Max Lingner. Sie engagierten sich leidenschaftlich da, wo sie im Prinzip willkommen waren, in der DDR. Die ständig praktizierte Unsitte, den zeitweise erhobenen Formalismus-Vorwurf zu verabsolutieren, macht ihre politische Heimat zu einem Jammertal. Das ist schlichtweg Geschichtsklitterung. Baldens Biografie wird verkürzt. Seine Liebknecht-Statue in Luckau und »Flamme der Revolution« in Potsdam, nach 1990 aus dem Blickfeld geräumt, existieren auf einmal nicht mehr. Ruthild Hahne, mit dem Riesenauftrag eines Thälmann-Denkmals überfordert, lebte dennoch hochgeehrt. Eugen Hoffmann, schon 1946 zurück, bestimmte wesentlich Dresdens Kunstszene mit. Will Lammert und Max Lingner, aus der Evakuierung nach Kasan und aus dem grandios bewältigten Pariser Exil gekommen, konnten eine enorme Kreativität entwickeln.

Das offensichtlich dauergestörte Verhältnis zu diesem Teil gesamtdeutscher Kunstlandschaft ist geradezu tragisch. Im Katalog legt Michaela Marek eine profunde Forschungsarbeit zur Wohnsituation der Zurückgekehrten in Berlin-Niederschönhausen vor. Sie unterstellt, dass nur eine mit Privilegien überhäufte »Elite« dort zugelassen war. Entweder verfolgt oder bevorzugt - anders ist keine Künstlerexistenz jenseits des Eisernen Vorhangs vorstellbar. Die »R/emigrierten« finden offenbar nie die richtige »Heimat«.

»Neue/Alte Heimat - R/emigration von Künstlerinnen und Künstlern nach 1945«, Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8, Dahlem, 11 bis 17 Uhr außer Dienstag. Werke aus der Sammlung Gruber bis 18. September Skulpturen bis Juni 2018

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