Erdöl, Kaffee, Victoriabarsch: Was für ein Lebensgefühl!

Die Industriestaaten betrachten die Welt als ihren Vorhof, aus dem sie sich bedienen können - und begünstigen dadurch den Terrorismus

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nach Terroranschlägen hört man das oft: Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht verbieten. Ist das nun Standhaftigkeit oder eine Drohung? Denn unsere Art zu leben kommt nicht nach, sie kommt vor dem Terror.

Nach dem Anschlag in Barcelona hat auch FDP-Chef Christian Lindner die sozialen Netzwerke mit einer Stellungnahme beglückt. Wenn auch der Terror »der freien Welt den Krieg« erkläre, so seien wir doch stärker, beteuerte er per Meme und leitete das Bildchen mit den Worten ein, dass es eine Verpflichtung sei, »unsere Lebensweise zu verteidigen«. Da ist sie wieder, die Floskel von der Lebensart, die die US-Amerikaner schon vor Jahrzehnten anwandten, um Kriege fernab der Heimat als einen Kampf um den »way of life« zu deklarieren. Schon in Vietnam ging es angeblich nur darum. Von wegen Eindämmung des Dominoeffektes und so – Vietnam war der erste aller Lebensgefühlskriege.

Im Falle des aktuellen Terrorismus klingt diese Losung ja nicht mal sonderlich falsch oder verwerflich. Sie trifft ja einen wahren Kern. Wenn zum Beispiel gemeint ist, dass wir Homosexualität nicht strafen wollen oder aber den unkomplizierten Umgang der Geschlechter untereinander als Gewinn von Lebensqualität behaupten möchten. Die Frage ist allerdings, ob das mit unserer Lebensart immer gemeint ist, wenn davon die Rede ist. Besonders wenn ein FDP-Politiker diese Parole im Mund führt, sollte man da skeptisch sein. Er ist ja weniger Werte- als Wirtschaftsliberaler. Und insofern muss man das mit der Art zu leben vielleicht ein klein wenig anders einschätzen: Autofahren als große Freiheit, billige Schuhe oder Mobiltelefone erstehen, Kaffee to go and very cheap oder ganz mondän Haifischhäppchen am All-you-can-eat-Buffet verköstigen.

All das ist ja auch zu unserer Lebensart geworden: Der Konsum, sich die Freiheit zu nehmen, etwas zu verbrauchen, was an sich gar nicht so natürlich zu unserem Verbrauch zur Verfügung steht. Nehmen wir mal das Auto, nehmen wir das Benzin. Nigeria ist eines der größten Förderungsländer von Erdöl weltweit. Die Anrainer solcher Förderungsanlagen leben im ziemlichen Dreck, ungeschützt vor den Folgen des Raubbaus. Und sie leben natürlich fernab eines auch nur bescheidenen Wohlstandes: Über 50 Prozent aller Nigerianer leben in absoluter Armut. Die Bevölkerungszahl explodiert geradezu. Eine beständig hohe Fertilitätsrate (im Vergleich zu anderen Ländern im globalen Süden) weist auf einen weiterhin um sich greifenden Analphabetismus hin. Trotz Reichtümer im Boden gibt das Land ein solches Bild ab.

Was der Journalist Eduardo Galeano einst die »offenen Adern Lateinamerikas« nannte und was er damit meinte, nämlich auf reichem Boden in Armut zu leben, das hätte auch für das heutige Nigeria und viele andere Plätze auf dieser Welt Geltung. Unsere Art zu leben, die immer wieder als verteidigenswert in die Debatte geworfen wird, hat nämlich einen äußerst bedenklichen Makel: Die reichen Industriestaaten betrachten die Welt als ihren Vorhof, aus dem sie sich recht günstig und ohne viel Aufwand genau das holen, was sie zu ihrem bequemen Leben benötigen. In dieser Haltung gleichen sie den alten Römern, die ihr Weltreich vor allem als einen Provinzverbund von Zulieferern begriffen. Die hatten die materiellen Ansprüche zu stillen, sollten liefern und so der Urbs einen fortwährenden Wohlstand garantieren. Das war die römische Lebensweise, die wirkliche spätrömische Dekadenz.

Nein, man sollte diese Absätze gar nicht falsch verstehen. Terroristen haben auf Grundlage dieser falschen westlichen Lebensweise kein Grundrecht auf Gewalt. Mit Anschlägen kommuniziert man nicht zielführend, so schafft man nur härtere Fronten. Aber so zu tun, als müsse man eine falsche, weil antipartizipierende Lebensweise dazu benutzen, um uns als Gesellschaft gegen die Gewaltbereiten in Stellung zu bringen, das kann man so nicht stehen lassen. Unsere Lebensweise ist nicht die Rettung, sie ist in so vielen Bereichen das eigentliche Problem.

Die Lust am Mondänen vor der Haustüre, die immer stärker benötigten Rohstoffe: Das ist ein teures Lebensgefühl. Man zahlt dabei nicht nur in Euro oder Dollar - Radikalisierung scheint auch so eine Währung zu sein. Es geht weniger darum, unsere Lebensweise zu verteidigen als darum, über sie nachzudenken. Bei einem gegrillten Victoriabarsch zum Beispiel - frisch aus Afrika auf unseren Tisch. Für was sonst haben wir denn das biologische Gleichgewicht des Victoriasees ruiniert, indem wir den Barsch dort »heimisch« werden ließen? Doch wohl nur für die Hebung unseres Lebensgefühls – und auf das stoßen wir mal an, bei einem Glas Weißen in klimagewandelten lauen Nächten.

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