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Repeti-ti-ti-tiv

The Fall / James Murphy

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 3 Min.

Der schlecht gelaunte, knurrige alte Mann aus Manchester ist noch bzw. wieder da: Mark E. Smith. Den »einzigen modernen Schriftsteller, der einer Rockband vorsteht«, nannte ihn jemand einmal. Vor Kurzem ist er 60 Jahre alt geworden. Manchmal sagt er sonderbare Sachen, wie knurrige alte Herren, denen es schwerfällt, den Überblick übers Weltgeschehen zu behalten, das zuweilen tun. Mit seiner Band, die The Fall heißt, seit ungefähr 40 Jahren existiert und sich traditionell aus wechselnden Musikerinnen und Musikern zusammensetzt, hat er schon wieder nebenher ein neues Album aufgenommen, sein zweiunddreißigstes oder siebenundvierzigstes. Wer weiß das schon, kein Mensch zählt mehr mit. Es ist ja auch egal. Das Cover sieht erwartungsgemäß natürlich wieder so aus, als hätte sich zu seiner Gestaltung ein farbenblinder Fauvist mit einem Fünfjährigen zusammengesetzt, der die Buchstaben malen darf. Sehr gut. So muss das sein (»The artwork is by Pamela Vander«): Es muss gleichzeitig irgendwie kaputt und neoexpressionistisch aussehen, aber auch so, als sei das Album 1979 veröffentlicht worden. Musikalisch war The Fall in den letzten Jahrzehnten berechenbar: ein schroffes, hartes, stoisches, repetitives Bass- und Schlagzeuggerumpel. »Mit The Fall ist es wie mit Marmite, diesem dickflüssigen, britischen Brotaufstrich, der irgendwie nach Brühwürfel schmeckt (...), man liebt oder hasst ihn«, meinte kürzlich Radio Eins.

Doch jetzt das Wichtigste: Smiths derzeitige Ehefrau, Elena Poulou, ist, nach 15 Jahren als Keyboarderin, aus der Band ausgeschieden. Doch wie sagte Smith einmal treffend? »Selbst wenn die Band bloß aus mir selbst und deiner die Bongos spielenden Großmama besteht, ist es immer noch The Fall.« Musikalisch gibt es wieder alles, was man kennt: schlecht gelaunten Besoffenengesang, wahlloses Herumgeklopfe auf Gegenständen, halb improvisiert Klingendes, stumpf-dumpfen Riff-Rock, unübersichtliche sperrige Soundlandschaften.

Schön, dass passend dazu heute das neue Album von James Murphy alias LCD Soundsystem erscheint. Murphy, der vor einiger Zeit seine Band reanimiert hat, ist der Mensch mit dem zweitbesten Musikgeschmack der Welt und ein Bewunderer von Mark E. Smith (»Ich bin eine reagierende Person, Mark E. Smith ist eine produktive Person«), von dem er etwa die Repetition als Stilmittel übernommen hat. Aus den kantigen, trockenen Sounds von Bands wie Suicide oder The Fall hat er in den Nullerjahren böse, funkige Disco/New-Wave-Stücke gemacht. Jetzt hat Murphy gitarrentechnisch aufgerüstet. Textlich kommt er der Laune seines Vorbilds Smith näher: »Find the place where you can be boring / Where you won’t need to explain / That you’re sick in the head and you wish you were dead.«

The Fall: »New Facts Emerge« (Cherry Red/Rough Trade)

LCD Soundsystem: »American Dream« (DFA/Columbia/Sony)

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