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Woyzecks Geist

Holger Duhn und Torsten Litschko sind die Allesmacher am Theater Thikwa und am English Theatre

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Im Studio des Theaters Thikwa werkelt ein blonder Mann um die 40 an einem Fresnel-Scheinwerfer herum. Es sind Theaterferien, das heißt: keine Proben, keine Dramen. Holger Duhn, seit Februar dieses Jahres technischer Leiter, hat endlich Zeit für die Wartung - zusammen mit seinem Kollegen Torsten Litschko vom English Theatre, mit dem sich das Thikwa den Spielort teilt.

Duhn hat zehn Jahre Theaterpraxis hinter sich, ist aber in Grunde Autodidakt. »Wenn man wie ich aus aus der niedersächsischen Provinz, aus dem Städtchen Nordhorn, kommt, dann weiß man nicht unbedingt gleich, was man im Leben werden will«, sagt Duhn. Dass es ihn ans Theater verschlug, hat er der Berliner Justiz zu verdanken. In der Walpurgisnacht 2003 spielte er auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain nur so für sich was von Simon & Garfunkel, bis er merkte, dass um ihn herum die traditionellen Straßenschlachten wie vor jedem 1. Mai tobten und Polizeitrupps den Platz räumten. Protestierende standen plötzlich hinter ihm und skandierten zu seiner Musik: »And here's to you, Mrs Robinson« - was ihm eine Anzeige einbrachte und als Strafe gemeinnützige Arbeit beim Theater Rambazamba. Er blieb freiwillig viel länger. »Ich war da gerne«, sagt er rückblickend.

Seine intensivsten Theatererfahrungen machte er an der Theaterkapelle Friedrichshain. Als er den kleinen Backsteinbau zum ersten Mal sah, hatte er so ein Gefühl: »Ich könnte auch gleich einziehen.« Auf Ein-Euro-Job-Basis war er bald schon rund um die Uhr vor Ort. Kollegen vermuteten heimlich, er sei eigentlich ein Geist, der vom angrenzenden Friedhof herübergeweht sei: bleich, dünnhäutig, sensibel - ein An-die-eigenen-Grenzen-Gehender aus dem Jenseits offizieller Jobbeschreibung.

Holger Duhn ist einer, der alles repariert - nur nicht die Bremsen seines Fahrrads. Wozu auch, wenn alles immer schnell gehen muss und das Limit in der Freien Szene sowieso oft überschritten wird? Die Theaterkapelle war eines jener Herzblut-Theater, die in Selbstverausgabung auf der Strecke geblieben sind. 2013 wurde auch an dieser Stätte die Notleine gezogen. Der Senat verlängerte die Spielstättenförderung nicht und erklärte, dafür sei der Bezirk verantwortlich. Die verschuldete Kapelle gab auf. Durchgehalten hatte man sieben Jahre nur durch einen Marathon aus Low-Budget-Eigenproduktionen, Vermietungen, hochkarätigen Musik-Events und Barbetrieb im Kellergewölbe. Nicht zu vergessen die Beerdigungen: Die Kirche - nach wie vor Eigentümer - nutzte alle zwei Wochen das Theater als Aussegnungshalle. Man drehte in Teamarbeit die Bühnen-Treppe um, Molton darüber, ein Kreuz drauf - schon war sie ein Altar.

Für Holger Duhn war das immer eine besondere Herausforderung. Was tun, wenn gerade kurz vor einer Beerdigung das Klo verstopft ist oder nur wenige Tage vorher ein Performance-Festival aus dem Ruder lief, eine estnische Gastspieltruppe spontan Blutballons zerhackte und Fett ins Publikum warf? »Das Zeug triefte noch tagelang von den Wänden und durch den Bühnenboden«, erzählt Duhn.

Theater ist ein umständlicher Beruf. Nicht dass sich Duhn beklagen würde über »die ganze Menschlichkeit all dieser verrückten Künstler«, die noch auf der Bühne miteinander kämpfen, während längst die Technik-Einrichtung dran wäre, die er dann heimlich und leise nebenbei macht. »Es geht mir eigentlich immer nur darum, dass es am Ende klappt, dass ich helfe, das umzusetzen, was die anderen sich ausdenken«, sagt er nachdenklich. Torsten Litschko sieht das ähnlich: »Honorar ist auch, wenn sich Schauspieler bedanken, wenn man eine Lösung für ein Problem findet - oder für sie ein spezielles Requisit.« Es sind die Dinge, die man später auf der Bühne nur bemerkt, wenn sie fehlen. »Wie beim Licht: Das fällt auch nur auf, wenn’s Scheiße ist!«, betont Litschko. An großen Häusern hat man Licht-Designer fürs Konzept, Bühnenarbeiter fürs Hängen und Abendtechniker dafür, dass am Ende alles läuft - Duhn und Litschko müssen das alles in Personalunion erledigen.

Auf die Frage nach der Grenze, die von den Künstlern nicht überschritten werden darf, müssen die beiden lange überlegen. In Duhns Fall waren es die Blutballons. »Da musste ich einschreiten. Die Typen haben dann mit einer Gitarre nach mir geschlagen!« Im Thikwa sei es entspannter. Weniger Produktionen, zwar technisch anspruchsvoller, aber keine Umbauten am laufenden Band.

»Das war früher anders,« wirft Torsten Litschko ein. Als Duhns Vorgänger aufhörte, hatte Torsten alleine beide Theaterensembles technisch zu betreuen. »Heftig! Acht bis zehn Stunden täglich und maximal zwei Tage im Monat frei!« Aufgehört für Thikwa zu arbeiten hat er, als man ihn trotz offensichtlicher Überstunden und Arbeit rund um die Uhr noch zur minutiösen Auflistung der Leistung aufforderte. Das war seine Schmerzgrenze. Jetzt leitet er »nur« noch die Technik des English Theatres.

In der Freien Szene sind unterbezahlte Theaterleute weiterhin Realität. Das betrifft Künstler wie Techniker - mit dem Unterschied, dass der Applaus Erstere manchmal darüber hinwegtröstet. Vielleicht sind Abrechnungszettel doch keine schlechte Idee, bei so viel Arbeit und so wenig Grenzen? Die einzig (un)sichtbare Grenze scheint zwischen Diesseits und Jenseits des Rampenlichts zu verlaufen. Und auch die verschwimmt zuweilen. »Ich war sogar mal Woyzeck«, sagt Holger Duhn. Das war während der Büchner-Adaption »Woyzecken« in der Theaterkapelle. Da hatte man ihn plötzlich gefragt, ob er nicht aufs Plakat wolle: »Du bist der geborene Woyzeck. Blass und total überarbeitet. Bleib so!«

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