Schwule kriegen schmaleren Lohn

Ökonomen veröffentlichen Studie zur Situation von Homo- und Bisexuellen

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Auf der diesjährigen Parade zum Christopher Street Day (CSD) in Berlin
Auf der diesjährigen Parade zum Christopher Street Day (CSD) in Berlin

Als der US-amerikanische Speiseeis-Hersteller Ben & Jerry’s im Mai ankündigte, in Australien keine zwei gleichgeschmacklichen Eiskugeln mehr in einer Waffel zu verkaufen, bis dort das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe aufgehoben wird, war die Aufregung groß. Konservative Moralapostel echauffierten sich, andere freuten sich, dass sich die Marke für die Rechte von Homosexuellen einsetzte, wieder andere bezweifelten den politischen Anspruch und fragten, ob dies nicht nur ein gekonnter Werbegag sei. Schließlich entdecken immer mehr Marken Lesben, Schwule und Bisexuelle (LGB) als Zielgruppe. Sie seien besonders finanzstark, heißt es, unter ihnen fänden sich besonders viele sogenannte Double-Income-no-Kids-Haushalte gebe - also Doppelverdiener-Paare ohne Kinder.

Da passt nicht ins Bild, was das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nun heraus gefunden hat: Homosexuelle Männer verdienen weniger als heterosexuelle. Schwule erhalten im Mittel einen Stundenlohn von 16,40 Euro brutto, während ihre heterosexuellen Kollegen auf rund 18 Euro kommen, heißt es in der Studie, die DIW-Ökonomen am Donnerstag vorstellten. Berücksichtigt man, dass Schwule häufig eine höhere Schulbildung haben, dann beläuft sich die Differenz sogar auf über zwei Euro. Das DIW spricht deswegen von einem »Sexuality Pay Gap«, analog zum »Gender Pay Gap«, der Lohnkluft zwischen Frauen und Männern. Dagegen verdienen lesbische Frauen mehr als heterosexuelle. Mit 16,44 Euro ist ihr Stundenlohn rund zwei Euro höher, aber immer noch weit niedriger als der ihrer auf Frauen stehenden männlichen Kollegen. »Die Differenz beim Stundenlohn lässt sich weder durch Qualifikation noch durch Berufserfahrung erklären«, sagt Studienautor Martin Kroh. »Ein solcher Sexuality Pay Gap, der in ähnlichem Umfang schon in anderen Ländern ermittelt wurde, legt eine Benachteiligung Homo- und Bisexueller nahe.«

Doch weshalb dies so ist, können Kroh und seine Kollegen aus ihrem Zahlenmaterial heraus nicht erklären. »Wir können nichts über Kausalitäten sagen«, so der Forscher. Man könne lediglich feststellen, ob es eine »erklärungsbedürftige Differenz« gebe oder nicht. Und auch diese sei mehr eine »Tendenz« als ein unumstößlicher Wert. Die Forscher mussten nämlich alle ihre Erkenntnisse aus den Antworten von 459 LGBs herausziehen, die im Rahmen des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) befragt worden waren. Zum Vergleich: Insgesamt nehmen an den Befragungen für das Panel knapp 40 000 Erwachsene teil, das mit dem amtlichen Mikrozensus damit die wichtigste Datengrundlage für die sozialwissenschaftliche Forschung hierzulande ist. So haben die DIW-Wissenschaftler auch Fragen zu Geschlechteridentitäten herausgelassen, weil die Fallzahlen vermutlich zu gering gewesen seien, um daraus valide Aussagen herausziehen zu können.

Aber auch das Wenige, das das DIW herausfand, ist weitaus mehr als das, was bisher bekannt war. Denn auch der Mikrozensus erfasst nur, ob man in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft lebt, aber nicht, welche sexuelle Orientierung man hat. So gibt es noch nicht mal offizielle Statistiken, wie viele Lesben, Schwule und Bisexuelle hierzulande leben.

»Auf Basis der SOEP-Daten schätzen wir, dass sich etwa zwei Prozent der erwachsenen Personen in Deutschland als homo- oder bisexuell identifizieren«, sagt DIW-Forscher Simon Kühne. »Betrachten wir lediglich zusammenlebende Paare, so gehen wir von einem Anteil von 0,9 Prozent gleichgeschlechtlicher Paare aus.« Dies ist doppelt so viel wie im Mikrozensus ermittelt und vergleichbar mit dem Anteil an gleichgeschlechtlichen Paaren in anderen Industrieländern, die diese Daten statistisch ermitteln - zum Beispiel den USA und Kanada.

Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) spricht sich auf Grund der mangelhaften Datenlage dafür aus, dass die Sozialberichterstattung um das Merkmal der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität ergänzt wird. »Um Diskriminierung anzugehen, muss sie erst mal sichtbar gemacht werden«, erklärt LSVD-Mitglied Jenny Renner. Gruppenspezifisch aufgeschlüsselte demografische Daten zur Bildungs-, Einkommens-, Gesundheits- und Lebenssituation sollten ihr zufolge dabei nach den Grundsätzen des Datenschutzes, der Freiwilligkeit und der Selbstidentifikation erhoben werden. Für Renner ist auch ein besonderer Gesundheitsbericht für Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen »unabdingbar«. So ergab die Studie des DIW, dass homo- und bisexuelle Menschen doppelt so häufig depressiv sind wie heterosexuelle.

Für Koautor David Richter ist dies eine Folge der hierzulande noch immer weit verbreiteten Homophobie. Homo- und Bisexuelle müssten weiterhin mit Erfahrungen von Diskriminierung umgehen oder in Angst vor einem ungewollten Outing leben. In offeneren Ländern wie den Niederlanden seien Depressionen unter Schwulen und Lesben weniger verbreitet.

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