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Mehr als sieben Schwaben

Stefan Liebich hängt am Kollwitzplatz spezielle Wahlplakate auf

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
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Das schwäbische Lebensmotto »Schaffe, schaffe, Häusle baue« wandelt der Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich (LINKE) ab zu: »Schaffe, schaffe, Sozialwohnunge baue.« So überschrieben ist eins der Motive für 20 Wahlplakate, mit denen Liebich augenzwinkernd eine extra Schwabenkampagne rund um den Kollwitzplatz macht und so um Stimmen bei der Wahl am 24. September wirbt.

Für den 17. September hat Liebich einen Auftritt am Ziel der nd-Leserwanderung zugesagt. Gestartet wird von 9 bis 11 Uhr am S-Bahnhof Waidmannslust in Reinickendorf. Eine 8,5 und eine 15,5 Kilometer lange Strecke führen zum Café »Rosenstein« im Bürgerpark Pankow, und damit in Liebichs Wahlkreis.
Weiter südlich, im Ortsteil Prenzlauer Berg, liegt der Kollwitzplatz. Dort wohnen deutlich mehr als sieben Schwaben. Ende 2012 sorgte der damalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Thierse (SPD) für Aufsehen, als er sich darüber beklagte, dass die in Berlin normalerweise Schrippen genannten Brötchen in Bäckereien der Gegend am Kollwitzplatz als Wecken angeboten werden.

Das habe ihn gleich unangenehm berührt, erinnert sich Stefan Liebich. Denn hinter der Ablehnung der Wecke und damit des Schwäbischen verberge sich »eine gewisse Fremdenfeindlichkeit«. Liebich selbst ist wie so viele Berliner kein Einheimischer, sondern ein Zugezogener. Er stammt aus dem mecklenburgischen Wismar.

Im Grunde als Angebot für alle zugereisten Wähler, für die der Schwabe nur beispielhaft stehe, entwickelte Liebich mit seinem Team die spezielle Schwaben-Kampagne. 20 der besonderen Wahlplakate wurden zuerst in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofs aufgehängt, damit sie dort von Schwaben aus Berlin beim Urlaubsbesuch in der alten Heimat gesehen werden. Nun kommen weitere 20 Plakate rund um den Kollwitzplatz zum Einsatz. Die Linkspartei firmiert darauf übrigens als »Die wo links isch«.

Damit nicht genug. Ein Spot, der im Internet zu finden ist, zeigt Stefan Liebich, wie er Spätzle zubereitet. Der Clou dabei: Die Einstellungen orientieren sich Sequenz für Sequenz an dem Wahlwerbespot des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) zur Landtagswahl 2016. Darin präsentierte sich Kretschmann beim Heimwerken in seiner Garage. Wo dem Ministerpräsidenten während des Hobelns die Holzspäne zu Füßen fallen, sind es bei Liebich während des Zwiebelschneidens die Schalen. Als Sprecher konnte Liebich seinen Parteivorsitzenden Bernd Riexinger gewinnen, der im schönsten Schwäbisch linke Forderungen erläutert. Das ist so hübsch und komisch gemacht, dass sich der Zuhörer vor Lachen schwer auf die durchaus ernsten Inhalte konzentrieren kann. Es gibt aber auch eine hochdeutsche Version, die schwäbisch untertitelt ist.

Stefan Liebich hat den Wahlkreis Pankow zwei Mal in Folge gewonnen, 2009 knapp vor Wolfgang Thierse (SPD) und 2013 knapp vor Lars Zimmermann (CDU). »Ich will wieder gewinnen«, versichert Liebich. »Aber ob ich es schaffe, ist offen.« Es wird diesmal aller Voraussicht nach ein spannendes Rennen mit Gottfried Ludewig (CDU) geben.

Die Stimme von Ureinwohner Max Kant – nach eigenem Bekunden »letzter Aborigine am Kollwitzplatz« – wird Liebich wohl nicht erhalten. SPD, LINKE und Grüne will der Mann, der seit 35 Jahren im Kiez lebt, garantiert nicht ankreuzen. Er ist sauer, weil ausgerechnet diese Parteien den Einwohnern die Baumscheiben wegnehmen wollen, wie er gehört hat. Liebich versichert zwar, die Entscheidung sei von Beamten an der Politik vorbei getroffen worden und müsse überprüft werden. »Ich bin da ganz bei Ihnen.« Doch Max Kant bleibt schwer enttäuscht. Hat Kant ein Problem mit den vielen Schwaben am Kollwitzplatz? »Das ist mit egal, wo die Leute herkommen«, poltert er, »solange sie ihre Designerhunde nicht in die Grünanlage kacken lassen, ohne den Kot hinterher wegzumachen.«

In Prenzlauer Berg gab es in den zurückliegenden Jahrzehnten einen Bevölkerungsaustausch in mehreren Wellen. Zunächst zogen in den 1980er Jahren Familien aus den Altbauwohnungen mit Kohleofen und Toilette auf halber Treppe weg in die modernen Neubauwohnungen mit Bad und Zentralheizung, die in Marzahn und Hellersdorf entstanden. Schon zu DDR-Zeiten entwickelte sich in Prenzlauer Berg eine interessante Kunstszene. Nach der Wende kamen dann Kreative aus Westdeutschland, darunter viele Süddeutsche und jede Menge Schwaben. Es waren Künstler und Überlebenskünstler, angezogen von der inspirierenden Atmosphäre und den damals noch vergleichsweise niedrigen Mieten. In der nächsten Welle kamen ab Ende der 1990er Jahre die betuchten Schwaben und kauften Quartiere, sorgten für Luxussanierungen. Sie verdrängten damit zum Teil ihre eigenen Landsleute. Damit begannen die Schwierigkeiten. Der eigentliche Gegensatz am Kollwitzplatz ist also nicht der von Berlinern und Schwaben, sondern der von Arm und Reich.

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