Linksrum geht’s in den Westen

Andreas Fritsche über Herkunft, Zukunft und die Bundestagswahl

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 2 Min.

Die sprichwörtliche Wendung von den Ostberliner Wahlkreisen, in denen die PDS angeblich einen Besenstiel hätte aufstellen können, hat so nie gestimmt - nicht einmal in den Hochburgen Lichtenberg und Marzahn-Hellerdorf. Auch dort mussten selbst prominente Kandidaten wie Gregor Gysi um Stimmen werben, damit sie wirklich gewinnen. Fakt ist jedoch: In Berlin verschwindet die Mauer schneller aus den Köpfen der Menschen als im Rest der Bundesrepublik, wo das eine Generationenfrage ist.

Die Herkunft spielt natürlich immer noch eine Rolle. In Kindheit und Jugend eingeübte Muster wirken nach, kulturelle Unterschiede bestehen fort und die bitteren Erfahrungen der Ostdeutschen nach der Wende lassen sich nicht wegwischen. Doch anders als in der Provinz begegnen sich Ossis und Wessis in Berlin täglich. Sie sind Nachbarn, Arbeitskollegen, Ehepartner. Der Blick öffnet sich zunehmend für eine eher inhaltliche als lokalpatriotische Einstellung. Jemand, der in Kreuzberg zur Schule ging, ist dann unter Umständen mit seinen politischen Ansichten sympathischer als der einstige Klassenkamerad aus Friedrichshain, der völlig anders denkt und handelt.

Die PDS musste sich zählbar in den Westen ausdehnen, sonst wäre sie bei Bundestagswahlen immer wieder untergegangen, auch wenn das Scheitern 2002 mehrere Gründe hatte. Die Vereinigung mit der Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit (WASG) zur Linkspartei war eine historische Chance, die genutzt wurde. Doch die LINKE büßte damit den Nimbus einer Interessenvertreterin des Ostens ein.

Wer Wessis genauso wenig leiden kann wie Ausländer, überhaupt alles Fremde hasst, für den ist die LINKE im Prinzip nie die richtige Adresse gewesen. Doch nun wird dies auch für jeden klar. Die LINKE sollte eine Partei für alle Wähler sein, die Ungerechtigkeit nicht ausstehen können, die nicht glauben können und nicht glauben wollen, dass der Kapitalismus schon das Ende der Geschichte sei - egal, woher sie kommen.

Über die Wahl wird viel gesprochen - das allein ändert noch nicht die Verhältnisse. Wir schlagen im Wahlkampf eine Schneise in die Schwafelei. Lesen Sie mit auf unserer Spezialseite zur Bundestagswahl 2017

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    Interview mit Aicha Jamal vom Bündnis revolutionärer 1. Mai / Außerdem: Keine Räumung der Potse? / Strom kommt in öffentliche Hand / Ab jetzt Wahlkampf
    • Länge: 00:18:06 Stunden

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