Kultureller Spuk des Kommunismus

Das Kunstfest Weimar beleuchtet in diesem Jahr revolutionäre Bewegungen

Die Zeit scheint reif für eine künstlerische Betrachtung des auf Gleichheit aller Menschen ausgerichteten Gesellschaftsmodells, das nicht das hielt, was es versprach. Das Thema, anlässlich des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution gewählt, lockte das heimische wie das zugereiste Publikum. Das Team um den künstlerischen Leiter Christian Holtzhauer konnte sich auf dem Kunstfest Weimar über zumeist ausverkaufte Vorstellungen freuen. Kaum ein Abend, an dem noch Karten zu haben waren.

Höchst amüsant aber auch ein Busausflug unter dem Titel »Ein Gespenst geht um …« ins Weimarer Umland mit Reisebegleiter Markus Fennert (Konzept: Paul Kaiser), der seine Gäste gleich zu Beginn über die Bedeutung des Zitats aufklärte. Und während danach im Innern eine Klangcollage aus Kampfliedern, O-Tönen sozialistischer Führer und Zitaten des Kommunistischen Manifests ertönte, glitt der Bus durch die Spuren nächtlichen Klassenkampfes: Reste abgerissener AfD-Plakate und Transparente der Gegner.

Das erste Ziel ist der historische Friedhof. Dort steht das Märzgefallenen-Denkmal für die Toten des Kapp-Putsches, geschaffen von Walter Gropius in seiner Zeit als Bauhaus-Direktor 1922. Fennert (Schauspieler) springt auf den Sockel und zitiert aus dem Bauhaus-Manifest den Aufruf zur Verbindung zwischen Kunst und revolutionärer Bewegung. Nicht weit davon befindet sich der Ehrenhain für die Verfolgten des Naziregimes. Bis 2002 wurden hier Tote beigesetzt, darunter auch viele KZ-Häftlinge aus Buchenwald. Ihr Zeichen, das auf die Spitze gestellte rote Dreieck, steht auf dem Goetheschen »Stein des guten Glücks«. Darunter ist eine Zeile aus dem Trauermarsch »Unsterbliche Opfer« in den Stein gemeißelt.

Durch Fennert wird die Busreise zu einer Theaterperformance, einer Collage aus Zitaten von Zeitzeugen, historischen Orten und guter Recherche. Und, Überraschung: Mitten im Birkenwald stößt die Reisegruppe auf Lenin, der die Zeit - der Denkmalpflege sei Dank - unbeschadet überstanden hat. Das überlebensgroße Standbild mit frisch gestrichenem Hintergrund hat sein Publikum verloren. Es gehört zu den letzten Hinterlassenschaften der Roten Armee, deren 8. Gardearmee am Standort Nohra ein 240 Hektar großes Gelände bewohnte. Heute ein Stück Geschichte, das sich die Natur zurückerobert hat.

Einer der Höhepunkte des Festivals und zugleich der streitbarste: die »Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution« (zuletzt aufgeführt beim Beethovenfest Bonn 2016). Sergej Prokofjew schrieb sie 1936/37. Doch durch Stalins Intervention konnte sie erst lange nach seinem Tod 1966 uraufgeführt werden. In der Weimarhalle standen für dieses Ereignis, anders lässt es sich nicht bezeichnen, über 200 Musiker der Staatskapelle Weimar, des Luftwaffenmusikkorps Erfurt und des Ernst Senff Chores Berlin auf der Bühne. GMD Kirill Karabits, der das monumentale Werk mit sichtlichem Spaß dirigierte und der auch einmal selbst zum Megafon griff, um das Publikum zu agitieren, gelang eine beeindruckende Aufführung.

Dem »Spuk des Kommunismus« am Anfang, einer Mischung aus folkloristischen Weisen und Märschen, folgen immer schneller werdende Tempi von mitreißender Wirkung. Prokofjew, der wohl mit großer Begeisterung an der musikalischen Darstellung der Ereignisse gearbeitet hat, baut eine gigantische Klangkulisse auf. Der Weimarer Aufführung gelang es, die Musik nicht zur Götterdämmerung anschwellen zu lassen. Den zweiten Teil des Abends bestritt Prokofjews Enkel Gabriel mit dem deutlich stilleren »Concerto for Turntables & Orchestra« (2007).

Mit der dokumentarischen Theaterperformance »Red« nahm sich das Pekinger »Living Dance Studio« (Choreografie: WEN Hui) der Kulturrevolution an. Vier Tänzerinnen rekonstruieren die Geschichte von »Das Rote Frauenbataillon«, eines Modelltheaterstücks, das im ganzen Land Tausende Male gezeigt und zur Ikone wurde. Erste Grundregel: Aus der Hand wird eine Faust. In Interviews kommen die Hauptdarstellerin, Mitwirkende und Zuschauer zu Wort - die meisten immer noch völlig begeistert. Alle kennen die Szenen auswendig. Einzelne Figuren, die damals getanzt wurden, springen aus der Leinwand auf die Tänzerinnen im Bühnenraum über. Sie winden sich gegen den Formalismus und das Heroische, das das Regime von den Darstellern forderte. Ein interessantes Projekt, das aber eher als kunsttheoretischer Vortrag funktioniert und dem vor allem eines fehlt - der Tanz.

Nächste Vorstellung: Samstag, 14 Uhr DNT - Weimarer Kulturforum für offene Gesellschaft mit Armin Petras, Lanna Idriss, Friedrich Dieckmann, Sigmar Gabriel, Katja Riemann u.a.

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