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Polnische Lehrer protestieren gegen Schulreform der PiS

Entlassungen nach Rückkehr zu Struktur aus Zeit der Volksrepublik befürchtet / Kritik auch wegen Kürzungen bei Fremdsprachen und Naturwissenschaften

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Warschau. Zum Schuljahresbeginn musste die Schulleiterin Monika Kalata zwölf ihrer Kollegen entlassen. Fast ein Fünftel des etwa 70-köpfigen Personals am Gymnasium Nr. 11 in Warschau-Mokotow. »Das ist erst der Anfang«, sagt die Polin verbittert. Sie ist sicher: Durch die Schulreform der nationalkonservativen Regierung, die am Montag in Kraft getreten ist, werden noch viele Entlassungen folgen. Polens Premierministerin Beata Szydlo versuchte noch am Montag gegenzusteuern und sagte Lehrern eine 15-prozentige Gehaltsterhöhung in den nächsten drei Jahren zu.

Nach Schätzungen des Lehrerverbandes ZNP bedroht das Gesetz jedoch an die 10.000 Jobs. Genaue Zahlen sollen bis Ende September vorliegen. Vergeblich hatte sich der Verband gegen die Reform der mit absoluter Mehrheit regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) gewehrt. Zum neuen Schuljahr rufen die Gegner zum Protest vor dem Bildungsministerium auf. Für den Vorsitzenden des ZNP, Slawonir Broniarz gibt es »keinerlei sachliche Gründe, so eine Revolution im polnischen Schulsystem zu starten«. Im Interview mit dem MDR gibt er zu bedenken, dass das polnische Schulsystem natürlich nicht frei von Problemen sei. Diese müssten allerdings im »gesellschaftlichem Konsens und nicht auf Grundlage des Willens einer einzigen Partei« gelöst werden. Man respektiere natürlich das Wahlergebnis, aber »die Bildung darf doch nicht von einer politischen Gruppe vereinnahmt werden und sich nach dem Wahlkalender richten«, so Broniarz.

Binnen eines Jahres setzte die PiS die Rückkehr zum Schulsystem aus Zeiten vor 1989 durch. Infolgedessen werden etwa 7500 Mittelstufenschulen von Klasse 7 bis 9, in Polen Gymnasium genannt, abgeschafft. Stattdessen gehen Schüler wieder acht Jahre lang in die Grundschule; Abitur können sie an Oberstufen- und Branchenschulen machen. Dort kommen entlassene Gymnasiallehrer wegen der abweichenden Fächer aber kaum unter. Deswegen würden mit jedem auslaufenden Gymnasialjahrgang weitere Pädagogen entlassen, sagt Kalata. Auch Broniertz rechnet mit Entlassungen: Viele Klassen würden aus wirtschaftlichen Gründen zusammengelegt: »Da braucht man einfach weniger Lehrer.«

Bildungsministerin Anna Zalewska bestreitet das. Sie hat sogar zusätzliche Stellen versprochen. »Das ist eine große Lüge«, empört sich Kalata. Sie habe gute Kollegen in die sichere Arbeitslosigkeit schicken müssen. Und je mehr Lehrer arbeitslos würden, umso schwerer gestalte sich die Jobsuche.

Schwierigkeiten erwarten dem Pädagogenverband zufolge aber auch Lehrer, die ihre Arbeit vorerst behalten können. Denn mit der Reform werden viele Etats gekürzt, wie der Broniarz erklärt. Die von Zalewska versprochenen Stellen seien daher größtenteils in Teilzeit. Um von ihrem Gehalt leben zu können, werden Pädagogen Aufträge an bis zu vier oder fünf Schulen finden müssen. Kalata warnt vor Auswirkungen auf den Unterricht: »Wenn Pendellehrer von Schule zu Schule eilen, bleibt für die Kinder weniger Zeit.«

Dabei gibt Zalweska an, vor ihrer Reform Experten konsultiert zu haben. »Solche Behauptungen machen mich wütend«, ärgert sich Kalata, die bei einem solchen Treffen im Bildungsministerium war. Die Reform war demnach kaum Thema. Die Verantwortlichen hätten gefehlt, klagt Kalata, deren Gymnasium mit einer Grundschule zusammengeschlossen wird. Kalata ist dabei persönlich betroffen: Sie muss den Direktoren- gegen den Vize-Posten tauschen. So will es das neue Gesetz, von dem die PiS bessere Lernerfolge und eine sichere Umgebung für Schüler verspricht.

Für die Nationalkonservativen ist klar: Die Gymnasien haben versagt. Der Schulwechsel in der Pubertät habe zu mehr Gewalt unter den Jugendlichen geführt. Dem widerspricht Kalata: Sie meint, die von der PiS benannten Probleme hingen mit dem Milieu-Umfeld und nicht mit der Schulart zusammen. Sie hebt außerdem die überdurchschnittlichen Leistungen polnischer Schüler bei der PISA-Studie 2017 hervor, bei der sie Platz 22 von 72 belegten. Für Broniarz ist die Schulreform rückwartsgewandt und »sentimental«: »Das Argument für die Bildungsministerin ist, dass die achtjährige Grundschule doch eine gute Schulform war, die sich bewährt hat, sie war in der Nähe des Wohnortes. Aber das sind sentimentale, historische Argumente und keine sachlichen.« Es gehe doch nicht, dass 15-Jährige zusammen mit Siebenjährigen zur Schule gehen: »Wenn man auf die psychische Entwicklung eines Kindes schaut, ist das doch nicht sinnvoll. Die Kinder von heute ticken doch anders als die von vor 30 Jahren«, so Broniarz gegenüber dem MDR.

Es geht aber nicht nur um Posten und Strukturen, es geht auch um Inhalte. Die PiS wolle Kinder nach ihren Vorstellungen erziehen, vermutet Broniarz. »Es soll eine Generation neuer Bürger her.«

Änderungen im Lehrplan, die über zwei Jahre eingeführt werden, scheinen dies zu bestätigen. Darin setzt die PiS verstärkt auf polnische Literatur und polnische Geschichte. Werbespots zur Reform auf einer Regierungswebseite preisen mehr Wissen über polnische Wissenschaftler und Nationalhelden an. Ein ideologisch-historisches Programm sieht Broniarz am Werk.

Dass gesellschaftskritische Denker wie der Franzose Molière oder der Pole Czeslaw Milosz auf neuen Lektürelisten fehlen, beunruhigt auch Kalata. »Schulen sollten weltoffen und frei von politischem Einfluss sein«, sagt sie und kritisiert auch Kürzungen bei Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Polens Schulen müssten zwar modernisiert werden, eine Rückkehr zum alten System biete aber keine zeitgemäßen Lösungen.

Immerhin: Einige Warschauer Direktoren begrüßen die Freigabe zusätzlicher Mittel für neue Schuleinrichtungen. Der Lehrerverband meint aber, das sei nur den Anstrengungen der Gemeinden zu verdanken. Sie müssten die Kosten der Reform tragen und stünden vor den Regionalwahlen 2018 unter Zugzwang. Denn Chaos und Bürgerbeschwerden über die PiS-Reform könnten die Wählergunst beeinflussen. dpa/nd

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