Das Mögliche und das Wirkliche

Was kann die linke Debatte über die Folgen des technologischen Wandels von Adorno und der Kritischen Theorie lernen?

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Frankfurter Schule: Die Philosophen und Soziologen Max Horkheimer (links) und Theodor W. Adorno
Frankfurter Schule: Die Philosophen und Soziologen Max Horkheimer (links) und Theodor W. Adorno

Zu Beginn dieser Debattenreihe über linke Antworten auf die Digitalisierung haben Katja Kipping und Petra Sitte auf die Widersprüchlichkeit der konkurrierenden Zukunftsvorstellungen im Kontext des aktuellen technologischen Wandels hingewiesen. Im Folgenden möchte ich mich ausgehend von dem Befund, dass dieser Wandel mal euphorisch begrüßt, mal skeptisch beargwöhnt wird, weitergehend mit der Frage befassen, welchen Beitrag kritische Gesellschaftswissenschaft dazu leisten kann, ein emanzipatorisches Technik- und Zukunftsverhältnis auf der Höhe der Zeit zu entwickeln.

Ein naives Verständnis gesellschaftlicher Arbeitsteilung könnte zunächst die Vermutung nahelegen, dass – anders als gewöhnliche soziale Akteure deren Ansichten weltanschaulich und durch ihre soziale Stellung geprägt werden – Forscher*innen allein der Wahrheit verpflichtet und darüber hinaus in ein System wechselseitiger Kritik eingebunden seien, das eine höhere erkenntnistheoretische Qualität wissenschaftlicher Aussagen garantiere. Und tatsächlich öffnet falsch verstandene wissenschaftliche Bescheidenheit Tür und Tor beispielsweise für Angriffe von Klimawandelleugner*innen die an die Stelle der Erkenntnisse seriöser Forschung alternative facts setzen möchten.

Gerade die Generierung von belastbarem Orientierungswissen über zukünftige Entwicklungen stellt jedoch die damit betrauten wissenschaftlichen Bereiche vor spezifische Herausforderungen: Auf die Krise des frühen Prognose-Optimismus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde mit einer Verfeinerung der Methodik reagiert; so ist es mittlerweile üblich, statt Aussagen über die Zukunft zu treffen, mit differenzierten Szenarien zu operieren, die unterschiedliche mögliche Entwicklungspfade aufzeigen.

Konsensbildung fällt schwer

Dennoch wird rasch deutlich, dass beispielsweise das Ausmaß und die Folgen der Automatisierung von Arbeit auch in der wissenschaftlichen Forschung umstritten sind. Selbst wenn man die Studien potentiell befangener Forschungsakteure (Forschungsabteilungen großer Konzerne, Unternehmensberatungen, wirtschafts- und parteinahe Stiftungen) – eine Unterscheidung, die angesichts fließender Übergänge, den Zwängen der Drittmittelakquise und der individuellen Interessenslage der Forschenden alles andere als trivial ist – ausschließt, wird doch deutlich, dass eine Konsensbildung in diesem Bereich schwerfällt.

Nicht nur unterscheiden sich Methodik, theoretischer Hintergrund, Datenbasis und Erkenntnisinteresse teils deutlich (die Frage, welche Tätigkeiten in Zukunft technisch automatisierbar sein könnten ist beispielsweise eine ganz andere, als die nach den wahrscheinlichen Arbeitsmarkteffekten von Automationstechnologien in Deutschland; nur, weil etwas technisch automatisierbar ist, führt das noch nicht notwendigerweise zu Substitutionen, wie die Nähereien im Globalen Süden illustrieren) – der Grad epistemischer Ungewissheit lässt schlichtweg verschiedene, wenn auch unterschiedlich gut methodisch und argumentativ abgesicherte Einschätzungen zu. Ganz besonders gilt dies für Rückschlüsse über die Implikationen technologischen Wandels für die sozialen Verhältnisse, wo sich mit ähnlichem Geltungsanspruch der Anbruch eines vollautomatisierten Schlaraffenlandes und die Dystopie verschärften Arbeitszwangs bei gleichzeitigem Rückgang der Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft folgern lässt.

Aus meiner Sicht verlangen die gesellschaftspolitischen Implikationen der Automatisierung und anderer digitaler Technologien aus der Perspektive einer emanzipativen Gesellschaftstheorie einen Zugang, der diese Dichotomie von naivem, technikdeterministischem Optimismus auf der einen Seite und undifferenziertem Alarmismus auf der anderen Seite zu transzendieren vermag.

Verborgene, uneingelöste Potenziale

Mögliche Ansatzpunkte für einen solchen Zugang können wir bei Theodor W. Adorno finden, der den Arbeitsauftrag einer kritischen Theorie der Gesellschaft folgendermaßen formulierte: »Sie [die kritische Theorie] muß die Starrheit des hier und heute fixierten Gegenstandes auflösen in ein Spannungsfeld des Möglichen und des Wirklichen«. Die Behandlung gesellschaftlicher Fragen müsse also sowohl die Analyse des Ist-Zustandes besorgen, als auch die in ihm verborgenen, uneingelösten Potenziale aufzeigen.

Dieses Vorgehen ließe sich meiner Ansicht nach dergestalt auf die Reflektion zukünftiger Technikfolgen erweitern, dass ausgehend von einer Erhebung der technischen Potenziale einer digitalen Technologie mögliche Entwicklungspfade aufgezeigt werden: Analog zu den bereits beschriebenen Szenariotechniken ließen sich etwa Zukunftsvisionen entwickeln, in der die modernen Technologien weiter in den Dienst der Kapitalakkumulation und der von ihr ausgehenden systemischen Zwänge gestellt würden – gleichzeitig könnte jedoch mit einem alternativen Szenario für die emanzipativen Potenziale aktueller technologischer Entwicklungen sensibilisiert werden, etwa indem »man konkret sagen würde, was bei dem gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte der Menschheit möglich wäre« (aus einem Gespräch Adornos mit Ernst Bloch) oder möglich werden könnte.

Ein solches Vorgehen hätte den Vorteil, dass in ihm das theoretisch fundierte Unbehagen der Kritischen Theorie gegenüber der Prognostik als bloßem Fortschreiben des gesellschaftlichen Betriebs insofern aufgehoben wäre, als die Zukunft als demokratisch gestaltbarer Möglichkeitsraum dargestellt und Alternativen zur Weiterführung der gegenwärtigen Verwaltung entwickelt würde. Mittels solcher Szenarien könnte überdies ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche (beispielsweise sozialen und ökologischen) Folgen es haben könnte, wenn man den bislang beschrittenen Entwicklungspfad nicht verlässt.

Politische Alternativen werden verdrängt

Zugespitzt könnte man sogar sagen: Die beeindruckenden Formeln der volkswirtschaftlichen Modelle, mittels derer unter Hinzuziehung umfangreichen Datenmaterials die genaue Zahlen der wegfallenden und hinzukommenden Arbeitsplätze ermittelt werden sollen, lassen mitunter vergessen, dass gerade durch die Determiniertheit dieser Modelle eine Vielzahl von Annahmen festgeschrieben werden, die – obschon notwendig für die Entwicklung solcher Modelle – nicht nur deren praktische Tauglichkeit begrenzen (das letzte Jahrzehnt hat ja ein ums andere Mal gezeigt, dass viele volkswirtschaftlichen Modelle in business-as-usual Zeiten recht gute Dienste leisten, aber just in kritischen Ausnahmesituationen den Dienst versagen), sondern auch politische Alternativen verdrängen, die mit dem kapitalistischen Normalvollzug brechen könnten.

Durch das Sichtbarmachen gesellschaftlicher Alternativen in emanzipatorischer Absicht könnte zudem auch ein Beitrag geleistet werden, die oben erwähnte Gegenüberstellung von undifferenziertem Alarmismus und naivem Optimismus zu überwinden, indem man beispielsweise deutlich macht, dass die Automatisierung von Lohnarbeit zwar katastrophale Folgen für die von ihr ökonomisch überflüssig gemachten Menschen zeitigen könnte, man aber gleichzeitig diese Folgen gesellschaftstheoretisch kontextualisiert und mit den emanzipativen Potenzialen der Automatisierung konfrontiert.

Auf diese Weise könnte also die im Diskurs beobachtbare gesellschaftspolitische Widersprüchlichkeit der Automatisierung in einer Auseinandersetzung mit dem Gebrauchsrahmen der Technologie, der seinerseits die weitere Technikentwicklung beeinflusst, aufgelöst werden. Statt darüber zu debattieren, ob Roboter nun gut oder schlecht seien, sollte man gesellschaftliche Zustände problematisieren, in denen die Nachricht, dass die Menschen weniger arbeiten müssen, um gleich viele Güter des täglichen Bedarfs herzustellen, eine Katastrophe darstellt und deutlich machen, dass die Alternative zwischen hochautomatisierter Utopie und von Arbeitslosigkeit geplagter Dystopie keine technische, sondern eine politische ist.

Ansporn und Warnung zugleich

Dass die Verwirklichung der durch die digitalen Technologien objektiv gegebenen Möglichkeiten von der Praxis der Menschen abhängt, sollte dabei progressiven gesellschaftlichen Akteuren Ansporn und Warnung zugleich sein: Nach mehr als einem Jahrhundert des geschichtsdeterministischen Quietismus und der Untergangsprophetie dürfte deutlich geworden sein, dass keine objektive Tendenz allein die befreite Gesellschaft verbürgt. Auch die Warnung ist mit diesem Befund unmittelbar ausgesprochen. Wenig spricht dafür, dass eine mögliche Agonie der kapitalistischen Produktionsweise notwendig zur besseren Gesellschaft führen würde.

Bereits 1967 hat Adorno in seinem leider wenig beachteten Wiener Vortrag »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« versucht, die Potenziale des neuen Rechtsradikalismus aus dem Fortbestand jener gesellschaftlichen Voraussetzungen zu erklären, die bereits dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen hatten. Unter anderem verweist er darauf, dass trotz hoher Beschäftigtenzahlen »das Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit« nach wie vor als Bedrohung die Lohnabhängigen bewege.

Die Warnung Adornos vor einem neuen Rechtsradikalismus, der sich in antizipierender Weise als autoritärer Antwortgeber auf die gesellschaftliche Katastrophe in Stellung bringe, scheint vor dem Hintergrund des aufkochenden Rechtspopulismus auf der einen Seite und der historischen Erfahrung des postdemokratisch-autoritären Krisenetatismus der europäischen, insbesondere auch deutschen, Eliten auf der anderen Seite beunruhigend aktuell.

Die emanzipatorische Linke wäre gut beraten, Alternativen zur autoritären Krisenverwaltung des starken Mannes – oder der starken Frau – zu entwickeln, bevor möglicherweise die soziopolitischen Folgen der Automatisierung durchschlagende Wirkung entfalten. Die methodisch reflektierte und durch den aktuellen Forschungsstand informierte Generierung konkreter Utopien – gesamtgesellschaftlicher Entwürfe, die über die bestehende Gesellschaft hinausweisen und deren objektive Möglichkeit durch den Rückgriff auf existierende Forschungsergebnisse plausibilisiert werden kann – kann hierbei im Anschluss an Ernst Bloch ein zentrales Arbeitsfeld einer Wissenschaft sein, die sich gesellschaftlichem Fortschritt im empathischen Sinne verschrieben hat.

Nur in Zusammenarbeit wird es gelingen

Dabei ist klar, dass alleine der mehr oder weniger einleuchtende Einwand, es liege ja nicht an der Technologie als solcher, für diejenigen, die durch die kapitalistische Rationalisierungstendenz ins materielle Elend gestoßen werden, nur wenig tröstlich ist. Im besten Fall wirkt er hilflos, im schlechtesten Fall abschreckend-belehrend.

Die Gestaltung des soziotechnischen Wandels kann nur in Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Akteuren wie den Gewerkschaften und Parteien gelingen. Vor diesem Hintergrund scheint es bedauerlich, dass Technikpolitik im laufenden Wahlkampf nur einen geringen Stellenwert bekommen hat, ist es doch auch gerade dieses Feld, das als Ausgangspunkt für weitgreifende Diskussionen über gesellschaftliche Entwicklungsperspektiven dienen könnte.

Die Frage, wie der technologische Wandel demokratisch gestaltet werden kann, berührt beispielsweise zentrale Fragen der politischen Mitsprache, der sozialen Sicherungssysteme und der Demokratisierung der Wirtschaft. Auch dass die Forderung nach Arbeitszeitverkürzungen – eine der vernünftigsten Forderungen überhaupt angesichts eines weiter steigenden Automatisierungsgrades und einer real gesunkenen Pro-Kopf-Arbeitszeit – in jüngerer Zeit wieder verstärkt Aufwind bekommt ist vor dem Hintergrund der breiteren Debatte über die Digitalisierung zu verstehen. Dass sich die Gewerkschaften wieder vermehrt mit Arbeitszeitfragen befassen und die Linkspartei die 30-Stunden-Woche in ihr Wahlprogramm aufgenommen hat, ist ein Schritt in die richtige Richtung – die verstärkte Forcierung einer Technikgestaltungsdebatte von links ein weiterer.

Philipp Frey promoviert am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe. In seiner Dissertation befasst er sich aus sozialphilosophischer Perspektive mit den gegenwärtigen Automatisierungsdiskursen in den USA und Deutschland. Abschnitte dieses Beitrages wurden bereits im Sammelband »Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen« veröffentlicht.

Literatur

Adorno, Theodor W./Bloch, Ernst (1978): Etwas fehlt … Über die Widersprüche der Utopischen Sehnsucht, in: Bloch, Ernst, Ergänzungsband zur Gesamtausgabe. Tendenz – Latenz – Utopie, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 350–368.

Buckermann, Paul/Koppenburger, Anne/Schaupp, Simon (2017): Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen. Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel, Münster: Unrast.

Neupert-Doppler, Alexander (2015): Utopie. Vom Roman zur Denkfigur, Stuttgart: Schmetterling Verlag.

Srnicek, Nick/Williams, Alex (2017): Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit, Berlin: Edition Tiamat.

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