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Schippern durch Klein-Venedig

Mit der Gondoliera Ina Mierig durch Hamburgs Wasserstraßen

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Hamburg ist ein Paradies für Freunde des feuchten Elements. Dort schlängeln sich Wasserstraßen auf einer Gesamtlänge von 42 Kilometern durch die City. »Am liebsten rudere ich morgens um fünf Uhr alleine auf der Alster«, schwärmt Ina Mierig, gelernte Bootsbauerin und Möbeldesignerin. »Die Ruhe hat man in Venedig nicht. Immer wieder rauschen dort Ambulanz-Boote vorbei, ständig wird gedrängelt.«

In der Hansestadt ist das anders. Auch tagsüber steuert sie mit ihrer 10,80 Meter langen, schwarz lackierten Gondel so manchen idyllischen Ort an - dann mit Fahrgästen. Ihre Lieblingsstrecke führt nach dem Start im Stadtteil Eppendorf am Alsterlauf entlang zur Binnenalster, vorbei am Rondeel, durch den Leinpfadkanal und zurück zum beschaulichen Bootshaus Barmeier, das zum Verweilen bei Kaffee und Kuchen einlädt.

Maximal fünf Personen fasst ihr in der Lagunenstadt erworbenes Wassertaxi. Die Höchstlast beträgt 500 Kilogramm. Doch für Ina Mierig sind das nur schnöde Zahlen: Gondeln sind für die vielseitig interessierte 50-Jährige ein Kulturgut. Auf ihrer Homepage erzählt sie die Geschichte des eleganten Personentransportmittels, das 1094 zum ersten Mal erwähnt wurde und Maler wie Carpaccio, Bellini und Carnaletto zu opulenten Bildern animierte.

Beim Schippern durch Hamburgs Wasserstraßen trägt die aus Bielefeld stammende Wahl-Hamburgerin - eine von weltweit nur drei Gondolieren - klassische Tracht: ein Ringelshirt und eine schwarze Hose. »Den blau-weißen Ringelpullover streife ich nur im Frühjahr und Herbst über«, erzählt Mierig, der Verkitschung ihrer Tätigkeit verhasst ist: »Ich verkaufe schließlich auch keine Masken und mundgeblasenes Glas!« Ihr Boot trägt übrigens immer schwarz. Die Farbe der Gondel hat jedoch mit Tod und Trauer nichts zu tun, sondern ist der Funktionalität geschuldet: Früher wurden die Boote mit Pech versiegelt. Die Trauerfarbe in Venedig ist Rot.

Mierigs norddeutsche Sachlichkeit kommt bei ihrem bunt gemischtem Publikum an. »Ich habe Gäste im Alter von zwei Wochen bis 92 Jahre«, erzählt die Gondelfahrerin. »Zu meiner Kundschaft gehören Geschäftsleute, Kegelclubs, Familien, heute mehr Hochzeitspaare, aber auch Omas mit rundem Geburtstag und schwule und lesbische Pärchen.« Damit ihre Kundschaft, die für den einstündigen Ausflug immerhin 160 Euro berappen muss, sicher durch Wind und Wellen geschippert wird, musste sie vor der Bootsführerschein-Prüfung in Venedig zwölf verschiedene Ruderpositionen erlernen - vom Aufstoppen bis zum Rückwärtsrudern.

Am liebsten sind ihr Gäste mit ausgeprägtem Naturempfinden, die sich noch an blühenden Seerosen, die Fahrlinie kreuzenden Schwänen und am Uferrand brütenden Vögeln erfreuen können. Leider wird diese Idylle immer wieder von Kommentaren unsensibler Kanuten und von Brücken hinunter glotzender Passanten gestört, die »können Sie auch ’O sole mio singen?« rufen. »Besonders schlimm ist es an Wochenenden. Dann muss ich mir das bis zu 50 Mal anhören«, seufzt die Gondoliera.

In den gondelfreien Tagen und im Winter hat sie zwölf Jahre lang alte Kanus restauriert. Kürzlich musste sie Ihre Werkstatt wegen Eigenbedarfs räumen und und sucht nun neue Räumlichkeiten an der Alster.

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