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Schwerer Neuanfang für die »Homsis«

Syriens drittgrößte, schwer zerstörte Stadt, kann nach vier Jahren Krieg endlich an den Wiederaufbau denken

  • Von Karin Leukefeld, Homs
  • Lesedauer: 5 Min.

Die zentralsyrische Stadt Homs, die drittgrößte des Landes, hat seit 2012 durch den Krieg schwere Schäden davongetragen. Nachdem friedliche Proteste in Gewalt umschlugen, versuchten bewaffnete Aufständische drei Mal die Stadt zu übernehmen, drei Mal wurden sie niedergeschlagen.

2012 hatten die Kämpfer sich in Bab Amr gesammelt und wurden von Gleichgesinnten aus dem nördlichen Libanon mit Waffen versorgt. Von dem modernen Viertel am Rande der Stadt verlagerte sich die Front in die Altstadt, die Bevölkerung floh. Nach einem Waffenstillstand im Mai 2014 zogen die Kämpfer aus der Altstadt ab. Einige legten ihre Waffen nieder und wurden im Rahmen eines staatlichen Amnestieprogramms rehabilitiert. Andere zogen nach Norden in die Provinz Idlib. Wieder andere gingen nach Al Waer, einer Satellitenstadt nahe der Raffinerie von Homs. Von dort führten sie ihren Kampf gegen die Regierungstruppen weiter. Nach langen Verhandlungen einigte man sich Ende 2016 in Al Waer auf den Abzug der Kämpfer. Wer die Waffen niederlegte, wurde amnestiert. Die anderen Männer zogen mit ihren Familien nach Jarabulus an der Grenze zur Türkei, die den Ort kontrolliert.

Der Konflikt in Homs sei besonders hart gewesen, weil er religiös ausgetragen wurde, erläutert Joseph B., der in Syrien mit ausländischen Journalisten zusammenarbeitet. Sein Tourismusunternehmen musste er 2011 schließen, seine neu angelegte Champignonzucht in der Ghouta östlich von Damaskus wurde zum Schlachtfeld. Besonders erbarmungslos sei es zwischen dogmatisch-religiösen Sunniten und Alawiten zugegangen, einer Strömung des schiitischen Islam, der auch die Sippe von Präsident Baschar al-Assad angehört. Ganze Familien wurden massakriert.

Dabei gehören die sunnitischen Muslime in der Provinz zu den reichen Landbesitzern, sie waren und sind verantwortlich in staatlichen Einrichtungen wie der Raffinerie, der staatlichen Zucker- und Weizenorganisation. Nicht zuletzt im Militär trugen sunnitische Muslime, darunter viele Turkmenen, hohe Verantwortung. Der langjährige Verteidigungsminister unter dem vormaligen Präsidenten Hafez al-Assad, Mustapha Tlass, stammt aus Rastan, nördlich von Homs. Angehörige seiner Familie gehörten 2012 zu denjenigen, die den bewaffneten Aufstand in Homs anführten.

Letztlich verloren die »Homsis«, wie die Einwohner der Stadt genannt werden, fast alles, was sie sich ein Leben lang aufgebaut hatten. Spaziert man durch die Seitenstraßen der Altstadt, findet man viele Häuser leer und zerstört. Kinder spielen in den Ruinen, nur vereinzelt trifft man Menschen. Nicht weit von hier verlief die Front durch Wadi Sagher, ein Viertel am Rande der Altstadt von Homs, hinter der Khalid-Ibn-al-Walid-Moschee. Hier liegt fast alles in Trümmern.

Als die Kämpfe im Januar 2012 in Wadi Sagher begannen, war das Viertel dicht bewohnt. Die Familie Zein besaß ein geräumiges altes arabisches Haus, auf das drei Etagen neu aufgebaut worden waren. Im Erdgeschoss lebten die Eltern, im ersten Stock lebte Amar Zein mit seiner Frau. In den zwei oberen Etagen wohnten seine Brüder. Der Vater hatte eine Bäckerei, die das gesamte Viertel und die angrenzenden Teile der Altstadt versorgte. Unmittelbar vor der Bäckerei hatte die syrische Armee einen Kontrollpunkt eingerichtet und dort einen Panzer platziert. Mitte Januar 2012 wurde dieser Panzer von Aufständischen gesprengt. Die dort stationierten Soldaten wurden zerrissen, ihre Körperteile flogen in alle Richtungen davon. Amar Zein und seine Familie flohen.

Hände und Füße der Soldaten landeten auch im Zimmer von Viktoria Jabbour. Ihr Elternhaus liegt gegenüber dem Kontrollpunkt, der an der Grenze zwischen Wadi Sagher und Hamidiye lag. Die heute 16-jährige Viktoria erinnert sich, dass ihre Eltern sie und ihren Bruder nahmen und flohen. Die folgenden Jahre lebte die Familie bei Verwandten in Fairuze, einem christlichen Ort östlich von Homs. Die Erinnerung hat tiefe Narben hinterlassen, doch Viktoria hofft, dass sie das nächste Weihnachtsfest wieder zu Hause feiern können. Ihr Vater Essam, ein Ingenieur, hat Arbeit bei der Internationalen Organisation für Migration gefunden, die mit Hilfe internationaler Spendengelder den Wiederaufbau in der Altstadt unterstützt. Essam Jabbour und seine Frau Norma würden den Aufständischen vergeben, wenn sie ihre Schuld eingestehen und sich entschuldigen würden. Doch seine Schwester kann sich das nicht vorstellen. »Niemals«, sagt sie ohne zu Zögern. »Mit solchen Menschen können wir nicht mehr zusammen leben.«

Nur einen kurzen Fußweg vom Haus der Jabbours entfernt steht Amar Zein an diesem heißen Augusttag vor dem, was von seinem Haus geblieben ist. Das Erdgeschoss ist verkohlt, im ersten Stock liegen der Empfangsraum, Wohn- und Schlafzimmer in Trümmern. Er habe versucht, von internationalen Organisationen Unterstützung zu bekommen, erzählt der junge Mann. Vergeblich. Weil auch die Bäckerei zerstört ist, verdient er seinen Lebensunterhalt heute als Tagelöhner und räumt andere Häuser auf, denen eine finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau zugesagt wurde. Mit dem Geld, das er verdient, kauft er Steine, um im eigenen Haus das Mauerwerk zu erneuern. In der Nachmittagssonne sitzt Amar Zein in seinem einstigen Empfangsraum vor einer Wand, die er neu hochgezogen hat. Er hoffe, bald mit seiner Frau und den zwei Töchtern wieder nach Hause kommen zu können. Strom und Wasser müssten angeschlossen werden, dann könnten sie schon wieder dort leben. Auch wenn es noch Ruinen wären - dort zu wohnen sei besser, als weiter eine hohe Miete in einem anderen Stadtteil zu bezahlen.

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