Ich hab Polizei

Ab sofort erfüllt die Volksbühne ihren Zweck

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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Heute ist in Berlin-Mitte das Gebiet zwischen Hackeschem Markt und Rosa-Luxemburg-Platz ein konsequent durchgentrifizierter Bereich. Kein normaler Mensch kann es sich leisten, in einer ansässigen Bar mehr als ein oder zwei Bier zu trinken; geschweige denn, drum herum irgendwo eine Wohnung zu mieten. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah das noch ganz anders aus: Das Areal hieß Scheunenviertel, weil es ursprünglich als Lagerstätte für Heu und Stroh angelegt worden war. Mit der Industrialisierung veränderte es sich zum Elendsquartier.

Hier mussten die Gestrandeten auf engstem Raum unter unwürdigen Bedingungen leben. Erwerbslose, Niedriglöhner, Kranke, auch galizische Juden, denen das Geld für die Weiterreise in die USA fehlte. Die Armut war bitter, die aus solchen Umständen resultierende Kriminalität hoch, immer wieder kam es zu politischen Unruhen. 1902 entschieden sich die Stadtplaner darum für einen dreieckigen Kahlschlag, der eine riesige Brache hinterließ. Sie firmierte erst als Babelsberg-Platz. Nach vier Umbenennungen erhielt diese Stelle 1969 ihren bis heute gültigen Namen: Rosa-Luxemburg-Platz.

Zu diesem Zeitpunkt stand dort längst ein Schauspielhaus, das 1914 als proletarisches Theater gegründet wurde. Berlins Polizeipräsident Traugott von Jagow hatte damals vom Verein der Freien Volksbühne gehört. Das war die erste kulturpolitische Massenorganisation der deutschen Arbeiterbewegung. Sie wollte ab 1890 gesellschaftlich benachteiligten Gruppen einen Zugang zum kulturellen Leben ermöglichen, konnte aber kein eigenes Theater bauen. Jagow, offenbar in Bismarckscher Befriedungspolitik geschult, fragte bei Kaiser Wilhelm II. an, ob er dem Verein nicht den Platz samt Gebäude geben wolle. Wenn der Pöbel erst einmal sein eigenes Theater hat, so die Hoffnung, dann muckt er nicht mehr auf.

Mit mehr als einhundert Jahren Verzögerung sind die Visionen des Polizeichefs nun endgültig Wirklichkeit geworden. Die Vertreibung der sogenannten einfachen Leute aus dem Viertel ist längst vollzogen, auch besuchen schon lange kaum mehr Menschen ohne akademische Ausbildung die Volksbühnenvorstellungen. Über viele Jahrzehnte hinweg aber hielt sich das Haus inhaltlich und strukturell als Ort, an dem die großen Konflikte der Zeiten nicht eingeebnet, sondern künstlerisch ausgetragen wurden. Nach dem Ende der auf ganzer Linie erfolgreichen Krawallära des Intendanten Frank Castorf hat dessen Nachfolger Chris Dercon seine erste Spielzeit am vergangenen Wochenende mit einem Spektakel eröffnet, das alle Befürchtungen bestätigt.

»Fous de danse«, mit dem Boris Charmatz die neue Spielzeit eröffnete, erfüllt alle Erwartungen, die an ein solch inhaltsloses Mitmach-Event zu stellen sind und lässt sich daher nur als vollends gelungen bezeichnen. Allerdings erscheint es naiv, dieses Brimborium nicht in den Kontext der gerade ihren Auftakt nehmenden Abwicklung der Volksbühne als kritisches Theater zu stellen.

Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock vergessen in keinem Statement, ihre befriedende Absicht kundzutun. Die Zeit des Streits sei vorbei, jetzt müsse man das Kulturvolk einen. Von Podiumsdebatten bis zur Spielzeitpressekonferenz im Mai ist bisher nur dieser Ton zu vernehmen. Alle Menschen werden Brüder, wo Dercons sanfter Flügel weilt: Die neoliberale Einheitskoalition der politischen Parteien von SPD bis AfD übt sich in alle Klassengegensätze verkleisterndem Neusprech, und so betreibt auch der neue Volksbühnenleiter die Aura des Totkuschelns.

Die Volksbühne müsse ein »grenzenloses Theater« werden, salbaderte er. Er will also nur spielen. Alle dürfen dabei sein, niemand wird ausgeschlossen. Das linke Volk und den Pöbel, die hält er durch sein BWL-studentisches Gebrabbel aber vorsorglich fern. Wäre es möglich, man müsste Traugott von Jagow aus seinem Grab schaufeln, damit er zu Jan Böhmermanns Lied »Ich hab Polizei« einen Breakdance präsentieren kann.

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