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Der Experte von der AfD

In einer ZDF-Sendung ist ein Politologe befragt worden. Dass er AfD-Lokalpolitiker ist, erfuhren die Zuschauer nicht

»Linksradikalismus: Die militante Szene ist zurück - laut, brutal, eindeutig.« So lautet das Urteil der Dokumentation »Radikale von Links - Die unterschätzte Gefahr«, die am vergangenen Mittwoch zur Primetime bei »ZDFinfo« zu sehen war. Um am Ende des 45-minütigen Films zu dieser These zu gelangen, musste der Autor Rainer Fromm einiges zusammenwerfen: Es ging um die RAF, um die Proteste gegen die Startbahn West, um Aktionen gegen den AfD-Bundesparteitag in Köln und gegen Neonazis in Leipzig, aber auch um die Französische Revolution. Was genau die bürgerliche Revolution in Frankreich oder das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Neonazis mit der zeitgenössischen linken oder »linksextremen« Szene in der Bundesrepublik zu tun haben soll, blieb im Dunkeln.

Als Experten traten in der Doku neben zwei Verfassungsschützern auch die Politikwissenschaftler Klaus Schroeder und Uwe Backes auf. Schroeder hatte voriges Jahr von sich Reden gemacht, als er die renommierte Leipziger »Mitte-Studie« über »autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland« als »reißerisch« und »belanglos« bezeichnete. Backes hat zusammen mit Eckhard Jesse die sogenannte Extremismustheorie und das »Hufeisenmodell« entwickelt. Demzufolge nähern sich die politischen »Ränder«, also Links- und Rechtsextreme, in dem Maße an, wie sie sich von der »Mitte« entfernen. Links- und Rechtsextremismus erscheinen so als ähnliche Phänomene, die vor allem als Bedrohung für die »Mitte« charakterisiert werden. Durch die gesamte Dokumentation zieht sich die Doktrin der »Extremismustheorie«, die in der Politikwissenschaft umstritten ist. Anders lässt sich auch nicht das in dem Film immer wieder geäußerte Unverständnis darüber interpretieren, dass die Inhalte von Rechtsextremen gesellschaftlich mehr geächtet seien als die von Linksextremen.

Dass rechte Positionen oft für Krieg und Ausgrenzung stehen, während Linke sich für bezahlbare Mieten und »gegen Lohnarbeit« einsetzen, scheint für viele Gesprächspartner die Tatsache, dass dem Thema Rechtsextremismus mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, keineswegs zu plausibilisieren.

Ein weiterer Gesprächspartner ist Karsten Dustin Hoffmann. Von der Stimme aus dem Off erfährt man, dass Hoffmann zum »Schwerpunkt Linksextremismus« promoviert habe, untertitelt wird er als »Politologe«. Hoffmann weist darauf hin, dass populäre Bands wie »Wir Sind Helden« oder »Fettes Brot« in der Vergangenheit in der Roten Flora gespielt hätten. Und das, obwohl die Rote Flora laut Hoffmann die Demokratie abschaffen wolle und auch vor Gewalt nicht zurück schrecke. »Dann frage ich mich schon, warum da kein gesellschaftlicher Aufschrei kommt, wenn so eine Band in der Roten Flora auftritt.«

Was man nicht erfährt: Hoffmann ist nicht nur Politologe, sondern auch Fraktionsvorsitzender der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) im Kreistag Rotenburg (Wümme). 2014 referierte Hoffmann zur »militanten Linken in Deutschland« in der Berliner »Bibliothek des Konservatismus«; einer Institution, die zur »Neuen Rechten« gezählt wird. Der »Experte« Hoffmann kommt in der Doku unkommentiert und ohne Einordnung durch den Filmemacher oder die Redaktion zu Wort.

Auf Anfrage des »nd« erklärte das ZDF: »Wegen der Kürze der Zeit und des geringen Platzes bei den Namenseinblendungen ist es oft nicht möglich, mehr als den Namen und die dazugehörige Institution zu nennen. Im Fall von Karsten Dustin Hoffmann wäre in der Tat eine zusätzliche Einordnung hilfreich und nötig gewesen.« Der Sender kündigte an, dass »weitergehende Informationen zu den interviewten Experten« bald online eingesehen werden könnten.

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