Blasse Geister, sterbende Hirsche

Am Mittwoch beginnt das Fantasyfilmfest: Zehn Tage lang Unbehagen, Verstörung, Blutfontänen und Popcorn

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Die Vertuschung des Schrecklichen führt zur totalen Eskalation: Szene aus dem Film »Super Dark Times« (USA 2017)
Die Vertuschung des Schrecklichen führt zur totalen Eskalation: Szene aus dem Film »Super Dark Times« (USA 2017)

Die Jugend, wenn man gezwungen ist, sie in den trostlosen 90er Jahren in trostlosen Vororten und verschlafenen Provinzkäffern in den USA zu verbringen, kann eine triste Zeit sein: Das ziellose Herumfahren mit dem Fahrrad und das geistlose Herumsitzen vor der Glotze oder dem Videospiel, diese beiden Tätigkeiten dürften zu den Höhepunkten des Tagesgeschehens gehören. Obendrein ist der Körper bis unter die Schädeldecke mit Hormonen vollgepumpt, sodass der Gedanke an Sex allgegenwärtig ist: Jedes Ausfahren der Kugelschreiberspitze aus dem Kugelschreibergehäuse und sein Wiedereinfahren - wie es die Sitznachbarin in der Schule durch wiederholte Betätigung der Druckhülse des Kugelschreibers praktiziert - wird so, schneller als der eigene Denkapparat beim Betrachten des Kugelschreibers hinterherkommt, zum Bild für den totalen sexuellen Exzess.

Insbesondere männliche Jugendliche sind also den lieben langen Tag mit Zeittotschlagen und selbstgefälligem, großspurigem Gequatsche übers Ficken beschäftigt.

Der Debütfilm von Kevin Phillips, »Super Dark Times«, ist ein Film übers Erwachsenwerden, aber auch über den Einbruch des Vernunftlosen, Chaotischen, Irrationalen in das, was wir Zivilisation zu nennen gewohnt sind: Die ersten Bilder des Films zeigen ein zerschmettertes Fenster in der Nacht und einen sterbenden blutenden Hirschen inmitten eines leeren Schulklassenzimmers.

In dem als Teenage Movie beginnenden und in der Folge immer alptraumhafter und bedrückender werdenden (und von »Poltergeist« bis zu »Psycho« zahlreiche Genreklassiker zitierenden) Coming-Of-Age-Thriller, der die Themen Schweigen, Schuld und Verdrängung verhandelt, ereignet sich plötzlich etwas, das sich nicht hätte ereignen dürfen, und von da an ist alles anders als zuvor: Die vormalige jugendliche Unbeschwertheit und Albernheit weicht innerhalb weniger Minuten dem Schock, dem Entsetzen und der Lüge. Der gemeinschaftlich getroffene Entschluss, das vorgefallene Schreckliche zu vertuschen, zu beschweigen und zu verdrängen, führt schließlich erst recht zur totalen Eskalation des Geschehens. Und wo soeben noch ein paar Heranwachsende arglos, friedlich und scherzend ihre Fahrräder vor einer stillen, vom Mond beschienenen Naturkulisse entlangschoben, blicken wir jetzt in wahlweise von Verstörung, Niedergeschlagenheit oder Wahn gezeichnete, blutbesprenkelte Gesichter.

»Super Dark Times« wird, neben zahlreichen anderen Filmen, in denen Blut und Verstörung gewiss keine untergeordnete Rolle spielen werden, dieser Tage erstmals in Deutschland zu sehen sein, beim alljährlich wie immer zum Herbstbeginn in mehreren großen Städten stattfindenden Fantasyfilmfest, das die neuesten und unkonventionellsten Produktionen aus den Genres Science Fiction, Horror und Thriller zeigt und das am morgigen Mittwoch in Berlin beginnt. Die Veranstalter sprechen von dem Festival ganz zu Recht als der erholsamen »Alternative zum Familienkomödien-Einheitsbrei im Mainstreamkino«. Die traditionelle ermüdende Ästhetik des ebenso mutlosen wie künstlerisch unambitionierten Erzählkinos und dessen meist konfektionierte Happy-End-Langeweile werden auf diesem Festival ebenso infrage gestellt wie althergebrachte Geschlechterstereotype.

In »68 Kill« etwa, einer schwarzen Komödie, die die verschiedenen Stationen der Flucht eines jungen Paares nach einem schweren Raubmord erzählt, ist es die junge weibliche Protagonistin, die all jene Eigenschaften in sich vereinigt, die gewöhnlich dem männlichen Macker zugeschrieben werden (sexuelle Dominanz und unkontrolliertes sexuelles Begehren, Aggressivität, Unnachgiebigkeit, Empathielosigkeit, Gewalttätigkeit usw.).

Auch in »Hounds Of Love« ist Gewalt das zentrale Thema: Ein in der australischen Provinz lebendes Paar betreibt als Hobby die gemeinschaftliche Entführung, Vergewaltigung und Folterung junger Frauen. Zumindest so lange, bis die selbst von ihrem Partner in einem Abhängigkeitsverhältnis gehaltene und emotional ausgebeutete Mittäterin es sich anders überlegt.

Außerdem feiert man beim Festival den mittlerweile 100. Film eines Meisters sowohl des knallbunten Action-Trashs als auch der virtuosen Publikumsverstörung: Takashi Miike. Dessen neues Samurai-Rachedrama »Blade Of The Immortal«, so kündigen die Veranstalter an, »schwelgt in Kostümen und Ausstattung, ausufernden Kampfkunstchoreografien sowie Blutfontänen und umherfliegenden Körperteilen«. Im Rahmen eines Double Features zu Ehren des Regisseur-Workaholics ist auch sein böser Klassiker »Audition« wieder einmal auf einer großen Leinwand zu sehen.

Neben all dem schrillen Popcornkino, den Psycho-Schockern und Apokalypse-Szenarien gibt es beim Festival aber auch die eine oder andere stillere und weniger visuell auftrumpfende Produktion zu sehen: Der israelische Film »Land Of The Little People« etwa zeigt den Alltag mehrerer Kinder, die sich einerseits angesichts der Allgegenwart von Krieg und militärischer Gewalt absondern und ein eigenes Refugium schaffen, andererseits aber auch selbst psychisch von der Logik des gegenseitigen Tötens durchdrungen sind.

Doch neben Filmen, die alltäglich stattfindende und reale Gewalt thematisieren, sei sie nun verheimlicht oder sichtbar - Amoklauf, Entführung, Machtmissbrauch, Vergewaltigung, seelische Gewalt, Psychofolter, Krieg - , bietet das diesjährige Fantasyfilmfest auch eher konventionell wirkende Geister-Krimis wie den isländischen Gruselfilm »I Remember You«, der ganz klassisch auf der Klaviatur des Unheimlichen spielt: Protagonisten, die sich im gottverlassenen Niemandsland wiederfinden; nachts von sonderbaren Geräuschen panisch Aufgeschreckte, die wir Zuschauer durch dunkle Flure und Gänge begleiten; sich plötzlich wie von Geisterhand öffnende und zuschlagende Türen, hinter denen Ungeahntes lauert; Schatten, die plötzlich hinter unserem nichts ahnenden Helden vorbeihuschen, während fatalerweise gleichzeitig alle Lichter im Haus ausgehen; blasse Geister, die im einen Moment noch sichtbar sind und im nächsten nicht mehr. Der gute, alte, bewährte Qualitätsgrusel. Und als Soundtrack dazu erklingt das in diesem Genre gern immer wieder verwendete beunruhigende Angelo-Badalamenti-hafte Sirren und Surren, ein beständig an- und abschwellendes Geräusch, das seine Wirkung auf den Zuschauer, bei dem sich die Anspannung erhöht und Unbehagen ausgelöst wird, nicht verfehlt.

»I Remember You« erzählt von mysteriösen Fällen verschwundener Kinder und von einer Reihe auf sonderbare Art mit ihnen verknüpfter Todesfälle alter Menschen, deren Leichname von kreuzförmigen Malen übersät sind. Auch hier erfahren wir von einer Vergangenheit, die nicht ruhen will und daher die Gegenwärtigen heimsucht.

31. Fantasyfilmfest, 13. bis 24. September., Cinestar im Sony Center, Potsdamer Platz

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