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Bummelstreik von Piloten bei Air Berlin

Viele Krankmeldungen sorgen für Flugausfälle

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Dass ein plötzlich auftretender hoher Krankenstand als Druckmittel und Ausdruck des Protests dienen und Wirkung zeigen kann, hat sich mittlerweile auch jenseits von Frankreich herumgesprochen. So meldete die angeschlagene Fluggesellschaft Air Berlin am Dienstagvormittag eine »ungewöhnlich hohe Zahl von Krankmeldungen« ihrer Piloten. Dadurch bedingt mussten rund 100 der geplanten 750 Flüge gestrichen werden. Dem Vernehmen nach waren etwa 200 von 1500 Piloten arbeitsunfähig gemeldet. Betroffenen Passagieren stellte die Airline eine »bestmögliche Reisealternative« und die Erstattung von Mehrkosten in Aussicht.

Von einem »Sick-out«, also koordinierten Krankmeldungen als Arbeitskampfmittel, will allerdings die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) nichts wissen. Man habe »zu keinem Zeitpunkt dazu aufgerufen, sich krank zu melden«, beteuerte VC-Sprecher Markus Wahl auf »nd«-Anfrage. Vielmehr habe seine Organisation »überrascht zur Kenntnis genommen, dass heute durch eine Vielzahl von Krankmeldungen beim fliegenden Personal der Ausfall von zahlreichen Flügen eingetreten ist«. VC habe die Mitglieder darauf hingewiesen, dass sie ihren arbeitsvertraglichen Pflichten nachkommen müssten, sofern kein akuter Grund für eine Krankmeldung bestehe, so Wahl. »Wir fordern die Angestellten auf, den Betrieb sicherzustellen.«

Gleichzeitig kritisierte Wahl die Weigerung des Air-Berlin-Managements und des für die Insolvenzabwicklung eingesetzten Generalbevollmächtigten Frank Kebekus, Gespräche mit der Gewerkschaft über die berufliche Zukunft der Angestellten aufzunehmen. Es sei nicht hinnehmbar, dass nur die Interessen von Investoren zählten und die Belange der Belegschaft keine Rolle spielten.

So ist nicht überraschend, dass vier Wochen nach der Einleitung des Insolvenzverfahrens für die zweitgrößte deutsche Airline die ungewisse Zukunft vielen Beschäftigten buchstäblich auf den Magen schlägt und auch robusten Naturen zusetzt. Die massenhafte Krankmeldung der Piloten sei »keinesfalls verwunderlich«, gab sich ver.di-Vorstandsmitglied Christine Behle verständnisvoll. Es sei »nicht auszuschließen«, dass es auch bei anderen Berufsgruppen dazu kommen könne, mutmaßt Behle. »Angst und Wut eskalieren, weil es um Existenzen ganzer Familien geht. Die Beschäftigten empfinden sich als Spielball rein wirtschaftlicher und politischer Interessen«, so die Gewerkschafterin. Ähnlich wie Wahl rief auch sie die Beschäftigten auf, den Flugbetrieb aufrecht zu erhalten.

Offensichtlich herrscht in der Belegschaft Furcht vor einer Ausschlachtung des Unternehmens, bei der sich Kaufinteressenten wie Lufthansa »Filetstücke« schnappen und Beschäftigte mit tarifgebundenen Arbeitsverhältnissen als »Ballast« gelten. Speziell unter den oft im Langstreckenbereich eingesetzten und in höheren Einkommensgruppen angesiedelten Piloten kursiert die Angst, dass sie als »unliebsames, teures und gewerkschaftsnahes Personal« rasch ausgemustert werden sollen. »So soll die Braut für Investoren aufgehübscht werden«, argwöhnt Wahl.

Der im August aus öffentlichen Geldern gespeiste Brückenkredit für Air Berlin über 150 Millionen Euro müsse unabdingbar mit der Forderung nach Erhalt der Arbeitsplätze zu fairen Konditionen verknüpft werden, verlangt Behle. »Die Politik muss dies den Investoren klar machen.« Statt »Pokern um die besten Blechstücke« sei rasches Handeln für eine Sicherung der Arbeitsplätze zu guten Bedingungen» angesagt«.

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