Der wahre Künstler ist der Leser

Holger Siemann hat einen Roman geschrieben, der auf Irrwegen in die Vergangenheit führt

Was soll das hier?

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Hatten Sie beim Schreiben Ihres Romans ein Vorbild für diese Form literarischer Eulenspiegelei?

Ich habe immer mal wieder einen relativ schmalen Band des schottischen Schriftstellers William Boyd zur Hand genommen, den 1998 veröffentlichten Roman »Nat Tate«, die Biographie eines Malers namens Nat Tate. Dazu hat Boyd in New York sogar eine Ausstellung mit dessen Werken gemacht. Und dann die Geschichte dazu erzählt. Der Mann sei immer sehr depressiv gewesen, aber ein großartiger Maler. Er sei einst teuer gehandelt worden, habe dann aber vor seinem Selbstmord alle Bilder zurückgekauft, die er kriegen konnte, und vernichtet.

So entstand ein Hype in der New Yorker Kunstszene. Doch die Seifenblase platzte. Es war alles erstunken und erlogen.

Ja, genau. Den Maler gab es gar nicht. Und einige Zeit später hat Boyd seine fiktive Geschichte dann aufgeklärt.

So etwas schwebt Ihnen mit Ihrem Roman auch vor?

Jedenfalls soll der Leser hellwach sein bei der Lektüre.

Es gibt einen Erzähler, Sven Gabbert. Der erbt vor ein paar Jahren, erfahren wir, ein Mehrfamilienhaus in Berlin, Baujahr 1900. Während der Modernisierung des Hauses findet sich auf dem Dachboden ein skurriles Archiv, das dem Erzähler fortan als Grundlage für seine Erzählung dient, um die verwickelten und widersprüchlichen Geschichten eines Jahrhunderts aus den Lebensläufen der Hausbewohner zu ermitteln. Für den Leser wird das zu einem Suchlauf, oder?

Naja, es setzt jedenfalls einen Leser voraus, der sich Mühe gibt. Einen, der das lesen will, so wie ich es schreibe, und sich nicht gleich ins Bockshorn jagen lässt. Und auf der emotionalen Ebene ist mir das schon sehr ernst: Ich möchte, dass Menschen auch wirklich traurig sind, wie diejenigen, die im Buch Angehörige oder Geliebte verlieren, oder glücklich, wie diejenigen, die mal was schaffen und etwas Glück haben.

Sie sind ein exzellenter Kenner der Stadt und es Bezirks, Sie sind Hobbyhistoriker. Ihre Archivstudien sind eine Grundlage für diesen Roman. Viele Fakten und die meisten Figuren sind aber erfunden, der Alltag und die Abenteuer sowieso. Und trotzdem kommt einem vieles bekannt vor. Warum haben Sie im Anhang noch diesen gewaltigen Anmerkungsapparat mit vielen Fußnoten hinzugefügt?

Zum einen verstärkt es den authentischen Eindruck, dass man denkt, aha, das liest sich ja wie eine gut recherchierte Dokumentation. Die Familie wird es wohl wirklich gegeben haben. Zum anderen ist das für den Erzähler, Sven, gleichzeitig ein Mittel, wo er sagen kann: Das ist jetzt nicht meine Verantwortung. Ich habe das ja nicht erfunden, ich zitiere nur die Quelle. Und es ist der Leser, der das auf die Reihe kriegen muss, der also die Aufgabe hat, sich dem auf der einen Seite hinzugeben und auf der anderen kritisch zu bleiben. Jede Fußnote ist auch ein Stolperstein, der eben sagt: Moment, Obacht! Könnte auch sein, dass alles erfunden ist.

Eine der Hauptfiguren, der Schriftsteller Kurt Weiszheit, hat das gute Recht zu flunkern und verfügt selbstverständlich über verschiedene Fassungen seiner Lebensgeschichte. Fantasieren, täuschen, schönmalen. So ist das mit Memoiren, mit Erinnerungen nicht viel anders. Und der Leser darf nun entscheiden, welche Spur ihm stimmig erscheint?

Das Schöne am literarischen Schreiben ist ja, dass man, wenn der Leser den guten Willen mitbringt und bereit ist, diesen Fantasievorschlägen zu folgen, tatsächlich eine Welt erschaffen kann. Das ist ein Faszinosum, das ich mit dem Kurt Weiszheit teile, der seinerseits auf der Bitterfelder Konferenz aufgetreten ist und gesagt hat: Leute, lasst uns nicht immer nur über die tollen Leistungen des Schriftstellers reden oder über die Idee, Arbeiter sollen zur Feder greifen und so werden wie wir. Sondern lasst uns doch einfach mal über das Heldentum des Lesers reden und darüber, was der alles kann. Er ist der eigentliche Künstler, der aus den Fliegenschisschen, die da auf dem Papier stehen, Welten erschafft in seinem Kopf.

Woher kommt bei Ihnen dieser Spaß am Versteckspiel? Zum einen wühlen Sie sich durch die Archive und schaufeln immenses Material zur Berliner Stadtgeschichte zutage. Zum anderen stellen Sie die Geschichte mitunter auf den Kopf.

Ich würde nicht diesen Gegensatz aufmachen. Diese Dichotomie zwischen Fakten auf der einen Seite und Fantasie auf der andern ist ja auch eine Interpretation. Was wir aus den vermeintlichen Fakten in den Archiven und Bibliotheken lesen, ist ja auch Fantasie. Ich habe einmal praktisch miterleben dürfen, wie ein Bild, das ich von der DDR hatte, sich total geändert hat durch die Dokumente, die ich nach der Wende gelesen habe. Und wie es sich andererseits seit 1989 zunehmend weiter ändert, weil es dem Bild der Vergangenheit immer ähnlicher wird, das die Menschen für sich selber brauchen.

Ist Ihr Roman nun nur etwas für Berliner?

Meine Nachbarn hier in Prenzlauer Berg sind vorwiegend Nichtberliner. An die hatte ich beim Schreiben gedacht.

Glauben Sie, dass Ihnen der Leser über mehr als 700 Seiten folgen wird?

Dass er auf der emotionalen Ebene mitfiebern kann, das hoffe ich sehr. Naja, und auf der rein faktenhistorischen Ebene wird natürlich geflunkert und gelogen, dass sich die Balken biegen, ohne dass ich das verstecke. Es wird oft genug im Buch darüber geredet. Kurt Weiszheit wird von seinem Vater mehr als einmal dafür gescholten, dass er lügt, ohne dass es Not tut. Der Vater fragt ja auch immer: Wozu? Warum machst du das? Und Kurt sagt: Ich weiß es doch nicht. Es bot sich so an.

Holger Siemann: Das Weiszheithaus. Ein Jahrhundertroman. Dörlemann, 736 S., geb., 28 €. Buchpremiere am 14. September, 20 Uhr, im Möbelsalon Geyersbach in der Raumerweiterungshalle REH, Kopenhagener Straße 17, Prenzlauer Berg.

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