Selbstgespräche einer Verlorenen

Jovana Reisingers Debüt zeugt von zerstörerischer Energie - ein sehr österreichisches Buch

Sie haben die Wahl. Im Wahllokal und bei ihrer Lieblingszeitung. Damit das so bleibt: Linken Journalismus bitte bezahlen!
Kampf ohne Machtbekenntnis

Was soll das hier?

Linker Journalismus – das ist der Luxus, zur Bundestagswahl nicht nur die überall gleichen Agenturmeldungen zu lesen, sondern das Koalitionsgerangel aus einer linken Perspektive kritisch zu beobachten und zu beurteilen. Wir zahlen Reportern einen korrekten Lohn, recherchieren aufwendig für profunde Hintergründe, sprechen mit unabhängigen Experten. Das alles kostet Geld. Wenn Ihre persönliche Lage es zulässt, freuen wir uns deshalb, wenn Sie die Lektüre dieses Textes mit einem frei gewählten Obolus honorieren – oder unser Blatt gleich gedruckt oder online abonnieren!

  • Wählen Sie ein Abo:

    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

    Ich habe bezahlt.

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Minimum 5 Euro/Monat

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login

    Passwort vergessen?

  • Jetzt nicht ...

So kennen wir die österreichischen Schriftsteller seit Ödön von Horváth und Thomas Bernhard: bissig, süffisant, kritisch. Die 1989 geborene Autorin Jovana Reisinger fügt sich mit ihrem Debüt »Still halten« perfekt in diese Reihe ein.

Das Dasein ist zu tragisch, um nicht darüber zu lachen - so könnte das Motto ihrer haltlosen Protagonistin lauten, die sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr aufzulösen scheint. Am Anfang standen noch die großen Versprechungen des Lebens, »wenn ich spute: geile Karriere, geile Wohnung, geiler Mann, geiler Body. Da wurde ich prompt im Türrahmen gestoppt und zum Arzt geschickt [….]. Klare Diagnose: Hirnversagen. Jetzt wird gutes Ausruhen teuer. Längst überfällige Erholungskur. Und die Karriere hat sich ein anderes Heim gesucht.« Sie selbst wird krank, wird zur Getriebenen des Schmerzes, ihre Mutter liegt im Sterben und auf ihren Mann muss sie in dieser misslichen Lage weiter warten.

Im steten Wechsel zwischen der Ich- und einer Außen-Perspektive nimmt der Leser eine Frau wahr, die sich gänzlich abhängig macht von ihrer Umwelt. Im Spiegel richtet sie sich, wenn ihr Gatte fort ist, morgens keine Frisur mehr her. Sich selbst nimmt sie nur noch wahr, wenn er sich an ihr sexuell befriedigt. Was bleibt da noch übrig? Vor allem Zynismus - etwa wenn sie das »Bezirksblatt« durchschaut und sich über »die Denkmalpflege der braven Bürger« und den Regionalkult lustig macht. Gleiches trifft auf ihre Dekonstruktion der Schaulust der Passanten zu, die gebannt auf einen ohnmächtigen, obdachlosen Trinker starren.

Dass es inmitten der österreichischen Gebackn-Händl-Mentalität und Heimattümelei durchaus Unheimliches zu beobachten gibt, liest sich eigentlich an der ganzen Literaturgeschichte der Alpennation ab. Die guten Bürger haben immer etwas zu verstecken, wie gerade die galligen Stücke der Wiener Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek beweisen. Und indem die Protagonistin so reißerisch von ihren Mitmenschen erzählt, weiß sie gut von ihrer eigenen Tristesse abzulenken: »Schauen sie nur irgendwohin, nur nicht zu mir, ich verliere gerade einen Teil meiner Persönlichkeit«, so die Devise.

Das Werk der jungen Autorin ist ein Text voller Energie - allerdings keine, die etwas schafft, sondern eine, die die Welt zersetzt. Dies hängt im Übrigen nicht nur mit der umtriebigen und anonymen Stadt zusammen, in welcher die Antiheldin zu Beginn lebt. Auch in der Einöde, wohin es sie nach dem Tod ihrer Mutter verschlägt, erfährt sie die äußeren Geschehnisse, insbesondere die der Natur, als Bedrohung. Die Idylle gibt es nur noch als Trugbild.

Die Wirklichkeit verweigert sich jedweder Erlösung, zumal sie selbst zum Produkt bloßer Weltanschauung verkommen ist. Reisinger gelingt somit ein dichtes Buch über die Entrückung der Wahrnehmung, über die völlige Vereinsamung einer Verlorenen. Bleiben werden ihr zuletzt nur die eigenen Worte. Ein Gegenüber gibt es nicht mehr, nur den stummen und hilflosen Leser. Dieses andauernde Selbstgespräch wühlt auf und führt uns die Verletzlichkeit und Nacktheit der menschlichen Existenz vor Augen.

Jovana Reisinger: Still halten. Toman. Verbrecher-Verlag, 200 S., geb., 19 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

jetzt abonnieren!

Wie? Noch kein Abo?

Na, dann aber hopp!

Einfach mal ausprobieren: 14 Tage digital, auf Papier, als App oder was weiß ich!

Jetzt kostenlos testen