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Vom späten Müßiggang

Seit Reinhard Schirmer in Rente ist, genießt er das Leben. Bis ihn eines Tages beim Bäcker eine Jobanzeige lockt

  • Von Florian Haenes
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein letztes mal lockt ihn die Arbeitswelt, als Reinhard Schirmer zu Fuß zum Yoga spaziert. Der 65-Jährige flaniert nun häufig. Man hebt bloß den Blick und plötzlich fallen einem Dinge ins Auge. Wie an jenem Tag die Jobanzeige. Sie klebte im Schaufenster einer Bäckerei. Aushilfe gesucht!

»Plötzlich hab ich überlegt«, erinnert er sich. »Fängst du wieder an?«

Schirmer hätte die Anzeige missachten können, sie einfach ignorieren und sich weiterhin der schönen Dinge erfreuen. Er ist neuerdings Rentner. Schirmer ist alleinstehend, lebt von 1200 Euro im Monat. Und das Geld reicht.

Denn Schirmer erhebt Sparsamkeit zum Lebensstil. Draußen auf dem Balkon seiner Mietwohnung steht ein Holzkasten mit Glasscheibe. »Ein Solarkocher«, sagt er - und erläutert, wie sich aus Sonnenwanderung, Wuchshöhe des Tannenbaums und der Position des Nachbarhauses ein Zeitfenster am Nachmittag ergibt, in dem der Kasten aufheizt und Schirmer den Reis garen kann. Im Regal im Wohnzimmer thronen selbstgetöpferte Teller wie Trophäen. Ein wackliges Tischchen am Fenster ist die freche Absage an Mobiliar, das mehr sein will als Buchablage.

Schirmer hatte sich in der Kargheit eingerichtet. Und trotzdem überkommt ihn der Impuls. »Wieder an die Arbeit, Reinhard!«

Wirtschaftspsychologen erklären es damit, dass auch alte Menschen sich gebraucht fühlen wollen. So fliehe mancher zurück in den Job. Der Anteil erwerbstätiger Rentner ist nach Zahlen der Agentur für Arbeit in zehn Jahren von fünf auf elf Prozent angestiegen.

Vielleicht sind arbeitende Rentner ein neuer Trend, weil die postindustrielle Arbeitswelt Anerkennung an Leistung knüpft. Mit diesem Versprechen hatte ihn die Marktwirtschaft in der Bundesrepublik begrüßt: dass Reinhard Schirmer hier gebraucht würde.

Es ist das Jahr 1992. 1,2 Millionen Menschen sind in den neuen Bundesländern arbeitslos. Schirmer hat sich in eine Weiterbildungsgesellschaft gerettet, die zwei findige Ex-Offiziere in Fürstenwalde aus dem Nichts geschaffen haben. »Wenn ihr mit Computern umgehen lernt«, so lautet das Versprechen des jovialen Elektromeisters, der den Workshop leitet, »dann werdet ihr überall gebraucht.«

Schirmer hatte seit 1973 als Elektrosignalmechaniker bei der Reichsbahn gearbeitet. Nun soll er sich plötzlich neu erfinden - Metamorphose nach Marktlage.

Doch die meiste Zeit diktiert der Elektromeister nur die Richtlinien des Elektrohandwerks. Zähflüssige Stunden. Zur Belohnung aber erlaubt der Meister, dass sie am Computer spielen. »Das funktioniert wie mit Kindern«, sagt Schirmer. Er flüchtet, wenn er kann. In den Park, oder in die Kantine, wo er aus Mangel an Alternativen den Speiseplan studiert. Am Ende sollten sie versuchsweise eine Bewerbung an den Montagebetrieb nebenan schicken. Eine Antwort erhält niemand.

Irgendwann findet Schirmer einen Job auf der Baustelle. In Berlin-Friedrichshain soll er Antennenleitungen legen, Schutt schleppen und mit dem Presslufthammer die Wände aufreißen. Aber ihm fehlt die Kraft. »Ich bekam es mit der Angst zu tun und war sogar erleichtert, als mir mein Chef nach drei Wochen kündigte.« Abermals findet er nur Arbeit auf dem Bau. In Gedanken rechnet Schirmers, wie lang 8000 DM Ersparnisse reichen können. Ein Jahr, vielleicht zwei?

Schirmer wird schließlich Lagerarbeiter. Eine Freundin erzählte von der Ausschreibung im Bundesarchiv. »Es war ein Abstieg vom Facharbeiter zum Hilfsarbeiter«, resümiert er. Aber die Tätigkeit im Filmarchiv ist leicht, der Vertrag unbefristet, »und wenn ein Betrieb nicht abgewickelt wird, dann doch das Bundesarchiv«, sagt er sich damals. Mit dem Lieferwagen fährt er 25 Jahre lang alte Filmbüchsen von den Lagerhallen in die Büros der Historiker.

Als die Große Koalition die Rente mit 63 beschließt, steht der Entschluss fest. Am 1.1.2016 geht Schirmer in Rente. Er praktiziert jetzt Yoga, tanzt internationale Folklore - »griechische Tänze, türkische und rumänische, Tänze vom Balkan«, erzählt er - er geht zur Rückenschule, er baut eine Gemeinschaftswerkstatt auf und pflegt einen Permakulturgarten. Auf die Lockung der Arbeitsgesellschaft, als er am Schaufenster der Bäckerei Halt machte, antwortete sein Verstand: »Zum Arbeiten hab ich keine Zeit.«

»Ich will kein Knecht mehr sein«, sagt er. Mit Unverständnis blickt er auf die Arbeitswelt. »Einige Kollegen waren mit ihrem Job verheiratet. Die haben gar nicht gemerkt, dass ihr Job nicht mehr gebraucht wird.« Er wünscht sich, dass eine künftige Bundesregierung ein bedingungsloses Grundeinkommen schafft. Anstatt aus Angst vor Arbeitslosigkeit die Braunkohleindustrie mit Subventionen am Leben zu erhalten, sollten Politiker endlich Visionen entwickeln.

Wäre das Grundeinkommen schon Wirklichkeit, hätte Schirmer die Arbeitswelt noch früher verlassen. Heute hat er sich besonnen. Er ändert sein Leben.

Bald wird er aus der Mietwohnung ausziehen. Sein Name steht auf der Warteliste für ein Wohnprojekt in Schöneiche. Junge und alte Menschen renovieren hier ein ehemaliges Rathaus. Um Geld muss sich Schirmer keine Sorgen mehr machen. Und im Wohnprojekt wird er gebraucht.

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