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Auf dem Weg zur Verkehrswende

Aktivisten und Bezirkspolitiker wollen Autos weniger Raum geben und die Stadt lebenswerter machen

  • Von Marie Frank und Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Kreuzung Zossener und Blücherstraße in Kreuzberg ist unwirtlich. Trotzdem ist der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) an diesem Freitagmorgen stolz. Er präsentiert etwas über 100 Meter neuen Fahrradweg. Ein kurzes Stück, das für den Stadtrat trotzdem bedeutsam ist. »An dieser Kreuzung gab es immer wieder Unfälle, weil abbiegende Autofahrer geradeaus fahrende Radler nicht beachtet hatten«, erklärt er.

Nun führt ein breiter Radstreifen direkt auf der Fahrbahn der Blücherstraße links neben der Rechtsabbiegerspur geradeaus. Für Radler gibt es eine eigene Rechtsabbiegerspur quer über den kleinen Vorplatz der Heilig-Kreuz-Kirche. 300 000 Euro haben die drei Monate dauernden Bauarbeiten gekostet. »Wir tun so auch etwas für Autofahrer. Es reduziert deren Stresslevel, wenn sie nicht andauernd Angst haben müssen, einen Radfahrer zu übersehen«, sagt Schmidt. »Reduzierung von Nutzungskonflikten« heißt das bei Verkehrsplanern. Die gibt es auch zwischen Fußgängern und Radfahrern. »Manchmal ist der Straßenbelag das Problem, manchmal die Verkehrsführung«, erklärt er, warum Radler immer wieder Gehwege benutzen. Auch dafür sollen Lösungen gefunden werden.

»Wir entwickeln gerade einen Radplan für den Bezirk, der alle problematischen Stellen erfasst«, berichtet Schmidt. »Es gibt zwar viel Geld vom Senat, aber die Umsetzung wird nicht in einem Jahr zu schaffen sein«, dämpft er Erwartungen. Immerhin, einen von zwei zusätzlichen Radwegeplanern hat der Bezirk bereits eingestellt. Für die zweite Stelle läuft gerade das Besetzungsverfahren.

Bereits seit längerer Zeit gebaut wird an einem Radweg auf der Gitschiner Straße parallel zur Hochbahn. Der erste von vier Bauabschnitten wird dieses Jahr noch fertig. Weil auch noch Gasleitungen getauscht werden, wird die ganze Maßnahme erst im Laufe des Jahres 2019 fertigwerden. »Die Radstreifen werden zwei Meter breit«, freut sich Baustadtrat Schmidt. Damit entsprechen sie bereits den Vorgaben des noch zu verabschiedenden Radgesetzes. Ursprünglich wollte die der Verkehrsverwaltung unterstellte Verkehrslenkung Berlin (VLB) nur 1,50 Meter zugestehen, um zwei Autospuren zu erhalten. Nun bleibt für Autos nur noch eine überbreite Spur pro Richtung.

In Neukölln wird ab Montag die Weserstraße zur ersten Fahrradstraße des Bezirks werden. Dort haben Radler Vorfahrt. Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) kommt zur Eröffnung.

Einen Vorgeschmack auf die Zukunft gibt an diesem Freitag der internationale »Park(ing) Day«. Dabei besetzen Aktivisten in der ganzen Stadt diverse Parkplätze, um sie in einen temporären Park zu verwandeln. Statt Autos stehen in den Parklücken der Kreuzberger Bergmannstraße bunte Schirme, Klappstühle, Pflanzen, Rollrasen und natürlich jede Menge Fahrräder. »Blumen statt Bitumen« steht auf einem der Banner, Kreideschriftzüge auf der Straße weisen auf die Aktion des Fahrradclubs ADFC und weiterer Initiativen hin.

Mit dem Tag wollen sie darauf aufmerksam machen, wie viel Fläche dem Autoverkehr eingeräumt wird und alternative Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen. Diese werden von den Aktivisten fleißig genutzt, allein hier sind gut ein halbes Dutzend Parklücken »besetzt«. »Die Aktion wird jedes Jahr ein bisschen größer«, freut sich ein Teilnehmer. Auch die Grünen nehmen an dem eintägigen Experiment teil und haben in einer Parklücke ihren Stand aufgebaut. Es brauche eine gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raums heißt es dort. Schließlich entspreche der Anteil an Parkplätzen für Autos keinesfalls deren Anteil an der Verkehrsnutzung.

Tatsächlich sollen in der Bergmannstraße bereits ab dem 18. Oktober vier Parkplätze von Amts wegen besetzt werden. Parklets genannte Podeste erweitern den Bürgersteig und sind ein Testlauf für die vorgesehene Verkehrsberuhigung. Auch für den Friedrichshainer Samariterkiez beginnen die Planungen für weniger Autos. Sehr bald soll die von vielen Lastwagen genutzte Proskauer Straße nur noch in eine Richtung befahren werden können.

Bei den Passanten kommt die Rückeroberung der Straße gut an. In den Parklücken sammeln sich immer mehr Menschen und diskutieren über eine bedarfsgerechte und ökologische Aufteilung von Verkehrsflächen. Lediglich die Rennrad fahrenden Hipster haben das Nachsehen: So ganz ohne Fahrradständer lässt sich das Rad schlecht abstellen.

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