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Hoch oben, tief unten

Ungleichheit, Abstiegssorgen, Kollektividentität: Über die Bundesrepublik als Klassengesellschaft. Teil I

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»Class counts«, behauptete der nordamerikanische Soziologe Erik Olin Wright schon vor Jahren. Klasse zählt allmählich auch in Deutschland, können wir hinzufügen. Es bedurfte allerdings des Beitrags eines französischen Soziologen, um versteinerte Denkverhältnisse zumindest ein wenig zum Tanzen zu bringen.

In »Rückkehr nach Reims« schildert der Autor Didier Eribon seinen Bruch mit dem kommunistischen Elternhaus. Von Autoritarismus und Homophobie abgestoßen, verließ der junge Homosexuelle die Heimatstadt, um sich den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Erst als der Vater gestorben war, kehrte Eribon nach Reims zurück, um festzustellen, dass die gesamte Familie nun für die Front National stimmte. Eine radikale Selbstaufklärung lässt den Bourdieu-Schüler erkennen, dass seine Abkehr vom Herkunftsmilieu von sozialer Scham getrieben war. Damit öffnet er den Blick für einen verstörenden Wirkungsmechanismus: Die Attraktivität der Front National für ehemals kommunistische Arbeiter sei das hausgemachte Problem einer akademisierten Linken, die, weil sie die Sprache der Arbeiter verlernt habe, den Deprivilegierten nicht mehr zu einer politischen Stimme verhelfen könne.

Klasse zählt!

Es ist diese provokante Botschaft, die Eribons Buch Bedeutung weit über die Grenzen Frankreichs hinaus verleiht. In der deutschen Öffentlichkeit, die sich abgewöhnt hatte, Klasse als herrschaftskritische Kategorie überhaupt noch zu verwenden, wirkt Eribons mikroskopische genaue Beschreibung der rechtspopulistischen Orientierungen einfacher Arbeiter geradezu befreiend.

Endlich, so scheint es, sagt jemand, was gesagt werden muss. Die Linke hat die Klassen und den Klassenkampf aus ihrem Vokabular verbannt. Dadurch ist ein politisches Vakuum entstanden, das es Rechtspopulisten überhaupt erst erlaubt, Klassenspannungen völkisch umzudeuten. Doch ist Eribons Analyse wirklich verallgemeinerbar? Findet sich in der deutschen Gesellschaft überhaupt noch eine Klassenstruktur, die mehr als statistischen Wert besitzt? Und laufen Plädoyers zugunsten von Klassenkategorien nicht auf eine Renaissance der verfehlten Doktrin von Haupt- und Nebenwiderspruch hinaus? Ohne den Problemgehalt solcher Fragen vorschnell beiseite zu legen, möchte ich mich anders positionieren. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, die Bundesrepublik ist eine Klassengesellschaft. Sie ist es, sowohl im Westen als auch im Osten, immer gewesen.

Allerdings - und das ist neu - handelt es sich in der Gegenwart um eine demobilisierte Klassengesellschaft. Einerseits haben sich vertikale, überwiegend klassenspezifische Ungleichheiten seit mehr als 20 Jahren stärker ausgeprägt, andererseits sind politischen Kräfte, die das ändern könnten, so schwach wie schon lange nicht mehr.

Demobilisierte Klassengesellschaft

Wie Eribon überzeugend zeigt, machen sich Klassenverhältnisse aber auch dann bemerkbar, wenn sie nicht in herrschaftskritischer Absicht thematisiert werden. In diesem Fall wirken sie über den Modus von Konkurrenz und Spaltung, über die kollektive Auf- und Abwertung sozialer Großgruppen. Klassenbildung durch symbolische Abwertung ist genau das, was gegenwärtig auch in der Bundesrepublik geschieht.

Um diese Sichtweise zu begründen, ist es sinnvoll, zunächst den Klassenbegriff von mythischem Ballast zu befreien. Klassentheorien zeichnen sich allgemein dadurch aus, dass sie, anders als Schichtungsmodelle, Kausalmechanismen benennen, die das Glück der Starken mit der Not der Schwachen verbinden.

Karl Marx betrachtete die Aneignung unbezahlter Mehrarbeit durch kapitalistische Privateigentümer als einen solchen Mechanismus. Für Max Weber waren die ungleiche Verteilung von Besitz und Erwerbschancen elementare Verbindungsprinzipien zwischen herrschenden und beherrschten sozialen Großgruppen. Erik Olin Wright hat die Ausübung bürokratischer Kontrollmacht als einen weiteren Mechanismus hinzugefügt, der es erlaubt, den Staatssozialismus etwa der ehemaligen DDR als antagonistische Klassengesellschaft zu deuten.

Wann »Klassen« handeln

Doch gleich welchen dieser Kausalmechanismen man bemüht, stets gilt: Klassen sind keine homogenen Kollektivsubjekte. Sie handeln nicht. Es handeln Individuen, Akteure und Organisationen innerhalb von Klassenverhältnissen, die sie nur bedingt kontrollieren. Klasseninteressen können für die Konfliktdynamik einer Gesellschaft zentral sein, sie müssen es aber nicht.

Klassenhandeln zielt grundsätzlich auf eine Verbesserung individueller oder kollektiver Position im sozialen Raum. Es umfasst ein weites Spektrum an Handlungsstrategien, die auch antagonistische Kooperation mit der Kapitalseite oder die Privilegienverteidigung mittels Statuspolitik bestimmter Berufsgruppen einschließen können. Revolutionäres Klassenhandeln stellt hingegen historisch gesehen eine Ausnahme dar. Jeder Übergang von individuellem zu kollektivem, von spontanem zu und organisiertem Klassenhandeln ist äußerst voraussetzungsvoll.

Zu kollektivem Handeln von Lohnarbeiterklassen kommt es nur, sofern ein gemeinsam geteiltes Bewusstsein für eben jene Kausalmechanismen entsteht, die Arm und Reich, Ausbeuter und Ausgebeutete, Herrscher und Beherrschte zueinander in Beziehung setzen. Dergleichen leisten gemeinsam geteilte, im Alltagsbewusstsein verankerte intellektuelle Überzeugungssysteme, die Lohnabhängige rational wie moralisch mit politischen Repräsentationen verbinden. In anderen Worten: Klassenlagen geben keine politischen Orientierungen vor. Selbst wenn sich Großgruppen als soziale Klassen konstituieren, wenn also exklusive soziale Verkehrskreise, Kommunikationsverhältnisse und Wertorientierungen vorhanden sind, die eine bewusste Reflexion von Klasseninteressen überhaupt erst ermöglichen, bedarf es der aktiven Vermittlung politischer Überzeugungen, um halbwegs kohärente Beziehungen zwischen Klassenlagen auf der einen sowie gewerkschaftlichen und politischen Formationen auf der anderen Seite herzustellen.

Geteiltes Alltagsbewusstsein und praktische Politik

Das ist, was der politischen Linken nicht nur in der Bundesrepublik immer weniger gelingt. Dabei ist es keineswegs so, dass sich die große Mehrheit der lohnabhängig Erwerbstätigen immer weiter fragmentiert und ausdifferenziert. Zwar spricht vieles dafür, dass Lohnabhängigenklassen wie in allen Metropolenkapitalismen auch hierzulande im Plural buchstabiert werden müssen; die Lage von Unterklassen an oder unter der Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität hat mit den Lebensverhältnissen relativ gut verdienender Arbeiter und Angestellter im industriellen Exportsektor außer dem strukturierenden Lohnarbeitsverhältnis wenig gemein.

Doch es gibt Schlüsselerfahrungen, die unterschiedliche Klassen(-fraktionen) von Lohnabhängigen durchaus miteinander verbinden. Dazu gehört erstens eine dramatische Zunahme der Vermögens- und Einkommensungleichheit in allen OECD-Ländern. Laut dem Global Wealth Report von Credit Suisse Research besitzen gegenwärtig 0,7 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung 45,6 Prozent des Haushaltsgesamtvermögens, während 73,2 Prozent lediglich über einen Vermögensanteil von 2,4 Prozent verfügen.

Parallel zu steigenden Einkommen aus Kapitalerträgen ist die durchschnittliche Lohnquote in den wichtigsten Industrieländern zwischen 1980 und 2013 nahezu kontinuierlich gesunken.

Dauererfahrung soziale Unsicherheit auch in Deutschland

Die Bundesrepublik macht diesbezüglich keine Ausnahme. Sie ist, worauf der liberale Ökonom Marcel Fratzscher hingewiesen hat, heute eines der ungleichsten Länder in der industrialisierten Welt. Die reichsten zehn Prozent besitzen einen Anteil von mehr als 64 Prozent des Gesamtvermögens. Doch nicht nur die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich vergrößert, auch die Einkommensungleichheit unter Lohnabhängigen hat zugenommen. Die Hälfte der abhängig Beschäftigten verdient heute weniger als noch vor 15 Jahren, die unteren vier Einkommensdezile und damit vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter haben überdurchschnittlich verloren.

Zu wachsenden Ungleichheit im Jobwunderland gesellt sich zweitens die Dauererfahrung sozialer Unsicherheit, die auf eine Zunahme ungeschützter, schlecht entlohnter, wenig anerkannter und deshalb prekärer Beschäftigungsverhältnisse zurückzuführen ist. Trotz sinkender Arbeitslosigkeit und einer Erwerbstätigkeit auf Rekordniveau liegt das Volumen an bezahlten Erwerbsarbeitsstunden pro Lohnabhängigem noch immer unter dem Niveau von 1991. Leistete ein Erwerbstätiger 1991 noch durchschnittlich 1554 Arbeitsstunden, so waren es 2014 nur noch 1366 Stunden (2013: 1362 Stunden), das entspricht einem Rückgang von rund 12 Prozent.

Dies wäre eine Entwicklung hin zu mehr Lebensqualität, würde die Arbeitszeit annähernd gleich verteil. Doch das ist nicht der Fall. Vielmehr erfolgt die Integration in den Arbeitsmarkt insbesondere, aber keineswegs ausschließlich für Frauen in Dienstleistungssegmenten bei stark polarisierten Arbeitszeiten.

Polarisierte Arbeitszeiten und der Trend zur prekären Vollerwerbsgesellschaft

Man muss schon einen statistischen Effekt bemühen, die Vollzeitbeschäftigung bei 20 oder 30 Wochenstunden beginnen lassen und den hohen Anteil der »Normalarbeitsverhältnisse« (vier von zehn) im Niedriglohnsektor ignorieren, um den Trend hin zu einer prekären Vollerwerbsgesellschaft übersehen zu können. Offenkundig wird Erwerbslosigkeit mittels Ausdehnung unsicherer, unwürdiger Arbeit zum Verschwinden gebracht.

Doch nicht einmal dieser Mechanismus genügt, um die Lage von etwa 3,1 Millionen Menschen zu verbessern, die sich seit langer Zeit im Bezug der Grundsicherung (»Hartz IV«) befinden. Angehörige dieser Großgruppe haben kaum eine Chance, ihre soziale Position grundlegend zu verbessern. Deshalb eignen sie sich einen Überlebenshabitus an, der sie häufig einer Stigmatisierung durch die »Mehrheitsgesellschaft« ausgesetzt.

Von kollektiver Abwertung betroffen sind aber nicht allein Bezieher der Grundsicherung oder prekär Beschäftigte. Selbst Facharbeiter in halbwegs geschützter Beschäftigung betrachten sich überwiegend als Objekt einer marktgetriebenen Flexibilisierung. Für sie ist die Festanstellung zu einer ständigen Bewährungsprobe geworden. Nur um den Preis des »sozialen Todes« (Robert Castel) erscheint es ihnen möglich, sich dem Zwang zu permanenter Mobilität, zu ständiger Anpassung und Umschulung zu entziehen. Gefährdet ist nicht unbedingt der Job, wohl aber die halbwegs attraktive Tätigkeit, der Arbeitsplatz am Standort, im Stammbetrieb oder in der erwünschten Abteilung.

Festanstellung unter Vorbehalt

Deshalb ist die Festanstellung selbst im prosperierenden Exportsektor häufig nur eine unter Vorbehalt. Auf Dauer gestellte Standortkonkurrenzen und Umstrukturierungen erfordern ein Höchstmaß an individueller Anpassungsbereitschaft. Oftmals gehen Veränderungen mit Leistungsintensivierung, körperlichen und psychischen Belastungen einher, die in der medial inszenierten Job-Wunder-Welt selten öffentlich werden.

Um zu verstehen, was das mit Arbeiterinnen und Arbeitern macht, genügt es daher nicht, die Wahlstatistik zu bemühen. Tatsächlich ist, worauf Horst Kahrs zu Recht verweist, der Arbeiterstatus heute eine unscharfe Kategorie. Das alte Blaumann-Kriterium vorwiegend manueller Tätigkeit, kontrollierter Arbeitstätigkeit trifft nur noch teilweise zu. Jede und jeder am Fließband Tätige muss man heutzutage mit einem Computer umgehen können.

Freilich macht es einen großen Unterschied, ob man als Facharbeiter in der ersten Welt intakter tariflicher Regulation oder als Leiharbeiter und Niedriglöhner in der zweiten Welt vornehmlich deregulierter Arbeitsverhältnisse tätig ist.

Keine positive Klassenidentität mehr

Ungeachtet dieser Unterschiede bleibt als gemeinsames Empfinden, einer Großgruppe anzugehören, deren Leistungen gesellschaftlich nicht ausreichend anerkannt werden. Arbeiterin oder Arbeiter wird man nur, wenn keine andere Möglichkeit bleibt. Sozialstrukturell zählt man zu einer Minderheit; 2014 ließen sich nur 33 Prozent der abhängig Beschäftigten im Westen und 35 Prozent im Osten Arbeiterklassenlagen zurechnen.

Die subjektive Selbstverortung in der Arbeiterschaft liegt im Westen bereits unter (2014: 23 Prozent; 1990: 27 Prozent), im Osten nur noch leicht über der strukturellen Zugehörigkeit zu entsprechenden Arbeiterklassenlagen (2014: 36 Prozent). Im Osten ist dieser Wandel dramatisch, denn 1990 hatten sich noch 57 Prozent einer Arbeiterschicht zugerechnet. Die Differenz zwischen Lage und Selbsteinstufung insbesondere im Westen deutet an, dass der Arbeiterstatus als solcher keine positive Kollektiv- oder gar Klassenidentität stiftet.

Lesen Sie in Teil II, warum eine bloße Rückkehr zu klassischer sozialdemokratischer Verteilungspolitik nicht ausreicht.

Der Autor

Klaus Dörre, Jahrgang 1957, zählt zu den profiliertesten Soziologen der Bundesrepublik. Er war Geschäftsführender Direktor des Forschungsinstituts Arbeit, Bildung, Partizipation an der Ruhr-Universität Bochum und lehrt seit 2005 Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dort initiierte er 2009 das Zentrum für interdisziplinäre Gesellschaftsforschung. Dörre ist Gründungsmitglied des Institut Solidarische Moderne und engagiert sich im wissenschaftlichen Beirat von Attac. Zuletzt erschienen von ihm unter anderem »Soziologie - Kapitalismus - Kritik: Eine Debatte« (zusammen mit Stephan Lessenich und Hartmut Rosa bei Suhrkamp) und »Kapitalismustheorie und Arbeit. Neue Ansätze soziologischer Kritik« (als Herausgeber bei Campus).

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