Indiskretion und Erkenntnisgewinn

Eine Ausstellung im Kölner Museum Ludwig widmet sich Heinrich Bölls gespaltenem Verhältnis zur Fotografie

  • Von Siegfried Schmidtke
  • Lesedauer: 4 Min.

Für das Kölner Museum Ludwig, so dessen Direktor Yilmaz Dziewior, ist der im Dezember bevorstehende 100. Geburtstag Heinrich Bölls einer von drei guten Gründen, dem rheinischen Literaturnobelpreisträger eine Ausstellung zu widmen. Dass es eine Fotoausstellung geworden ist, hängt mit dem zweiten Grund zusammen: Das Museum verfügt neben seiner großen Sammlung moderner Kunst auch über eine beachtliche Fotografiesammlung, in der sich viele Böll-Fotos finden. Der dritte Grund ist eher sachlich-nüchterner Natur: Die Adresse des 1986 eröffneten Museums lautet Heinrich-Böll-Platz.

Der Schriftsteller (1917 - 1985) galt als kamerascheu. Trotzdem gibt es etliche Fotos von ihm. Als weltbekannter Autor konnte sich Böll nicht immer dem Ansturm der Fotografen entziehen. Schon sein Verlag verlangte nach Bildern für Presseveröffentlichungen. Sein Verhältnis zur Fotografie drückte Böll bereits 1963 in einem Text für die Zeitung »Welt der Arbeit« aus. Unter dem Titel »Ein Fischer döst. Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral« beschreibt er einen nach erfolgreichem Fang ruhenden Fischer, der von einem fotografierenden Touristen durch das Klicken des Fotoapparates aufgeschreckt wird. Der Tourist wird als aufdringlich, das Fotografieren als Indiskretion beschrieben.

Deutlicher wird Böll ein Jahr später in seinem Vorwort »Die humane Kamera« für den Katalog zur Luzerner Weltausstellung der Photographie: »Wo die Kamera zudringlich wird, ihr Instrument, das Objektiv, zum Instrument des Subjekts, des Photographen wird, der darauf aus ist, den Menschen zu ertappen, zu denunzieren, zu entlarven, überschreitet die Photographie ihre ästhetische und gleichzeitig ihre moralische Grenze.« Miriam Halwani, die Kuratorin der Kölner Ausstellung, verweist darauf, dass dies der einzige Text ist, »in dem sich Böll grundlegend zur Fotografie äußert. Es ist nicht weniger als eine Moral der Fotografie.«

Die »zudringliche« Kamera thematisiert Böll 1974 auf dramatische Weise auch in seinem später verfilmten Roman »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«. Darin wird eine unbescholtene junge Frau von einem sensationslüsternen Reporter der Boulevardpresse durch Wort und Bild attackiert, bloßgestellt und so ihrer Würde beraubt. Aus Verzweiflung tötet sie den Reporter. Böll vermerkte damals: »Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.«

Heute tragen rund 50 Millionen Menschen in Deutschland ein Smartphone - und damit einen Fotoapparat - ständig mit sich herum und machen davon regen Gebrauch. Zudem lässt der Staat mehr und mehr öffentliche Plätze, Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen rund um die Uhr von Videokameras überwachen. Das alles konnte Böll noch nicht wissen. Aber er ahnte bereits 1964 die Gefahren solch einer umfassenden Nutzung und Massenverbreitung von Bildaufnahmegeräten: »Wenn technisch perfektes Photographieren in jedermanns Hand gegeben ist, ist Orwells Großer Bruder ja fast allgegenwärtig. Überall Augen: künstliche magische Augen, die Ölheizungen und Garagentore, Produktion und Passage kontrollieren.«

In den 1960er Jahren wurde der Fotoapparat für viele Menschen erschwinglich. Um ein Bild von sich, von seinen Kindern, von der Familie zu erhalten, war der Besuch im Atelier eines Fotografen nicht mehr nötig. Nahezu jeder konnte nun fotografieren. Beliebt waren die sogenannten Schnappschüsse, die mal eben so eine bildliche Erinnerung festhielten. In Bölls Augen eine bedenkliche Angelegenheit. Messerscharf stellt er fest: »Im Wort Schnappschuß sind zwei Gewaltverben, schießen und zuschnappen, vereint.«

»Human« ist die Kamera nach Böll dann, wenn »auf einer Photographie der Sinn einer Landschaft, ihr Atem spürbar wird, ein Portätierter ›erkannt‹ wird oder der geschichtliche Augenblick vors Objektiv kommt ...«. Solche Bilder hat der Schriftsteller gerne und immer wieder mit seinen Worten bereichert. Mehrere Bildbände, zu denen Böll Texte besteuerte, werden in der Ausstellung gezeigt, darunter »Im Ruhrgebiet« von Carl-Heinz Hargesheimer (Künstlername: Chargesheimer).

Kuratorin Halwani hat daneben Aufnahmen Bölls aus der Sammlung des Museums zusammengetragen. Die meisten dieser Bilder, die den Autor in privatem Umfeld, zu Hause am Schreibtisch oder im Garten zeigen, stammen vom befreundeten Fotografen Heinz Held und sind alles andere als Schnappschüsse. Sorgfältig wurden sie komponiert und inszeniert. Bei Held musste Böll die »aufdringliche Kamera« nicht befürchten.

Der Schriftstellersohn und Nachlassverwalter René Böll (*1948) erinnerte bei der Ausstellungseröffnung an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März 2009. Große Teile des Böll-Nachlasses wurden damals mit in die Baugrube gerissen. Besonders tragisch, so René Böll, sei gewesen, dass er dem Stadtarchiv über 6500 Manuskripte, Briefe und andere Nachlassstücke des Nobelpreisträgers erst einen Monat vor dem Einsturz überlassen habe.

»Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie«, bis 7. Januar 2018, Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, Köln

Werbung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

jetzt abonnieren!

Wie? Noch kein Abo?

Na, dann aber hopp!

Einfach mal ausprobieren: 14 Tage digital, auf Papier, als App oder was weiß ich!

Jetzt kostenlos testen