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Durch Nacht zum Licht

Vladimir Jurowski überzeugte bei seinem Antritt als Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters

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Während Simon Rattle seinen anstehenden Abschied von den Berliner Philharmonikern mit viel Vorlauf bekannt gegeben hatte, musste der Wechsel beim Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) schnell vonstattengehen. Nur ein gutes Jahr im Voraus kündigte Marek Janowski an, sein Amt als RSB-Chef aufzugeben. Janowksi hatte das einstige Sinfonieorchester des DDR-Rundfunks immerhin 14 Jahre lang geleitet und zuletzt mit einem Wagner-Zyklus für Aufsehen gesorgt. Trotz des Zeitdrucks konnte das RSB einen renommierten Dirigenten für sich gewinnen, den 1972 in Moskau geborenen Vladimir Jurowski.

Der hat schon lange einen Koffer in Berlin. Kurz nach der Wende kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, er studierte in Berlin und war Ende der Neunziger musikalisches Oberhaupt der Komischen Oper. Seit zehn Jahren leitet er das London Philharmonic, als Nachfolger von Kurt Masur. Jurowski steht für ein breites Repertoire und einfallsreiche Programme. Diesen Ruf festigte er mit seinem Antrittskonzert als RSB-Chef am Sonntag in der Philharmonie. Dabei kombinierte er drei sehr verschiedene Werke des 20. Jahrhunderts - geschaffen von Isang Yun, Arnold Schönberg und Luigi Nono - mit Beethovens Fünfter Sinfonie.

In Yuns »Dimensionen« entlockte der Dirigent seinem Orchester schillernde Klangflächen. Anschließend spielte der Solist Christian Tetzlaff das Violinkonzert Schönbergs derart musikantisch und tänzerisch, dass die Zwölftönigkeit viel von ihrer Strenge verlor. Jurowski erwies sich als ausgezeichneter Dirigent, weil er Präzision und Leidenschaft vereinte. Er leitete die Musiker sicher und vorausschauend, wobei er äußerst engagiert agierte. Hin und wieder sprang er in die Luft; die linke Hand malte Schlängellinien oder gab zackige Kommandos, um differenzierte Klangfarben und dynamische Feinheiten zu gestalten. Das Ohr ist beeindruckt; aber man erfährt auch viel über die Musik, wenn man dem großen, schlanken Mann bei der Arbeit zuschaut.

Nach der Pause erklang Luigi Nonos Stück »Julius Fučík«, das von den letzten Stunden des tschechischen Journalisten und Kommunisten handelt. Grauenerregend naturalistisch gibt das prasselnde Schlagwerk die folternde Gestapo wieder. Sprecher Max Hopp liest mit fahler Stimme Fučíks letzten Brief. Der Widerstandskämpfer schreibt darin von seiner unzerstörbaren Lebensfreude, die sich »täglich mit irgendeinem Motiv von Beethoven« einstelle. »Ein Mensch zu sein, wird auch weiterhin ein heldenhaftes Herz erfordern«, heißt es. Das ist ganz der Tonfall des heroischen Beethoven - und so wirkte es außerordentlich berührend, dass nahtlos Beethovens Fünfte folgte; in einer spätromantisch überhöhenden Bearbeitung von Gustav Mahler. Jurowksi bewegte das riesige Orchester sehr gemächlich, nahm die Tempi flexibel und hob Mittelstimmen hervor.

Erst am Ende erschließt sich der rote Faden dieses klug kombinierten Programms: Der utopische Gehalt von Beethovens Fünfter mit ihrer Grundidee »Durch Nacht zum Licht« strahlt aufs zuvor Gehörte zurück. Die Musik bot Zuflucht, wenn in den Nachtstunden des 20. Jahrhunderts das Schicksal an die Pforte pochte: als Schönberg ins amerikanische Exil flüchtete, als Fučík starb und als Isang Yun vom südkoreanischen Geheimdienst verschleppt wurde.

Mit seinem Antrittskonzert bot Jurowski zugleich einen Vorgeschmack auf seine erste RSB-Spielzeit, die sich vor allem Beethoven und dessen Rezeption durch Gustav Mahler und die Zweite Wiener Schule widmet. Am 20. September steht Mahlers monumentale Zweite auf dem Programm.

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