Das Prinzip Hoffnung

Martin Keßler zeigt in seiner Film-Doku »Reise in den Herbst« Deutschland vor der Bundestagswahl

Der 24. September 2017 wird ein historisches Datum in der deutschen und europäischen Geschichte sein. Der Tag der Wahl zum 19. Deutschen Bundestag bedeutet eine Zäsur - mit einem Kanzler Martin Schulz von der SPD, die die Wahl mit einer eindeutigen Linkswende klar gewann.

Der 24. September wird ein historisches Datum in der deutschen und europäischen Geschichte sein. Der Tag der Wahl zum 19. Deutschen Bundestag bedeutete eine Zäsur, denn mit der AfD wird eine rechtsnationalistische Partei in das Parlament einziehen. Vor allem aber ist die AfD eine sozialchauvinistische Partei; von allen sechs Parteien, die voraussichtlich im nächsten Bundestag vertreten sein werden, sind die inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen AfD und FDP am größten.

Warum die erste Annahme nicht und die zweite sehr wohl zutrifft, zeigt der Film »Reise in den Herbst« von Martin Keßler, der am Dienstag in Frankfurt am Main Premiere hatte. Um das Ende des Films vorweg zu nehmen: Die Antwort auf die im Untertitel gestellte Frage »Alles wie gehabt oder Zeitenwende?« beantwortet Keßler, der vor gut zehn Jahren mit seiner Doku-Film-Trilogie »Neue Wut« über soziale Proteste und Unruhen in Europa für Aufsehen sorgte, nicht eindeutig.

Der Film beginnt zu einem Zeitpunkt, an dem die alte Ordnung endete: mit der Antrittsrede Donald Trumps als 45. US-Präsidenten der USA am 20. Januar dieses Jahres in Washington. Trump hatte damals sein politisches Programm mit zwei Wörtern auf den Punkt gebracht: »America first«. Diese Sätze hört man aus dem Off, während die Kamera von einem fahrenden Zug aus die Landschaft an der winterlichen Loreley und der Burg Pfalzgrafenstein im Rhein bei Kaub zeigt. Der Rhein, schon immer ein mystischer Ort deutscher Befindlichkeiten und Sehnsüchte, den die Deutschnationalen okkupierten, den aber auch Heinrich Heine verdichtete, ist an dieser Stelle des Films die Blaupause für die Frage, wohin sich Deutschland nach dem Abschied der USA von der geistigen Führungsrolle des Westens entwickeln wird.

Die Weiterreise ist von der Verwirrung geprägt, der Desorientierung, die die politische Debatte in Deutschland in den vergangenen Monaten geprägt hat. Keßler besucht mit seinem Filmteam das Europatreffen der Rechtsnationalisten in Koblenz. Den nationalen Aufbruch, den Marine Le Pen, Frauke Petry, Geert Wilders und andere Politiker europäischer Rechts-Parteien dort zelebrieren, wirkt in seiner inszenierten Jubelperser-Ästhetik unfreiwillig komisch, wegen der Selbstsicherheit, mit der sich die Nationalisten als politische Alternative inszenieren, aber auch bedrohlich. Vor dem Holocaust-Mahnmal in Berlin bemerkt der Historiker Wolfgang Benz, ehemals Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, bedeutungsschwanger, dass der Mensch noch nie aus der Geschichte gelernt habe, weshalb Erinnerungsarbeit nie enden dürfe.

Keßlers Filmfahrt hält in Bochum, zeigt dort die Deindustrialisierung einer ganzen Region am Beispiel der Schließung des Opel-Werkes, der Zug hält in Rüsselsheim, wo versprengte linke Radikale mit kommunistischem Liedgut Migranten agitieren wollen, begleitet Proteste von Mietern in Frankfurt am Main, die aufgrund steigender Mieten an den Rand der sozialen Existenz gedrängt werden. 41 Prozent der Haushalte der Stadt hätten aufgrund ihrer Einkommenssituation mittlerweile ein Anrecht auf eine Sozialwohnung. Die Gegenrealität zeigt sich im Auftritt des FDP-Chefs Christian Lindner vor Studenten. Deutschland, so die Botschaft des Politikers, gehe es gut, sehr gut so gar, noch besser ginge es den Menschen, wenn es überall unverschlüsseltes, öffentliches WLAN gebe.

Bahnhöfe sind, auch das zeigt dieser Film, ein Gradmesser für die soziale Lage im Land und deren politischen Implikationen. Wer in Frankfurt am Main aus dem Bahnhofsgebäude tritt, braucht nur wenige Minuten bis zum Banken-Viertel. Dort demonstrierte im Februar die Kurzzeit-Bewegung »Pulse of Europe« gegen Nationalismus. Die Menschen in Deutschland hätten Angst vor dem Verlust ihrer nationalen Identität, sagt eine der Teilnehmerinnen ins Mikrofon. Vielleicht aber wäre es an der Zeit, sich eine neue, eine europäische Identität zuzulegen.

Wer dagegen am Bahnhof in Gerwisch (Sachsen-Anhalt) ankommt, steigt in einem Niemandsland aus. Das alte Bahnhofsgebäude verfällt; das Signal, das die Deutsche Bahn damit an die Menschen sendet, ist eindeutig: Ihr, die Abgehängten dieses Landes, seid unwichtig. In Gerwisch lebt Andreas Ehrholdt in einer Wohnanlage. Vor 13 Jahren organisierte Ehrholdt die Montagsdemos gegen die Hartz-IV-Gesetze, heute ist der 56-jährige Frührentner gesundheitlich angeschlagen und auf Hilfe angewiesen. Für die Menschen, die AfD wählen, habe er Verständnis, ändern werde sich aber auch mit der AfD nichts. Eigentlich, so Ehrholdt, müsste man sich zusammen mit den Flüchtlingen und Einwanderern, die als Lohnkonkurrenz eingesetzt würden, für eine andere Politik einsetzen, eigentlich …

Dieses »Eigentlich« aus dem Ungefähren, nur Beabsichtigten in Politik zu überführen, versprach zu Beginn dieses Jahres, als Keßlers Fahrt durch Deutschland begann, die einst große alte Arbeiterpartei Deutschlands, die SPD. Im März nominierten die Sozialdemokraten auf einem Sonderparteitag Martin Schulz mit 100 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Es war die Zeit, als die Zustimmungswerte bei Umfragen für Schulz als auch für die SPD in die Höhe schnellten und so etwas wie ein Hauch von politischem Frühling zu spüren war.

Das ist vorbei. Die SPD hat sich entschieden Am Ende bleibt für Keßler nur noch das Prinzip Hoffnung. Der Schweizer Soziologe, Politiker und Globalisierungskritiker Jean Ziegler sagt Keßler am Rande der G20-Proteste in Hamburg, dass der Hunger in der Welt von heute auf morgen abgeschafft werden könnte, die politischen Eliten müssten es nur wollen - und das gelte gerade hier in Deutschland, »der lebendigsten Demokratie des Kontinents«.

Weiterer Premierentermin: 22. September, Kino Babylon, Berlin; www.neuewut.de

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