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Jung, jüdisch, hier zu Hause

Die Ausstellung »Babel 21« stellt zwölf jüdische Migrationsbiographien vor

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

»Berlin ist eine tolle Stadt, die mich immer wieder aufs Neue fasziniert«, sagt Greta Zelener. Die 27-Jährige ist in Charlottenburg aufgewachsen. Im Kiez ist sie zur Schule gegangen, in der Synagoge in der Pestalozzistraße hat sie ihre Bat Mitzwa gefeiert. Woanders zu wohnen, könnte sie sich gar nicht vorstellen. Geboren wurde die Studentin, die gerade an ihrer Masterarbeit in Erwachsenenbildung schreibt, in Odessa am Schwarzen Meer. Dorthin waren ihre Großeltern vor den Nationalsozialisten geflohen. Aus ihrer einstigen Heimat in Berlin-Charlottenburg.

»Mit sechs Jahren bin ich nach Berlin gekommen. Mein Vater hatte hier Verwandte. Berlin ist wieder meine Heimat geworden«, sagt Zelener. Sie ist eine von zwölf jungen jüdischen Menschen, die derzeit mit ihren vielfältigen Migrationsbiographien in der Ausstellung »Babel 21« in der Stiftung Neue Synagoge-Centrum Judaicum porträtiert werden. Die Schau wurde von dem jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) kuratiert. Die meisten Porträtierten sind Stipendiaten sowie Alumnae der jüdischen Studierendenförderung.

Mit zahlreichen Texten und Bildern gruppiert sich die Ausstellung um die fünf Gedankenräume Familie, Migration, Heimat, Religion und Vielfalt. In Interviews erzählen die jungen Menschen aus ihrem Leben. Davon, wie sie nach Deutschland und Berlin gekommen sind, was sie hier machen, welche Wünsche und Ziele sie haben, wie sie zur jüdischen Gemeinde stehen oder auch ob sie regelmäßig in die Synagoge gehen oder gar nicht an Gott glauben.

Die Protagonisten stehen mit ihren Lebenswegen exemplarisch für die Internationalität und kulturell-religiöse Vielfalt, die jüdisches Leben hierzulande heute ausmacht. »Ich denke, dass die Ausstellung den Nerv der Zeit trifft. Gerade vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik ist das Thema Migration groß geworden. Berlin, Deutschland und auch die jüdische Community werden immer pluralistischer«, sagt Zelener und beschreibt damit die Kernthese der Ausstellung: Die jüdische Community ist heute eine international geprägte Einwanderungsgesellschaft, die nicht mehr nur mit der Schoah in Verbindung gebracht werden kann.

Die Ausstellung »Babel 21« ist in politischer und methodologischer Hinsicht etwas Neues. Unter Einbeziehung aktueller Migrationsströme und Fluchtbewegungen, kommen junge jüdische Menschen zu Wort, die dauerhaft in Deutschland leben und über ihre Herkünfte, Identitäten und über ihr jüdisches Selbstverständnis reflektieren.

»Ich bin von Brasilien nach Berlin ausgewandert. Ich gehöre der ersten Generation meiner Familie an, die wieder in Deutschland lebt und Deutsch spricht«, sagt Yan Wissmann. Der 25-Jährige ist im brasilianischen Belo Horizonte als Enkel von deutsch-jüdischen Emigranten geboren und aufgewachsen. Sein Uropa, Julius Wissmann und seine Uroma, Klärle Wissmann, geborene Kulb, sind Schoah-Überlebende.

Nachdem er 2013 ein Austauschjahr in Potsdam gemacht hatte, entschied sich Wissmann dafür, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Aktuell studiert er im Master Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Ökonomie am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. »Mein Opa fühlt sich innerlich bis heute deutsch, und irgendwie habe ich das geerbt«, meint Wissmann. Er freut sich, dass seine Schwester zusammen mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn inzwischen auch in Berlin lebt. Zusammen mit seinem Neffen geht Wissmann so oft es geht in die Synagoge in der Rykestraße in Prenzlauer Berg. »Es ist mir wichtig, dass auch mein Neffe seine jüdische Herkunft kennenlernt und pflegt. Deshalb versuche ich, ihm schon früh unsere Familiengeschichte zu erzählen«, sagt Wissmann.

Die Ausstellung läuft bis 26. Oktober, Stiftung Neue Synagoge-Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30.

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