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Durch die materialistische Brille

Uraufgeführt im Dom zu Halberstadt: Das Luther-Oratorium »Wachet recht auff!« von Ralf Hoyer und Kerstin Hensel

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Er habe große Lust gehabt an dieser Arbeit, sagt der 1950 in Berlin geborene und in Eberswalde lebende Komponist Ralf Hoyer. Über wenige Monate hinweg sei die Partitur in einem Zug entstanden. Das Thema Luther und Welt, originell, ernst-komisch, frech zur Sprache gebracht, habe die Ideen nur so sprudeln lassen. Sehr produktiv sei die Zusammenarbeit mit der Dichterin und Librettistin Kerstin Hensel gewesen. Die musikalische Grundstruktur sei Stück für Stück in enger Zusammenarbeit gewachsen, also Umriss und Reihenfolge der Arien, Chöre mit und ohne Orchesterbegleitung, die Soloauftritte, Duette, Terzette, Ensembles, Gemeindechor, Intermedien etc. Das Resultat: »Wachet recht auff!« - ein Oratorium zu Luther.

Ein Wurf die Partitur, sie ist auf große Kirchenräume mit langem Nachhall angelegt worden. Das Werk ist die erste große Arbeit des Komponisten. Beherzt umgesetzt, erzeugt sie in vielem starke Wirkungen, sodass die Uraufführung im vollbesetzten Dom zu Halberstadt zum Ereignis wurde, das die Annalen von Dom und Stadt auf Dauer zieren dürfte. Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten unter dem jungen Franzosen Aurélien Bello glänzten in nahezu allen Belangen. Kein besserer Raum als der im Dom ließ sich wünschen. Das Ensemble singt und musiziert im Kirchenschiff. Am anderen Ende oben die große Orgel, die auch solistisch hervortritt, unten der Posaunenchor, der Bläserechos zurückwirft.

Kerstin Hensel: »Wir wollten weder eine Luther-Lobpreisung machen noch eine Luther-Schmähung, sondern Welt und Leben des Reformators in Zusammenhänge stellen, die bis in die Gegenwart hineinreichen.« Assoziationen aktueller Art hätten sich beim Schreiben des Librettos wie von selbst ergeben. »Das Mittelalter mit dem 21. Jahrhundert zu vergleichen, ist natürlich eine schwierige Balance. Aber es gibt Fäden, die sich die Hand reichen.«

Das zehnteilige Libretto behandelt Gebet, Gottehre, Geist, Leib, Leben, Tod, Buße, Reue, Entsagung, Gnade, Erlösung gleichsam durch die materialistische Brille. Es zitiert, parodiert, ironisiert, baut Szenen, komische wie ernste oder beides in einem. Geschichtliche Hintergründe scheinen immer wieder durch. Auch die Satire hat ihren Ort, etwa wenn der Teufel die Szenerie betritt: »Mensch, Martin, lass uns auf einem Weinfass reiten.« Willst du nicht, dann haue ich dir das Tintenfass an den Kopf. Die beiden beharken sich wie Typen in einer Soap-Opera. Was den Reformator wurmte, womit er haderte, Situationen, in denen er mit sich selber kämpfte und mit seiner Umwelt, finden musikalische Entsprechungen.

Die Chöre sind mehrfach geteilt. Mit einbezogen ist ein Gemeindechor. Der singt aus dem Publikum an mehreren Stellen passende Stücke aus dem Evangelischen Gesangsbuch. Beispielsweise Melchior Vulpius’ »Hinunter ist der Sonnenschein, die finstre Nacht bricht stark herein.« Das Lied taucht zu Anfang im »WeltZeitBild« auf, in dem die Mutter Luthers aus dem Chor heraus von »vergifteten Weiden« singt und der Tenor die Zeile »Es ist die Zeit der Zauberey ... Der Junker Tod zählt seine Güter.«

Am Ende des Teils schreit der erste Chor: »Die Juden sind schuld! Die Hexen!«, darauf eine wilde E-Gitarren-Nummer nach Jimi Hendrix die Kirche in eine Rockbühne verwandelt. Anspielungen auf das Ungemach jetzt gibt es diverse. In »MachtStaatKirche« vokalisiert die Junge Nonne leise inbrünstig das »ewige Leben« und was sie dafür tun müsse, es zu erlangen. »Gott mit ganzem Herzen lieben, anbeten und dienen«, säuselt der Alte Mönch. Und wenn das Herz aussetzt, fragt Eine Frau? Was den Alten erzürnen lässt: »Hinweg! Schleich dich! Von dannen! Der Papst hält sein Wort/ Zwingen und Bannen!« Stichwörter, die Szenerie »Inquisition!« heftig pulsieren zu lassen, wo der Papst auftritt und von Fortschritt spricht, wenn die Glieder knacken, während Luther sich totlacht über eine Ziege, »die dem Sünder die nackten Füße leckt«.

Ralf Hoyers Musik ist stellenweise wie ein szenisches Oratorium komponiert, aus der die Oper schon rausguckt. Die drei Teile »Luther Leben« bringen Dialoge, Soloarien, Duette, Ensembles, eingeführt durch Sprechstimmen und den bis in höchste Höhen gehenden Evangelisten.

Den Figuren um Luther, wie sie nach sachtextlicher und poetischer Überlieferung sprachen, legt die Dichterin das Ihre in den Mund. Luther sprach in der Kirche anders als im kruden Leben, in Worms vor Kaiser und Papst anders als mit seiner Frau Katharina, mit dem Teufel anders als mit seinen Gegenspielern Erasmus von Rotterdam und Thomas Müntzer. Kurzum: Historische Syntax und Semantik nimmt sie auf und verfährt damit in den verschiedensten Tonlagen, die zugleich Tonlagen für die Musik sind. Ein ganzes Sprach- und Figurenkompendium tut sich auf. Das Präludium irritiert die Leute sogleich. Sprecher und Tenorstimme permutieren: »Was soll uns das? ... Das soll uns was?«

Müntzer und Luther seien »zwei Pole einer Haltung zur Lage der Weltveränderung« gewesen, sagt Kerstin Hensel. »Luther war sowohl Gott und dem Glauben wie den Fürsten zu Diensten in der Meinung, die Dinge wären verbesserungsfähiger, würden sich die Menschen nicht gegen die Fürsten stellen. Das ihn selber tragende System sollte unangetastet bleiben.« Relevant genauso jene musikalisch eindrucksvoll ausgestalteten Dialogpartien zwischen Luther und Erasmus. Der Mensch sei frei in seinen Handlungen, entfährt es Letzterem. Das, so Kerstin Hensel, sei eine sehr revolutionäre Haltung. Luther sei demgegenüber ein ängstlicher Mensch gewesen, der das, was er an Aufständen ausgelöst hatte, gar nicht wollte. Nicht er, die Alte Frau singt: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders«. Seit an Seit mit: »Tod! Der Junker Tod«. Katharina von Bora tritt in dem Oratorium als Hoffnungsträgerin auf. Sie, die das Bier braut, die Gäste bewirtet, die Tafeln herrichtet, sie hat die Hosen an. Sie schwärmt nicht von Gärten und Wald, sie will sie geschützt sehen.

Produzent Johannes Schönherr ermöglichte eine großartige Aufführung. Zusammen mit Ralf Hoyer konnte er erste Kräfte binden: glockenklar Sopranistin Mi-Seon Kim als Junge Nonne und Sarah van der Kemp als stolze Katharina. Hauptsächlich in hohen bis höchsten Lagen zeigte Johannes Grau als Evangelist sein Können. Nicht ganz so atemberaubend im Raum der junge Baritonist Robert Elibay-Hartog als Luther. Bassist Hubert Kowalczyk sang überzeugend den Alten Mönch und Weiteres. Als auch komische Tonfälle treffender Sprecher von Kanzel und Podium erwies sich Christian Steyer. Die Damen und Herren des Vocalconsorts Berlin (Einstudierung: Tobias Walenciak) holten Allermöglichstes aus sich heraus. Tobias Scheetz glänzte an der großen Orgel und dem Orgelpositiv. Neben der einschlagenden Rock-Einlage fielen auch die federleichten Begleitpartien des E-Gitarristen Daniel Göritz ins Gewicht. Das Ganze schließlich firmierte unter besagtem Aurélien Bello, der den großen Apparat souverän in der Hand hatte.

Am 23. September wird das Oratorium in der Stadtkirche Bayreuth aufgeführt.

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