PR-Gewitter zur Stahlfusion

ThyssenKrupp-Chef forciert seine umstrittenen Pläne zum Konzernumbau

Dunkle Gewitterwolken ziehen auf, kurz darauf jagen Blitze über den Himmel - mit einem dramatischen Video wirbt der Stahlkonzern ThyssenKrupp auf seiner Webseite für die umstrittene Fusion mit der Europasparte des indischen Weltmarktführers Tata Steel. Angesichts von Billigimporten und Überkapazitäten brauche es »Mut zur Veränderung«, wie es Konzernchef Heinrich Hiesinger mit ernster Stimme, aber optimistischem Blick verkündet. Man ergänze sich perfekt. Auch die Gewerkschafter werden umgarnt: »Wir wollen ein Unternehmen bauen, in das Mitarbeiter nicht nur ihre Erfahrung, sondern auch ihre Stimme einbringen«, sagt der smarte Sprecher aus dem Off. Das Wort »Mitbestimmung« prangt auf dem Bildschirm.

Das ungewöhnliche PR-Gewitter, ergänzt durch einen Brief Hiesingers an die Mitarbeiter, soll Gutwetter machen. Gewerkschafter, Betriebsräte, aber auch Politiker aus Bund und Kommunen in Nordrhein-Westfalen haben in den vergangenen Monaten vor Stellenabbau, Werksschließungen und Aushebelung der nur in Deutschland existierenden Montanmitbestimmung gewarnt, laut der der Aufsichtsrat je zur Hälfte mit Vertretern der Kapital- und der Arbeitnehmerseite bestückt sein muss. Dennoch machen die Unternehmen nun erste Nägel mit Köpfen: Sie unterzeichneten am Mittwoch eine Absichtserklärung, alle europäischen Stahlstandorte in einem Joint Venture zusammenführen zu wollen, an dem ThyssenKrupp und Tata Steel jeweils 50 Prozent halten sollen. Das Unternehmen soll den Namen ThyssenKrupp Tata Steel tragen und seinen Sitz in Amsterdam haben. Mit einem Umsatz von rund 15 Milliarden Euro wäre es die Nummer zwei in Europa hinter ArcelorMittal.

Insgesamt beschäftigen beide Unternehmen rund 48 000 Mitarbeiter an 34 Stahlstandorten in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden. 27 000 sind es bei ThyssenKrupp. Den Angaben zufolge sollen in den kommenden Jahren aufgrund von Synergieeffekten jeweils 2000 Stellen in der Verwaltung und in der Produktion abgebaut werden, ebenfalls hälftig verteilt auf die bisherigen Unternehmen. Die von Gewerkschaftsseite befürchtete Stilllegung von Produktionskapazitäten werde es zumindest vorerst nicht geben, wie Hiesinger auf einer Pressekonferenz in Essen mitteilte. Zwar gebe es in Europa rund 40 Millionen Tonnen jährliche Überkapazitäten, doch beide Unternehmen hätten längst Reduzierungen in die Wege geleitet.

Vor allem wollen die Beteiligten erst einmal abwarten, wie sich der Brexit genau auswirken wird, um dann flexibel regieren zu können. Von Bedeutung ist vor allem, ob und in welcher Höhe nach dem EU-Ausstieg der Briten Zölle den Handel zwischen der Insel und dem Kontinent sowie auch den mit der EU durch Abkommen verbundenen Drittstaaten gefährden könnten. Ferner braucht es Klarheit, wie es ab 2020 mit den Anti-Dumping-Maßnahmen der EU gegen China weitergeht.

Hiesinger war 2011 als ThyssenKrupp-Chef angetreten, um den angeschlagenen Schwerindustriekonzern umzukrempeln. Zahlreiche Verkäufe verlustträchtiger oder nicht mehr zum Kerngeschäft gehöriger Unternehmensteile hat er bereits über die Bühne gebracht. Ziel ist es, einen hoch rentablen Industriekonzern für Aufzüge, Anlagen und Autozulieferung auf die Beine zu stellen. Die Auslagerung der traditionell wichtigsten Stahlsparte im Ruhrgebiet mit ihren besonders kämpferischen Mitarbeitern ist dabei das Kernstück, aber auch der schwierigste Teil. Seit fast zwei Jahren verhandelt Hiesinger schon mit Tata Steel, das seinerseits vor allem seine britischen Standorte loswerden will und damit ebenfalls auf Kritik stößt. Nachdem es mittlerweile eine Einigung über die Auslagerung der milliardenschweren Pensionsfonds in Großbritannien gibt, scheint der Weg frei zu sein für das Joint Venture.

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Zunächst muss der ThyssenKrupp-Aufsichtsrat, der am Sonntag zusammentritt, grünes Licht geben. Da die Arbeitnehmerseite nach jetzigem Stand dagegenstimmen wird, könnte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch machen. Bisher wurden Konflikte im Unternehmen nie durch eine Kampfabstimmungen, sondern durch Kompromisse gelöst. Der Stahl-Betriebsrat hat sich zu Verhandlungen schon bereit erklärt. Minimalziel dürfte es sein, einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und auf Werksschließungen in den Joint-Venture-Vertrag aufnehmen zu lassen. Ähnlich äußerte sich jetzt auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

Neben der internen Abstimmung müssen noch die Wettbewerbsbehörden zustimmen, die das Vorhaben wegen der starken Marktposition genau prüfen dürften. Beobachter gehen deshalb davon aus, dass die Fusion nicht vor 2021 wirksam werden kann. Viel Zeit für neue Werbefilmchen.

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