Werbung

Eine Geste, ein Tor, zwei Trends

Die Freude der Augsburger Fußballer über den Sieg gegen RasenBallsport Leipzig trübt ausgerechnet ihr Kapitän

  • Von Maik Rosner, Augsburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Hinterher ging es sehr viel um eine Szene, die mit dem Spiel nur insofern zu tun hatte, weil sie kurz vor dem Abpfiff zu beobachten war. Genau genommen rückte eine Handbewegung in den Mittelpunkt, von der Männer eigentlich gerade dann absehen, wenn sie nicht allein sind. Nun aber waren 26 113 Zuschauer und viele Kameras zugegen, als Augsburgs Kapitän Daniel Baier seine rechte Hand vor seiner Fußballerhose hin und her bewegte. Und weil er diese Geste an Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl adressierte, hatte der 1:0-Sieg des FC Augsburg durch das Tor von Michael Gregoritsch aus der vierten Minute ein Thema gefunden, das den sportlichen Teil des Dienstagabends überlagerte - und für Baier noch eine Sperre nach sich ziehen könnte. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes leitete am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren ein.

Gefolgt war der Geste nach dem Schlusspfiff ein Wortgefecht zwischen Hasenhüttl und Baier, nach dem RB-Trainer davon absah, eben jene rechte Hand des Augsburger Mittelfeldspielers zu schütteln, die die Aufregung ausgelöst hatte. Auch einen späteren Entschuldigungsversuch von Baier sollen die Leipziger abgewiesen haben. Er habe sich »hinreißen lassen«, räumte der 33-Jährige ein, sich daneben benommen zu haben. Hasenhüttls Wortmeldungen aus der Coachingzone zu Augsburger Aktionen und Schiedsrichterentscheidungen sollen dazu beigetragen haben. Am Mittwoch entschuldigte sich Baier dann auch noch ganz offiziell. Er sei zu der Erkenntnis gekommen, »dass ich meiner Vorbildfunktion als Kapitän des FCA nicht gerecht geworden bin«, schrieb er bei Instagram über seine »sinnlose Geste«.

In den Hintergrund gerieten durch diese Debatte die sportlichen Eindrücke, die zwei Trends manifestiert hatten. »Es ist uns nicht gelungen, den Riegel zu knacken«, sagte Hasenhüttl. Er trug das auch deshalb zerknirscht vor, weil er dies nach bisher sieben Punkten nicht erstmalig bilanzieren musste. »Wir müssen mal wieder zu Null spielen und vorne zwingender«, ergänzte Kapitän Willy Orban. Die Leipziger scheinen nach der zweiten Niederlage sowie nach den vorherigen Unentschieden in der Champions League gegen Monaco (1:1) und in der Liga gegen Mönchengladbach (2:2) zu ahnen, vor welchen Herausforderungen sie in ihrer zweiten Saison nach dem Aufstieg stehen. Zumal sie sich nun durch englische Wochen hangeln müssen, was Hasenhüttl in Augsburg mit gleich neun neuen Spielern in der Startelf versuchte. Ergebnis war ein stockender Kombinationsfluss.

Die Augsburger bestätigten ebenfalls ihren Trend - und dieser hat sie nach drei Siegen in Serie gerade ungefähr in jene Rolle gebracht, die in der Vorsaison die Leipziger eingenommen hatten. Mit zehn Punkten aus fünf Spielen hatte sich der FCA am Dienstagabend in der Tabelle hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund auf dem dritten Platz einsortiert. »Schon eine Sensation« sei das, sagte Trainer Manuel Baum stolz, »wir werden einen Screenshot machen, aber das war’s dann auch.«

Der erstaunliche Höhenflug freut die Augsburger auch deshalb diebisch, weil sie vor der Saison als Absteiger Nummer eins eingeschätzt worden waren. Nun haben sie sich zumindest vorerst als Überraschungskandidat Nummer eins etabliert, obwohl sie in der Etattabelle unten stehen. »Meistens schießt Geld zwar Tore, aber es gehört mehr dazu«, sagte Baum und verwies auf den Teamgeist, was beinahe als Spitze gegen Leipzig durchging. Erstaunlich ist der Augsburger Zusammenhalt auch deshalb, weil die Kaderarchitektur von Manager Stefan Reuter kritisch beäugt worden war. 33 Profis stehen beim FCA unter Vertrag, die mit Abstand meisten in der Liga.

Doch der vermeintliche Nachteil der drohenden Unruhe entpuppt sich bisher als Vorzug. Baum kann seine Mannschaft immer wieder behutsam durchmischen, und offenbar versteht er es geschickt, die große Belegschaft bei Laune zu halten. »Wir sind eine super Einheit«, sagte Zugang Gregoritsch nach seinem ersten Tor für den FCA. In der Tat wirkten die kompakten Augsburger mit ihrem schnellen Umschaltspiel homogener als die durchrotierten Leipziger, die mit einem ähnlichen Stil in der Vorsaison den zweiten Platz erobert hatten. Die Augsburger Spieler hatten vor dieser Saison ihre Ziele schriftlich festgehalten, und schon damals hatten sie sich mehr vorgenommen als die Versetzung.

Nun fühlen sie sich in ihrer selbstbewussten Einschätzung bestärkt. »Die zehn Punkte entsprechen auch den Leistungen«, befand Baum. Offizielle Zielkorrekturen sind aus Augsburg vorerst aber nicht zu erwarten. Die zehn Punkte, gemeinhin ein Viertel der nötigen Ausbeute, »haben uns schon einen Schritt Richtung Klassenerhalt machen lassen«, sagte Baum. Sie wissen aus Erfahrung aber auch, dass sie in ihrem siebten Bundesligajahr »nicht auch nur ansatzweise locker lassen dürfen«, wie es Reuter formulierte. »Wir müssen nur klar bleiben«, sagte er. Baier war das nur mit seiner Geste nicht gelungen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen