Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Der Bühnenchristus

Nick Cave wird 60. Reinhard Kleist feiert den Musiker in einem 300-seitigen Comic-Wälzer ab

  • Von Waldemar Kesler
  • Lesedauer: 4 Min.

Dies ist keine Biografie. Das sollte man wissen, wenn man »Nick Cave - Mercy on me« in die Hand nimmt. Der Berliner Zeichner Reinhard Kleist vermengt schlaglichternde Impressionen aus dem Leben des australischen Singer-Songwriters, Autors und Schauspielers mit Illustrationen zu dessen Songs. So ging Kleist schon in »I See A Darkness« vor, seinem 2006 erschienenen Band über Johnny Cash.

Die Frage ist, ob eine grafisch ambitionierte Biografie nicht per se ein Werk visueller Kunst ist und als solches vom Anspruch befreit ist, eine auch nur annähernd wirklichkeitsgetreue Lebensdarstellung liefern zu müssen. Bei Reinhard Kleist haben Leser keine andere Wahl, als diese Frage mit einem Ja zu beantworten, sonst sind sie an der falschen Adresse.

Dieser Ansatz passt ausgezeichnet zum Selbstverständnis von Nick Cave. Der Musikjournalist und Cave-Biograf Max Dax schreibt in seinem Vorwort zum gleichzeitig erschienenen Artbook »Nick Cave And The Bad Seeds«, das vorbereitende Zeichnungen und Charakterskizzen von Reinhard Kleist enthält: »Von Anfang hat Nick Cave seine eigene Karriere als zu erzählende Geschichte begriffen, als Legende.«

»Mercy on me« zeigt also, wie sich Cave gleichermaßen in seinem Leben und in seinen Song inszeniert. Reinhard Kleist sucht keine Distanz. Sein Band stellt sich ganz in den Dienst der Pose, in die sich Nick Cave vehement wirft. Dax zufolge berichten Caves Freunde übereinstimmend, dass er seit jeher seine Starallüren auslebte, sobald sich Außenstehende zu ihnen gesellten. Dies könnte man als dokumentarischen Zug an Kleists Graphic Novel betrachten: Nick Cave geriert sich konsequent als »Prince of Darkness«, der am drögen Mittelmaß der Normalität verzweifelt, als Schmerzensmann, der die Poesie über die Realität stellt und dafür auch den eigenen Untergang in Kauf nehmen würde.

Reinhard Kleists expressive Schwarzweiß-Tuschezeichnungen führen unmittelbar in die Welt des Caveschen Pathos ein. Als sich Cave in den Achtzigern in seinem Kreuzberger Zimmer mit Heroin einen Schutzwall baute, hinter dem er in den Fantasiewelten seines eigenen Romans versinken konnte, ist es bei Kleist Tinte, die er sich spritzt. Auf einem ganzseitigen Bild verteilt sie sich in seinem Körper wie ein dunkles Geäst, während die vor ihm im Zimmer herumliegenden Manuskriptseiten und seine Arme ineinander übergehen, als ob die beschriebenen Seiten das Wurzelwerk des Körpers bilden würden, das ihn überhaupt noch mit der Welt verbindet.

Das ist sehr stark, aber solchen Zeichnungen stehen andere gegenüber, die harter Kitsch oder sogar unfreiwillig komisch sind, so wenn Caves Muse Anita Lane als Nixe auf rauer See auf ihren irrlichternden Kapitän Nick wartet, er ihr als Astronaut einen Brief als Papierflieger auf die Erde schickt, wo sie in romantischer Landschaft gerade Wäsche aufhängt, oder wenn Nick Cave vor der monumentale Christusstatue Cristo Redentor in Rio steht wie ihr kleiner, aber nicht minder bedeutender Bruder, der Bühnenchristus.

Das Problem mit dieser Art des Künstlerporträts ist, dass darin keine Persönlichkeit sichtbar wird, für die man sich auch dann interessieren könnte, wenn man nicht unbedingt ein Hardcore-Fan der Musik ist. Caves Attitüde geht in »Mercy on me« nämlich nicht über das wenig originelle »Ihr könnt mich alle mal«-Außenseitergehabe hinaus. Der narrative Wert von Kleists Künstlercomic tendiert dementsprechend gegen Null. Es ist eine avancierte Form des Fanzines, das von Fans für Fans gemacht wird. Für alle Nicht-Jünger hat das Buch keine Relevanz, aber diesen Anspruch erhebt es auch gar nicht. Es geht schlicht nicht darum, was Nick Cave als Musiker oder als Autor auszeichnet, weil das für Fans selbstevident ist.

Die unablässige Selbstdarstellungsnummer ist aus einer Außenperspektive allerdings bloß ermüdend. Wenn das Buch überhaupt etwas vom Leben Nick Caves preisgibt, der an diesem Freitag 60 Jahre alt wird, dann, wie er zum Opfer seines eigenen Legendenanspruchs geworden ist. Der Titel hätte von daher eher sein sollen: »Mein Leben als wandelndes Plattencover«.

Reinhard Kleist: Nick Cave. Mercy on me. Carlsen, 328 S., geb., 24,99 €.

Reinhard Kleist: Nick Cave & The Bad Seeds. Ein Artbook. Carlsen, 96 S., geb., 24,99 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln