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Alltäglicher Umfragenwahnsinn

Viele Medienangebote haben Probleme im richtigen Umgang mit Ergebnissen der Meinungsforschung, so eine Analyse zur NRW-Landtagswahl

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sie gehören zu jeder Wahl wie die Plakate der Kandidaten an den Laternenmasten: Umfragen. In den letzten Wochen vor der Bundestagswahl vermelden die verschiedenen Meinungsforschungsinstitute fast täglich, wie die Bürger wählen würden, wenn heute Bundestagswahl wäre. Allein seit Wochenbeginn gaben die bekannteren Institute (Allensbach, Forsa, GMS, INSA) insgesamt vier neue Wasserstandsmeldungen ab. Journalistisch wird dabei oft jeder kleinen Veränderung in den Stimmenanteilen der Parteien eine Bedeutung beigemessen. Da reicht es für eine Überschrift wie »Wenige Tage vor der Wahl - Union verliert, FDP legt zu« (Welt.de) bereits aus, wenn die Grundlage der Meldung auf eine Veränderung von jeweils nur einem Prozentpunkt zurückgeht. Immerhin erwähnt Welt.de am Ende seines Textes, dass die statistische Fehlertoleranz dieser Umfrage bei 2,5 Prozentpunkten liegt.

Ein Umstand, der alles andere als der Normalfall sein soll, sagen Studierende der TU Dortmund als Ergebnis ihrer Untersuchung im Rahmen eines datenjournalistischen Seminars. Dafür haben sie 800 Artikel aus überregionalen und regionalen Medien, darunter »Welt«, »Zeit«, »Süddeutsche«, der »Express« und »Kölner Stadt-Anzeiger«, zu den NRW-Landtagswahlen 2012 und 2017 analysiert und ihren Fokus auf den journalistischen Umgang mit Umfragen gelegt. Eine Maßgabe war unter anderem, ob sich die Berichterstatter an die Vorgaben des Pressekodexes halten. Dieser stellt zum Thema Meinungsforschung unmissverständlich klar: »Bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen teilt die Presse die Zahl der Befragten, den Zeitpunkt der Befragung, den Auftraggeber sowie die Fragestellung mit.«

Während die geforderten Basisinformationen in der eingangs erwähnten Welt.de-Meldung allesamt enthalten sind, sei dies laut Analyse in keinem einzigen Beitrag zur NRW-Wahl der Fall gewesen. Doch offensichtlich geht der Umgang mit Umfragen sogar noch oberflächlicher: »In mehr als drei Viertel der Fälle werden diese nicht einzeln beziehungsweise namentlich besprochen, sondern es ist nur von ›den Umfragen‹ die Rede.«

Per se negativ sei dies nicht, wenn fünf oder sechs etablierte Umfrageinstitute dadurch zusammengefasst würden, die alle den gleichen Trend messen, sagt Frank Vollmer, Politikredakteur der Rheinischen Post. Ingo Kalischek von der »Neuen Westfälischen« widerspricht dieser Haltung im Interview, das Teil der Analyse der Dortmunder Studierenden ist. Eine Verkürzung in der Überschrift sei noch in Ordnung, im eigentlichen Haupttext wirbt er aber »für Transparenz im Umgang mit Umfragen«.

Wissenschaftlich umstritten ist, welchen Effekt Umfragen auf den einzelnen Wähler haben können. Während die Theorie vom »Mitläufereffekt« behauptet, »dass Menschen eher dem vermeintlichen Gewinner, also den großen Parteien, ihre Stimme« geben, geht der »Underdog-Effekt« vom exakten Gegenteil aus. Kleine Parteien, die mit der Fünf-Prozent-Hürde kämpften, würden demnach »Mitleidsstimmen« erhalten. Zweifelsfrei bewiesen ist bisher keiner dieser Effekte.

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