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Klassenkampf im Klassenzimmer

Durch Spenden, Sonderbeiträge und Eigenarbeit finanzieren Eltern Schule mit - weil der Staat zu wenig in das Bildungssystem investiert.

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 5 Min.

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Am ersten Elternabend nach den Sommerferien ist Zahltag. Die Klassenlehrerin macht die Rechnung auf: 20 Euro Kopiergeld pro Kind, 30 Euro Zuschuss für die kommende Exkursion, 10 Euro für Arbeitsmaterialien wie Pinsel, Zirkel oder Stifte. Beim nächsten Treffen, kündigt sie schon mal vorsorglich an, werde für den Erdkunde-Atlas kassiert, 45 Euro. Der Unterricht läuft erst seit ein paar Wochen, aber schon ist jede Familie einen Hunderter los, bei mehreren Schulkindern auch schnell zwei oder drei. Ist das die »Lernmittelfreiheit«, von der die für Bildung zuständigen Bundesländer gerne sprechen?

In deutschen Schulklassen sitzen die Eltern stets unsichtbar mit auf den Bänken. In seinem Buch »Du bleibst was du bist« schilderte 2015 der aus einfachen Verhältnissen stammende Münchner Autor Marco Maurer eindrücklich, warum hierzulande immer noch die soziale Herkunft über Schulerfolg und berufliche Karriere entscheidet. Auch wissenschaftliche Studien haben immer wieder belegt, dass die Bildungschancen eines Kindes in Deutschland direkt von seinem familiären Hintergrund abhängen - mehr als in den meisten europäischen Staaten.

Das ständige Anzapfen elterlichen Ressourcen ist Teil dieses Problems. Denn wenn es um Förderverein oder Klassenkasse geht, gehen die Beteiligten erstmal davon aus, dass alle die gleiche Summe bezahlen. Mal eben 100 Euro auf den Tisch zu legen fällt einem Ingenieur oder einer Unternehmensberaterin allerdings erheblich leichter als einem Supermarktkassierer oder einer Altenpflegerin. Die Zuzahlungen verschärfen die soziale Spaltung im Bildungssystem. Der Kassenkampf im Klassenzimmer kann dazu führen, dass einkommensschwache Eltern sich gegen ein »teures« Gymnasium für ihr Kind entscheiden.

Zugegeben, viele Schulen gerade in von Armut und Migration geprägten Wohngebieten gehen durchaus sensibel mit dem Thema um. Häufig gibt es Rabatte für Geringverdiener oder reduzierte Beiträge im Förderverein, dessen Mitgliedschaft zudem höchstens moralisch verpflichtend ist. Lobenswerte Ausnahmeregelungen ändern aber nichts daran, dass sich die Bezieher staatlicher Sozialleistungen durch die ständige Bitte um Geld überfordert fühlen. Viele schämen sich ohnehin für ihre Lage und zahlen lieber die volle geforderte Summe, als sich als Bedürftige zu outen.

Nicht nur der einmalige Kauf von Atlanten zu Schuljahresbeginn wird auf die Eltern abgewälzt. In diversen Bundesländern, übrigens unabhängig von der Parteizugehörigkeit der jeweiligen Regierungschefs, werden Eltern auch für andere Lehrwerke mit einem anteiligen Obolus zur Kasse gebeten. Immer stärker verbreitet sind zum Beispiel die sogenannten Arbeitshefte. Es handelt sich um gedruckte Sammlungen mit Übungsmaterial, mit denen die Kinder Aufgaben lösen und sich zu Hause auf schulische Tests vorbereiten können. Während Lexika, Taschenrechner oder Malkästen meist viele Jahre lang im Gebrauch bleiben, müssen Eltern für diese Hefte jedes Jahre aufs Neue zahlen. Das ist profitabel für die Schulbuchverlage und praktisch für die Bildungspolitiker, weil sie gleichzeitig weiterhin die »Lernmittelfreiheit« hochhalten können. Denn Arbeitshefte zählen in den meisten Bundesländern, außer in Hamburg und Sachsen, nicht als Lernmittel, sondern lediglich als eine pädagogisch wertvolle Ergänzung. Nice to have also - aber leider mit sozialem Spaltpotenzial.

Eltern tragen wesentlich dazu bei, dass das System Schule überhaupt funktioniert, und diese Unterstützung beschränkt sich keineswegs auf finanzielle Gaben. Stillschweigend wird zum Beispiel davon ausgegangen, dass Referate auf heimischen Rechnern geschrieben und dort auch ausgedruckt werden. In den allermeisten Schulen stehen die entsprechenden Geräte schlicht nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Selbstverständlich erwartet wird auch der persönliche Arbeitseinsatz der Eltern - bei der Kontrolle der Hausaufgaben oder der Vorbereitung von Prüfungen.

Private Infrastruktur und privates Engagement müssen ausgleichen, dass die Politik zu wenig in die Bildungsinstitutionen investiert. Die Schulen sind gezwungen, regelmäßig an das Geld der Eltern heranzukommen, wenn sie ihre Aufgaben erfüllen wollen. Ohne die Spenden des Fördervereins besteht die Gefahr, dass Ausflüge, Schwimmbadbesuche, Klassenfahrten oder Austauschprogramme ausfallen. Kinder rennen bei Sponsorenläufen um die Wette, jeder zusätzliche Kilometer bringt zusätzliche Euros aus den Familienkassen. Wenn an den Wänden der Putz bröckelt, kommen keine staatlich beauftragten Handwerker, sondern motivierte oder gar entsprechend qualifizierte Eltern, die am Wochenende in Eigenarbeit die Räume ausbessern. Material bitte selbst mitbringen, heißt die dringliche Aufforderung beim Elternabend.

Ein anderes Beispiel: Klassenzimmer ohne Schränke sind nicht besonders praktisch. Der fehlende Stauraum führt dazu, dass Kinder ihre »Lernmittel« ständig hin und her tragen müssen. Also auf zum nächsten Einrichtungshaus. Vorher wird gesammelt, 35 Euro anteilig pro Kind. Am Samstagmorgen fahren Familien-Vans oder eigene Transporter zu Ikea. In der Schule angekommen, laden die Eltern gemeinsam aus und schrauben die Möbel zusammen. Ein Journalistenkollege, der diese Geschichte kürzlich im »Kölner Stadtanzeiger« berichtete, hat die »Aktion Schränke« in der Klasse seines Kindes verweigert - und wählte einen interessanten Vergleich. »Es hat sich angefühlt, als klopfte die Polizei an die Tür und verlangte: Liebe Leute, wenn wir euch schützen sollen, dann gebt uns doch mal 25 Euro für Munition. Und liegt irgendwo noch ein Schlagstock herum? Den könnten wir dann auch noch gebrauchen.«

Ehrenamtliches Engagement ist lobenswert und sollte gesellschaftlich wertgeschätzt werden. Man muss es sich aber aussuchen können. Wenn Eltern in der Schule aushelfen, kann das sogar einen sozial ausgleichenden Effekt haben. Ein handwerklich versierter Hartz-IV-Empfänger bekommt für seine Arbeit beim Renovieren vielleicht die Anerkennung, die ihm ermöglicht, ohne Scham den Sondertarif beim Büchergeld oder bei der Klassenfahrt anzunehmen. Väter und Mütter sollten sich jedoch nicht einspannen lassen, wenn sich der Staat aus der Verantwortung stiehlt. Allzu viele Bildungseinrichtungen in Deutschland, ob Kitas, Schulen oder Universitäten, sind in einem desolaten räumlichen Zustand und unzureichend ausgestattet. Das zu ändern ist die Aufgabe jener Politiker, die ständig von der »Schwarzen Null« reden - und nicht die der Eltern.

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