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»Wir werden die Liga auffrischen«

Erfurt ist der dritte Ostklub in der Basketball-Bundesliga. Er verspricht Stimmung und will nicht gleich absteigen

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

In einer Woche werden zum ersten Mal drei Klubs aus dem Osten in der Basketball-Bundesliga mitspielen. Rechnet man Alba Berlin noch dazu, wären es sogar vier. Wie ist der Aufschwung zu erklären?
Er hat viele Gründe. All diese Vereine haben vor allem ihre strukturelle Professionalisierung vorangetrieben, und das nicht nur im Profibereich, sondern auch beim Nachwuchs. Das Ergebnis erleben wir jetzt mit den drei Ostklubs in der ersten Liga. Das vierte Team schickt sich auch schon an, uns zu folgen: Die Niners aus Chemnitz sind ja im letzten Jahr im Finale um den Aufstieg erst an uns gescheitert, haben aber eine sehr interessante Mannschaft. Die werden sicherlich auch in dieser Saison wieder um den Aufstieg mitspielen.

Was genau fehlte vor zehn Jahren noch, das sich jetzt positiv verändert hat?
Basketball hat im Osten noch keine allzu lange Tradition. Unser Klub zum Beispiel wurde erst 1998 gegründet. Er ist also nicht mal 20 Jahre alt. Diese Entwicklung ist also erstaunlich, denn die Strukturen mussten schnell ausgebaut werden. So wie wir haben es auch Jena und der Mitteldeutsche BC gemacht. Die BBL verlangt auch einiges: In der Geschäftsstelle müssen hauptamtliche Mitarbeiter tätig sein. Wir müssen einen Jugendkoordinator unter Vertrag haben, und auch die Hallen müssen gewisse Standards erfüllen. Das hat irgendwann Früchte getragen.

Wo hapert es denn noch?
Wir müssen noch mehr Sponsoren gewinnen. Wir sind froh, dass wir mit der Oettinger Brauerei einen großen Partner an unserer Seite haben. Wir wissen aber auch, dass nur ein einziger großer Partner auf Dauer nicht gesund sein kann. Ansonsten sind wir bei unserer Mitarbeiterstruktur und der Jugendarbeit schon auf einem sehr guten Weg. Wir haben sechs fest angestellte Jugendtrainer, die betreuen mit den anderen Vereinen zusammen pro Woche fast 700 Jugendliche. Aber man muss sich auch nichts vormachen: Im Profisport brauchst du Geld, um Dinge umzusetzen.

Gibt es denn auch einen Fanboom in der Region?
Ich glaube, es wird vor allem bei den Derbys eine hervorragende Atmosphäre geben. Die Leute sind alle total begeistert. Unsere Fans sehe ich jede Woche, und die werden die BBL auffrischen. Wir werden die Liga sicher auch ein Stück aufwerten, was die Stimmung in den Hallen betrifft.

Wie schwierig ist es, gute Spieler, die von den Rockets vorher noch nie gehört haben, nach Erfurt zu locken? Mehr Geld als anderswo können sie ja nicht bieten.
Wir haben mit Sportdirektor Wolfgang Heyder und Trainer Ivan Pavic zwei prägende Figuren des Basketballs der vergangenen 20 Jahre. Heyder steht dafür, eine Entwicklung erfolgreich voranzutreiben. Er war 15 Jahre Geschäftsführer in Bamberg und hat dort sechs Meistertitel gewonnen. Pavic förderte in Baunach junge Leute und stieg mit ihnen in die Pro A auf (zweithöchste deutsche Liga, Anm. d. Red.). Solche Leute sind unser Faustpfand. Sie sind ein Grund dafür, dass junge deutsche Spieler mit Talent jetzt zu uns gekommen sind. Die sagen: »Hier passt die Perspektive, hier bekomme ich Spielzeit unter einem guten Trainer, der auf uns setzen will.«

Ist das auch Ihr Konzept, auf deutsche Talente zu setzen?
Ja, wir haben nach einer klaren Identität gesucht, mit der wir in die Bundesliga gehen wollten. Wir wollten so auch eine Identifikation der Zuschauer mit der Mannschaft erreichen. Viele junge Spieler haben sicher auf viel Geld verzichtet, als sie bei uns unterschrieben haben. Aber mit der Sicherheit, mehr Spielzeit und viel Vertrauen von uns zu bekommen, sind sie motivierter und geben uns auch etwas zurück.

Nun fehlen aber kurz vor dem Saisonstart fünf verletzte Stammspieler. Wie wollen Sie die ersetzen?
Unser belgischer Nationalspieler Retin Obasohan ist auch erst am Dienstag wieder ins Training eingestiegen. Ansonsten werden Johannes Richter und Dino Dizdarevic, übrigens zwei dieser jungen deutschen Spieler, noch bis Mitte Oktober mit Fußverletzungen ausfallen. Dazu kommen dann Sava Lesic, Jan Niklas Wimberg und Dane Watts, die uns sogar drei bis vier Monate fehlen werden. Für sie werden wir sicherlich ein oder zwei Spieler nachverpflichten, mit der Option, deren Verträge nach den drei Monaten auch zu verlängern. Zusätzlich einfach zwei Ausländer für ein ganzes Jahr einzukaufen, gibt unser Budget aber nicht her.

Wie sind die sportlichen Ziele für die Saison - trotz der aktuellen Misere?
Natürlich wollen wir die Klasse halten. Wir sind überzeugt, dass es klappen kann. Die Ausfälle sind etwas ernüchternd, aber wir jammern nicht. Selbstverständlich wäre ein direkter Wiederabstieg nicht schön für uns, aber die Welt würde davon auch nicht untergehen.

Die Spitzenvereine der Liga regen sich gerade über die neuen Länderspielfenster im November und Februar auf. Dahinter steckt ein Streit zwischen dem Weltverband FIBA und der privat organisierten Euroleague. Bamberg soll Euroleague spielen, wenn die WM-Qualifikation ansteht, und hat schon angedeutet, seine Nationalspieler nicht abzustellen. Dasselbe gilt vermutlich für EM-Akteure wie Johannes Voigtmann, die im Ausland aktiv sind. NBA-Profis werden sowieso nicht dabei sein. Könnte es sein, dass der neue Bundestrainer Henrik Rödl plötzlich bei Ihnen anruft?
So abwegig ist das gar nicht. Ein paar Spieler kämen schon infrage. Andreas Obst hat im Sommer bei der Universiade erfolgreich in der A2-Nationalmannschaft gespielt. Wir hätten in der Zeit keine Spiele, so dass die Jungs das sicher als Zugabe sehen würden. Generell ist die Situation, dass noch immer keine Klarheit zwischen den Verbänden herrscht, aber absolut ernüchternd und erniedrigend.

Thomas Fleddermann ist Manager der Oettinger Rockets. Der aus Gotha stammende Aufsteiger, der seine Heimspiele in Erfurt austrägt, bildet mit Science City Jena und dem Mitteldeutschen BC erstmals ein ostdeutsches Dreieick in der Basketball-Bundesliga (BBL). Der 32-Jährige sprach eine Woche vor Saisonstart mit Oliver Kern über den Ostboom des Sports, eine lange Verletztenliste und die Möglichkeit, bald sogar Nationalspieler zu stellen.

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