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Das ist unser Haus

Bei der Besetzung der Berliner Volksbühne geht es um mehr als die neue Intendanz

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eine Erkenntnis ist oft nur so viel wert wie die Konsequenzen, die man aus ihr zieht. In dieser Hinsicht machten die Gegner der neuen Leitung der Berliner Volksbühne bisher nicht die beste Figur. Zweieinhalb Jahre lang fliegen nun schon verbal die Fetzen. Im Frühjahr 2015 hatte die SPD die Absetzung des heiß geliebten Intendanten Frank Castorf durchgesetzt und den Kulturbürokraten Chris Dercon als neuen Chef angekündigt.

Seitdem wird auf Podien, am Kneipentisch, in Zeitungen und im Internet gestritten und verteidigt, gepöbelt und verspottet, getrauert und verschwurbelt. Noch aber schlug niemand vor, was denn nun genau zu tun wäre. Das änderte sich am Freitag schlagartig. 100 Aktivisten und Künstler betraten am späten Nachmittag die Räume der Volksbühne, richteten sich mit Schlafsäcken für einen längeren Aufenthalt ein, entrollten an der Außenfassade ein Banner mit der Aufschrift »Doch Kunst« und erklärten das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz für »besetzt«. Sie nennen ihre Aktion in Anspielung auf eine US-amerikanische Atombombe »B 61-12«.

Die Spielstätte, so sagte eine Sprecherin bei einer Pressekonferenz, soll ein »Anti-Gentrifizierungszentrum« werden. Dafür wollen die Aktivisten einen Alternativspielplan entwickeln und die Volksbühne zu einem »Theater für alle« machen. 48 Menschen seien seit Monaten an der Planung der Aktion beteiligt gewesen. Sie wollen nicht namentlich auftreten. Bestätigt haben Beteiligte aber, dass Studenten der Berliner Beuth-Hochschule für Technik ebenso dabei sind, wie Hendrik Sodenkamp, der als Assistent des langjährigen Volksbühnen-Chefdramaturgen Carl Hegemann arbeitete.

Nachdem die Gruppe die Anwesenden mit all diesen Informationen versorgt hatte, verzog sie sich in den Roten Salon zu einer 60-Stunden-Party. Dort musste wegen des Andrangs in der Nacht zum Sonntag ein Einlassstopp verhängt werden. Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) konnte aber noch vorbeischauen. Die Personalie des Volksbühnen-Intendanten musste er von seinem Amtsvorgänger Tim Renner (SPD) übernehmen. Lederer lässt keine Gelegenheit aus, um öffentlich gegen seinen Angestellten Dercon zu stänkern.

Offenbar hat er zugleich Angst vor dem Koalitionspartner SPD, denn er verurteilte über Facebook die Besetzung mit einem ungelenken Sampling eines Satzes von Rosa Luxemburg: »Kunstfreiheit ist immer auch die Kunstfreiheit der Andersperformenden.« Ein Problem, das der wütende Politiker übersehen zu haben scheint: Wären die Aktivisten nicht dort, dann würde in der Volksbühne derzeit niemand »performen«. Die ersten Veranstaltungen der Dercon-Leute sind erst für November angesetzt.

Die Hausherren ließen ihren Pressemann Johannes Ehmann am Samstag mitteilen, man habe mit den Besetzern ergebnislos verhandelt. Von einer polizeilichen Räumung ist noch nicht die Rede. Allerdings sei aktuell der Probenbetrieb gefährdet. Auch von Programmdirektorin Marietta Piekenbrock ist ein Satz überliefert. Sie giftete via »FAZ« auf dem Weg zu einer Theaterpremiere in Graz, die Aktivisten wollten »unbedingt hässliche Bilder produzieren«.

Dabei geht es den Besetzern nicht in erster Linie um Dercon oder Piekenbrock. Aus ihrer Sicht ist der Wandel an Berlins umkämpftem Theater ein prominentes Symptom für den politischen Weg, den diese Stadt eingeschlagen hat. Kann heute irgendwer die Volksbühnendebatte noch als Nischenthema abtun? Der neue Boss und sein Gefolge befinden sich seit September im Amt. Bisher erfüllen sie von der Vernebelung des Programms bis zur Brutalisierung der Arbeitsbedingungen alle Befürchtungen (»nd« berichtete).

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Renner hätten Chris Dercon die Leitung beinahe jedes anderen Theaters dieser Stadt anvertrauen können. Er wäre von der Schauspielszene belächelt und von der Tanzszene mit Kusshand empfangen worden. Die Volksbühne aber wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als proletarisches Theater mit Arbeitergroschen errichtet. Zwar zieht es seit Jahren kaum mehr Menschen ohne Universitätsabschluss an. Es blieb jedoch eine Oase des Widerständigen. Das klingt altbacken und pathetisch – aber es stimmt. Dass dort jetzt ein Manager das Zepter schwingt, der mit einer künstlerischen Nonsensagenda die schwelenden Konflikte dieser Gesellschaft in Wohlgefallen auflösen will, kommt für Kritiker der Stadtentwicklung genau zur richtigen Zeit.

Denn mit der Volksbühne haben die sprechenden Aktenordner nicht nur einen ursprünglich proletarischen Ort gekapert. Nein, sie haben sich auch ein Theater gekrallt, das gerade jenen ästhetisch überlebenswichtig erscheint, die bislang noch nicht der Stadtvergoldung zum Opfer gefallen sind. Für die Aktivisten ist das eine Chance, ihre seit Jahren wiederholten Warnungen und Forderungen endlich einmal an die große Hochkulturglocke zu hängen.

All die sogenannten einfachen Leute, die im Zeitalter der Industrialisierung vom Land in die Städte geprügelt wurden, müssen sich in einem schleichenden Prozess des Mietpreiskletterns von den Wohlhabenden gewaltsam wieder aus den Metropolen vertreiben lassen. Innerhalb der Stadt gibt es immer weniger Räume, in denen sich jenes bunte Gemeinwesen noch entfalten kann, das Berlin überhaupt erst so attraktiv gemacht hat.

Fast alle großen Medien kommentierten die Aktion am Wochenende. Im »Tagesspiegel«, der sich zum Sturmgeschütz der Dercon-Fans entwickelt hat, schimpfte Hannes Soltau auf »provinzialistische Gentrifizierungsgegner«. Simon Strauß mutmaßte in der »FAZ«: »Die Inneneinrichtung soll zerstört worden sein.« Und bei »Spiegel Online« rief Hannah Pilarczyk zur Entspannung auf. Letztlich sei das doch nur ein Happening gelangweilter Junggroßstädter. Dafür sprächen auch das geringe Polizeiaufkommen und die Ruhe der Beamten.

Ob die Aktivisten nun bereits nach wenigen Tagen das Haus wieder räumen mögen oder ob sie mehrere Wochen bleiben: Ihnen ist gelungen, wozu momentan weder die Linkspartei noch der Politaktivismus fähig sind. Mit einer aufwendig organisierten, vom Grundgedanken her aber einfachen Kunstaktion haben sie es geschafft, die Kritik an einer Stadtentwicklung zu bündeln, die bisher nur realpolitisch zerstückelt in Einzelthemendebatten vorkam.

Weitere Informationen: www.b6112.de

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