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Tschechische Kohle-Einkaufstour

Stadtwerke verkaufen Kraftwerk Mehrum in Niedersachsen an die EPH-Gruppe

  • Von Christian Mihatsch
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der tschechische Energiekonzern EPH (Energeticky a prumyslovy Holding) sammelt deutsche Kohlekraftwerke und Braunkohletagebaue. Im Jahr 2009 übernahm das Unternehmen die Mibrag (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft) mit ihren zwei Tagebauen, zwei Kraftwerken sowie anderen Beteiligungen. Vergangenes Jahr erlöste EPH dann den schwedischen Vattenfall-Konzern von seinem deutschen Braunkohlegeschäft in der Lausitz und bekam damit vier weitere Tagebaue, vier Kohlemeiler und andere Beteiligungen. Nun diversifiziert der Konzern ins deutsche Steinkohlegeschäft und kauft von den Stadtwerken Hannover und Braunschweig das Kraftwerk Mehrum. »Aktuell wird unser Portfolio von Braunkohle als Primärenergieträger dominiert und mit Mehrum um Steinkohle strategisch ergänzt«, sagte EPH-Vostand Jan Springl zum Kauf: Für ihn ist dies ein gutes Geschäft: »Wir sind der Überzeugung, trotz der aktuell schwierigen Marktbedingungen für Kohlekraftwerke, eine wirtschaftliche Perspektive für Mehrum im Verbund unserer Kraftwerke zu finden«. Das Kraftwerk nahe Peine produzierte 2016 mit 120 Mitarbeitern knapp 2000 Gigawattstunden (GWh) Strom.

Aus Sicht der Stadtwerke Hannover sieht die Situation genau umgekehrt aus: »Die konsequente Umsetzung unserer Strategie und der wirtschaftliche Druck im Kohlekraftwerksbereich haben uns dazu veranlasst, einen Verkauf in Erwägung zu ziehen«, sagte die Chefin des kommunalen Unternehmens, Susanna Zapreva. Die Strategie der Hannoveraner beruht auf dem Rückzug aus der Kohleverstromung und dem Ausbau der erneuerbaren Energien.

Aus diesem Grund wurde sogar auch eine Stilllegung von Mehrum geprüft. Denn das Kraftwerk ist ein schlechtes Geschäft. 2016 wurde der Wert der 83,33-Prozent-Beteiligung an Mehrum um 29,1 Millionen Euro reduziert - nach einer Abschreibung im Jahr davor von bereits 20,6 Millionen. Die Stadtwerke führen die jüngste Wertminderung auf die »veränderten Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit der Energiewende und der Strompreisentwicklung am Terminmarkt« zurück. Dennoch schätzen auch die Hannoveraner die Zukunft von Mehrum positiv ein und gehen davon aus, dass die Wertminderung »nicht von Dauer« ist. Das Unternehmen erwartet laut Geschäftsbericht, dass »mit der Stilllegung der letzten Kernkraftwerke in Deutschland und dem Ausscheiden älterer konventioneller Kraftwerke eine bessere Vermarktbarkeit des Kraftwerks Mehrum erwartet wird«.

Diesen Optimismus teilt der zweite Anteilseigner von Mehrum allerdings nicht. Die Stadtwerke Braunschweig haben ihre Beteiligung bereits auf Null abgeschrieben. Wie viel man mit dem Verkauf noch eingenommen hat, ist unbekannt, denn über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart. Ein Brancheninsider hält sogar einen »negativen Preis« für möglich.

Unklar ist auch, ob das Kohlekraftwerk die schärferen EU-Emissionsgrenzwerte für Stickoxide, Schwefeloxide, Quecksilber und Feinstaub erfüllt. Diese gelten ab dem Jahr 2021. Sollte das Kraftwerk, das 1979 in Betrieb genommen und im Jahr 2003 »umfassend« modernisiert wurde, diese Grenzwerte nicht erfüllen, wäre eine kostspielige Nachrüstung erforderlich. Ob dies der Fall ist, blieb bislang unbeantwortet. Die Mehrum-Betreiber veröffentlichen bisher keine Angaben zu den Emissionen.

Welche Auswirkungen die neuen Grenzwerte haben, hat das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) in Cleveland (Ohio) in einer Studie analysiert. Demnach ist insbesondere die tschechische EPH durch die Grenzwerte gefährdet: »Die Strategie, notleidende Anlagen zu kaufen, funktioniert kurzfristig. Die Firma nähert sich aber einem Scheideweg im Jahr 2021, wo sie entweder große Teile ihres Kraftwerkparks verliert oder viel in alte Kraftwerke investieren muss, um den Marktanteil zu halten.«

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