Kanzlerin kann nur eine

Der CDU-Spruch »Für ein Deutschland, in dem jeder alles werden kann.« ist eine glatte Lüge, meint Roberto J. De Lapuente

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Bundestagswahl 2017: Kanzlerin kann nur eine

Frau Merkel wird wohl ihr viertes Kabinett einbestellen. Davon ist auszugehen. Drei dieser vier Regierungsaufträge hat sie mit dem historisch zweit-, dritt- und fünfschlechtesten Ergebnis ihrer Partei bei einer Bundestagswahl eingefahren. Das schlechteste Ergebnis der Union stammt übrigens aus der Urwahl dieser Republik, aus dem Jahr 1949. So kurz nach dem Krieg gab es noch keine Sperrklausel - und so landeten zwölf Fraktionen im Bundestag. Man kann folglich sagen, dass im Jahr des schlechtesten Wahlergebnisses der Union noch außergewöhnliche Bedingungen herrschten, womit man berichtigen könnte, dass die Kanzlerin eigentlich mit dem schlechtesten, dem zweit- und den viertschlechtesten Ergebnis der Neuzeit in Serie ging.

Das muss man ihr lassen. Der letzte, der aus Scheißsituationen mit einem Batzen Gold aus der Sache kam, das war König Midas von Phrygien. Der litt freilich unter seiner Transformationsgabe, was man bei Frau Angela Midas nun wirklich nicht sagen kann. Da leidet eher ein großer Teil jenes Volkes, auf dessen Geheiß sie sich immer wieder im Amt bestätigt fühlt. Es leidet die soziale Gerechtigkeit, der Sozial- und Rechtsstaat, Rentner, Arbeitslose und Geflüchtete. Letztere bemüht sie mit Vorliebe immer dann, wenn sie die Humanität in den Hosenanzug stecken will, um die Verschärfung der Asylpolitik und den Deal mit dem türkischen Größenwahn ein bisschen zu kaschieren.

Dieser ganz spezielle Midaskomplex, nämlich aus miserablen Wahlergebnissen vergoldet herauszukommen, macht wie gesagt nicht ihr zu schaffen wie einst dem ollen Legendenkönig, sondern der großen Mehrheit derer, die alle vier Jahre nicht diese Frau wählen. Die empfinden sie und ihren komatösen Politikstil als Lähmung, als Behinderung möglicher persönlicher Potenziale. Denn die soziale Undurchlässigkeit ist auch weiterhin ein deutscher Sonderweg in Europa. Durchlass kommt zwar ab und an vor, die sozialen Strukturen behindern aber grundsätzliche Ergebnisoffenheit bei den Lebensläufen und Bildungswegen der Menschen im Lande. Und so vererbt sich Armut wie Reichtum wie ein Leberfleck.

Speziell die Kinderarmut wird als Kollateralschaden gekürzter Sozialetats hingenommen. Wer unter schlechten Startbedingungen antritt, dem stehen nun mal weniger Türen offen. »... ein Deutschland, in dem jeder alles werden kann«, ganz so wie die Cancellaria aeterna warb, gibt es nicht. Einige können etwas werden. Und wenige können alles werden. Aber jeder kann nicht alles werden. Sie wurde für dieses Plakat, auf dem sie als Kinderfoto posierte, schon vor der Wahl gerüffelt. Sie würde ihre eigene Vita heranziehen, um Augenwischerei zu betreiben. Aber ehrlich gesagt war sie schon mal nicht jeder - sie war die Tochter eines Pastors, der der DDR sehr zugewandt war und hat auf dieser Prämisse studiert, wurde Akademikerin und landete durch den geschichtlichen Zufall in der Politik.

Bundeskanzlerin wurde sie auf Grundlage von historischem Glück - und ganz besonders aufgrund ihres akademischen Bildungsweges. Einen Bundeskanzler, der nicht studiert hat, konnte man sich schwer vorstellen: Auch dafür hat man Martin Schulz nämlich kritisiert. Mit weniger guten Voraussetzungen hätte sie es wahrscheinlich nicht zum dem gebracht, was sie heute in Dauerschleife ist. In ihrer eigenen Republik ohnedies nicht. Als Tochter eines Niedriglöhners würden ihre Chancen zum Beispiel schlecht stehen, auch nur ein Studium zu beginnen.

Es kann in Merkels Deutschland eben nicht jeder alles werden. In Merkel-Land ist nur sie alles – und zwar in jeder Situation. Sie filtert aus Scheißergebnissen bei den Wahlen noch immer eine Kabinettsbildung heraus. Diese Frau unterbietet ihre eigenen negativen Rekordwahlergebnisse und bleibt einfach im Amt. Sie kann offenbar alles werden, für sie gibt es keine schlechten Startbedingungen, sie macht einfach weiter so, sie schafft das.

Womöglich meinte sie mit ihren Plakat genau das. Denn jeder ist letztlich das Produkt seiner Erfahrungen, nimmt die Welt immer ein bisschen so wahr, wie sich seine Umwelt gestaltet. Wenn man trotz nachhaltiger Mittelmäßigkeit immer wieder im Kanzleramt landen kann, dann denkt man irgendwann vielleicht wirklich in einem Land zu leben, in der jeder alles sein kann. Sogar Kanzlerin ohne Mehrheit und ohne Sympathiepunkte. ​

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