Letztlich läuft alles nur aufs Scheitern hinaus

Das »Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung« widmet sich diesmal ganz der Oktoberrevolution

  • Von Reiner Tosstorff
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie zu erwarten war, ist der Schwerpunkt der Ausgabe des »Jahrbuchs für historische Kommunismusforschung 2017« dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution gewidmet. Zehn der insgesamt vierzehn Beiträge kreisen um dieses epochale Ereignis. Eine globale Einordnung über den unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang der Revolutionsjahre hinaus, eine Einbettung in den Verlauf des 20. Jahrhunderts sowie eine Analyse der Interaktion mit Geschehnissen andernorts in der Welt erfolgt eher nicht, wird nur in einzelnen Beiträgen angedeutet. Womit die Revolution von 1917 weitgehend Russland-verhaftet bleibt. Das mag, muss aber nicht der Vorgabe von nur etwa zwanzig Seiten für jeden Autor geschuldet sein.

Doch am frappierendsten ist, dass die hinter der Revolution stehende soziale Basis - oder zumindest die von den politischen Akteuren beanspruchte, also die Arbeiterklasse und vielleicht auch die Bauern - ebenfalls in diesem Band keine große Rolle spielt. Womit sich dann auch das Jahr 1917, das eigentlich Revolutionäre an der russischen Revolution, überhaupt nicht erklären lässt. Trotz aller Unterschiede im Stil der einzelnen Autorinnen und Autoren ist deren Blick vor allem auf die politische Sphäre konzentriert.

Das wird am deutlichsten beim Eröffnungsbeitrag von Jörg Baberowski, der sich aber immerhin noch um eine umfassendere Sicht bemüht. Er versucht eine Ableitung der Revolution aus der russischen Geschichte, die jedoch rasch in eine herrschaftszentrierte Darstellung der bolschewistischen Macht umschlägt, die zudem nur auf Lenin fokussiert ist. Über die gesellschaftlichen Kräfte, die in der Revolution zum Ausdruck kamen, erfährt man dagegen nichts. So erscheinen die Bolschewiki hier nur als Machtmenschen, und man muss sich fragen, gegen wen sich die Revolution überhaupt richtete. Damit bleibt unklar, wie sich die in der enormen sozialen Ungleichheit enthaltene strukturelle Gewalt mit der durch den Weltkrieg hineingetragenen militärischen vermischte und in einer Eskalation der Entgrenzung auf allen Seiten des Bürgerkrieges entlud.

Einen größer angelegten Längsschnitt durch die russisch-sowjetische Geschichte unternimmt Dietrich Beyrau, bei dem allerdings alles ebenso nur auf ein unvermeidliches Scheitern hinausläuft. Vier weitere Beiträge konzentrieren sich auf unmittelbare historische Ereignisse und Prozesse, so auf die provisorische Regierung, die Konflikte in der östlich von Moskau gelegenen Stadt Vjatka (heute Kirow), auf das Revolutionsgeschehen und den Unabhängigkeitskampf in der Ukraine und schließlich die ersten Schritte zur Gründung der Kommunistischen Internationale. Weitere Aufsätze befassen sich mit der Außenwirkung, etwa die frühe Wahrnehmung durch die deutsche Sozialdemokratie, die beginnende antikommunistische Hysterie und Verfolgung in den USA und die kinematografische Darstellung und Inszenierung der Revolution überwiegend, aber nicht ausschließlich im sowjetischen Film. Den Abschluss bildet ein interessanter Blick auf Verschwörungstheorien, die nach der Revolution durch Gegner kolportiert wurden und die weitgehend antisemitischen Klischees folgten.

Insgesamt wirken die Beiträge etwas disparat. Sie erbringen nur teilweise Neues, auch wenn sie manchmal durchaus instruktive und zuspitzende Zusammenfassungen bieten. Es fehlt, was von der Oktoberrevolution heute bleibt. Es wird keine umfassende Bilanz gezogen, die über die Feststellung des Zusammenbruchs der Sowjetunion hinausgeht.

Abgeschlossen wird der Band durch zwei biografische Skizzen, die allerdings nicht Akteure der Revolution porträtieren, sondern allenfalls Personen in deren Schatten, sowie mit zwei Beiträgen zur KP Österreichs und zur Herausbildung des Eurokommunismus. Wiedergegeben wird eine westdeutsche Fernsehdiskussion von 1970 über Lenin, die heute nur noch von dokumentarischem Interesse über den »Zeitgeist« in jenem Jahr ist.

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2017. Herausgegeben von Ulrich Mählert, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulbach u. a. Metropol-Verlag, 282 S., geb., 29 €.

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